Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 36-37 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425704--0314-2426588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 36/37 ►Neue National-Zettung« Seite 1 können zur Befestigung und Verstärkung dieser Institution, der einzigen Waffe im Kriege gegen den Krieg. . Nachdem Redner die Aussprüche von Karnebe ek und Nelidoff über die Bedeutung der Friedenskonferenz zitiert hat, setzte er fort: Kein Friede' zwischen den Völkern, keine äußere Sicherheit ohne inneren Frieden, ohne innere Sicherheit. Nun ist die unentbehrliche Bedingung der dauernden inneren Sicherheit jedes Staates, groß oder klein, die Herrschaft des Rechtes, der Gerechtigkeit, innerhalb seiner Grenzen. In allen Ländern, ich erspare Ihnen die Namen, wo das Recht mißachtet und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird durch Ausnahmegesetze, die in all ihrem Schrecken gegen die jüdischen Einwohner wüten, bedrohen innere Unruhen, unabwendbare und verhängnisvolle Folgen von Glaubens- und Rassenhaß, ohne Aufhören den äußeren Frieden. Und nun, meine Herren, Mitglieder des Kongresses, will ich Sie nicht länger aufhalten. Ihre Arbeit erwartet Sie. Möchten Sie sie vollbringen in der Würde, welche der Ernst Ihrer Debatten zu noch höherer Stufe en-rhcrt. vv.i möchten Sie, zurückgekehrt in die Länder, aus denen Sie gekommen sind, eine unauslöschliche Erinnerung behalten an die Niederlande, das klassische Land der Freiheit, wo die Juden in Wahrheit ihren Mitbürgern gleich stehen nach Recht und in Wirklichkeit. So sei es! (Anhaltender Beifall.) Nach der Rede Pintos hielt Dr. Tschlenow im Namen der palästinensischen Kolonisten eine mit großem Beifall aufgenommene, von warmer Liebe erfüllte Ansprache, in der er den Gruß der Brüder aus Erez Israel entbot. Hierauf wurde ein in hebräischer Sprache abgefaßtes Begrüßungsschreiben der jüdischen Gemeinde Haag verlesen und. lebhaft akklamiert. Die Rede Max Nordaus. Bald tritt erwartungsvolle Ruhe ein. Dr. Max Nordau soll das Wort ergreifen. Seine Rede war auf jedem Kongresse ein Ereignis ersten Ranges, nicht blos wegen ihres Inhaltes, sondern auch wegen ihrer oratorischen Vollkommenheit. Es war bekannt, daß Nordau bis zum letzten Augenblicke sich geweigert hatte, zu sprechen; wie einer seiner Intimem meinte, weil die Zeit der Reden schon vorüber und die Zeit der Taten noch nicht gekommen sei. Aber ein Kongreß ohne eine Rede Nordaus wäre eine Halbheit. Nordau fügte sich schließlich dem allgemeinen Wunsche. Er sprach und er hat die Erwartungen diesmal — nicht erfüllt: inhaltlich und formell. Was er sagte, war nicht neu und bei allem Geistreichtum hat er weder überzeugt noch fortgerissen. Er sprach, weil er sprechen mußte, aber er hatte nichts zu sagen. Seit dem Tode Herzls fühlt er sich in der Bewegung isoliert. Auch sein Organ hat nicht mehr den alten Klang; es ist müde und farblos geworden. Diese herrliche Stimme, die am ersten Kongreß und im Wiener Musikvereinssaal das ganze Innere der Zuhörer aufgewühlt und in Vibrationen versetzt hat, die bald wie ein Donner betäubte, bald wie ein Messer durch die Seele ging: sie ist schleppend und monoton geworden. Als Nordau die Tribüne betrat, wurden ihm stürmische Ovationen zuteil. Dieselben wiederholten sich bei mehrfachen Stellen seiner Rede und besonders als er für das jüdische Zwölfmillionenvolk Gerechtigkeit forderte. Zuerst sprach Nordau französisch, indem er Herrn de Pinto für die herzliche Begrüßung dankte. Dann setzte er deutsch fort: Geehrter Kongreß! Ein Jahrzehnt wird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der erste Zionistenkongreß in Basel eröffnet worden ist. Unser unvergeßlicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute über unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Steintafeln gemeißelte Denkmalinschrift klangen: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland".....„Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuß breit erworbener Kultur aufzugeben"..... „Ein Volk kann nur sich selbst helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen".....— „Von einem vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück und werden resorbiert." Dies sind einige der Kernsätze, die Herzl damals verkündete, und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu übertreffen sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Mißverständnisse noch Verständnislosigkeiten, Verdrehungen und Entstellungen. Der Zionismus ist keine Barmherzigkeit. Ein Mißverständnis war es, daß man im Zionismus eine große Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte (Bravorufe). Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in den freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sie glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war es jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Bravorufe und lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht uian keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischem Volk und will dem einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung aufraffen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungen auf eigenem Boden und selbstgeschmiedetes Glück zu schaffen. (Beifall.) Die Zionisten aus Mitleid, die den geringen jährlichen Beitrag zur Bewegung, den Schekel, darboten, wie man eine kleine Münze in eine flehend ausgestreckte Bettlerhand gleiten läßt, sind denn auch großenteils abgefallen, als sie ihren Irrtum erkannten, und treu blieben nur die, die sich bewußt waren, daß im Zionismus ein zerrissenes Volk um die Wiedervereinigung seiner umhergestreuten Gliedmaßen und um die Wiedergeburt ringt. Kein religiöser Fanatismus. Verständnislosigkeit war es, daß man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als eine Absage an den Fortschritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Asiatentum und Ghettoabsperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiß der Zionismus sich vollkommen frei; zu frei, sagen gewisse jüdische Kritiker und Gegner. Er vereinigt Vertreter der Konservativsten und der Freisinnigsten des Judentums in sich. (Bravorufe.) Kein Asiatentum. Das Wort Asiatentum macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt (lebhafter Beifall), daß man sehr wohl Asiate und gleichzeitig höchst fortschrittlich sein kann. (Erneuerter, andauernder Beifall.) Tatsächlich aber sind wir unseres 2000jährigen Europäertums so sicher, daß wir über die Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. (Sehr richtig!) Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute (Heiterkeit), in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden sind. Wir würden uns bemühen, in Vorderasien zu tun, was die Engländer