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Neue Nationalzeitung · 1907-08-23 · Heft 36-37 (23.8.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 36-37 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 •>Neue Nat!onaI-ZeItung< Nr. 36/37 Gründung eines hebräischen G}'üinasiums ein vielversprechender Versuch. Es soll noch dies und jenes in Angriff genommen werden, aber mit großer Vorsicht. Man muß den Drang des Gründertums, auch wenn er den edelsten Beweggründen entspringt, durch weise Mäßigung bezähmen, weil ein Losgehertum mehr schaden als nützen kann. Bei praktischer Arbeit muß der Rechenstift zur Geltung - kommen. Eine nüchterne, vorsichtige Beurteilung ist bei diesen Fragen zuträglicher als eine enthusiastische Ueberstürzung. Viele Dinge sind technisch zu behandeln und können nur durch die Begutachtung der erfahrenen Sachkenner, nicht aber durch Gefühlsregungen entschieden werden. Wir müssen uns bewußt sein, daß es nicht genug ist, Leitsätze aufzustellen, man muß sie auch in die Praxis umsetzen können. Denn die großen Gedanken allein machen es nicht, wenn nicht vorher durch systematische Arbeit der Boden vorbereitet worden ist, auf welchem die Gedanken ausreifen können. Praktische Palästinaarbeit und Nationalfond. Fernerhin wird der Kongreß Gelegenheit haben, aus den Problemen praktischer Palästinaarbeit alle erörterungsfähigen Punkte zu beleuchten und den Forderungen einer vorwärtsschreitenden Entwicklung gerecht zu werden. Auch über den Nationalfonds, dessen Legalisierung nach langen Bemühungen wir mit Genugtuung verzeichnen können, werden Sie sich aus dem Ihnen zu erstattenden Bericht ein richtiges Bild machen können und Gelegenheit finden, die Weiterentwicklung dieses Instituts durch neue Anregungen zu fördern. Ueber den Stand der Kolonialbank werden Sie in der Generalversammlung genau unterrichtet werden und hier werden wir zu der Frage der Abänderung der Statuten Stellung zu nehmen haben. Ferner muß für die Verinnerlichung und Vertiefung des Zionismus Sorge getragen werden, und zu diesem Zwecke wird das Problem der nationalenErziehuug in die Diskussion gestellt werden. Innerpolitische Fragen. Zu den Gegenwarterscheinungen der letzten Zeit gehört die Beteiligung der Zionisten bei inner polit i s c h e n F r a g e n. Es ist dies ein Problem, das mit nüchterner Klarheit erwogen werden muß, damit im wohlverstandenen Interesse der Organisation eine Zersplitterung vermieden und die richtigen Linien für unser Arbeitsgebiet gezogen werden. Wir müssen auch die Erweiterung, Erneuerung und Vertiefung der Propaganda ins Auge fassen, und deshalb werden Ihnen auch Anregungen zur Neugestaltung dieses wichtigen Arbeitsgebietes vorgelegt werden. Der Zionismus ist kein Eintagsprojekt. Geehrter Kongreß! In einer so zahlreichen Versammlung, die aus allen Enden der Welt zusammenkommt, und deren Zeit so knapp bemessen ist, können nur die großen Richtlinien für die spätere Arbeit vorgezeichnet werden. Wir müssen vorwärts schreiten, und was bis jetzt versäumt worden ist, muß nachgeholt werden. Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen. Wollen wir ernten, so müssen wir zuerst säen. Viele Samenkörner gehen zugrunde, denn die Scholle ist hart und der Himmel nicht immer günstig. Aber rastloses Streben und ernstes Arbeiten sichern die Ernte. Seien wir dessen eingedenk, daß unser Ziel nicht ein kurz abgestecktes Eintagsprojekt ist. Es ist das logische Ergebnis jahrtausendlanger Erfahrungen. Wir verkörpern in unserem Bestreben die Synthese der jüdischen Geschichte. Hier gilt's, nicht vor Widerständen zu weichen. Bei willkürlichen Unternehmungen mag der Flug der Initiative schnell enden und die Schwingen der Phantasie rasch herabfallen. Aber wir schreiten aut historischen Bahnen, und da gibt's kein drängendes Ueberstürzen, kein Zurücksinken in die Trostlosigkeit und keine Fahnenflucht. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen gut. Der Zionismus ist keine Zufälligkeit und keine Laune einzelner Menschen. Er ist der klare, durch historische Gesetze bedingte Kreislauf des jüdischen Volkes. In diesem Glauben und in dieser Ueberzeugung schöpfen wir den vollen Mut für unsere große und schwere Arbeit. Möge dieser Mut den Kongreß erfüllen und mit Gottes Hilfe Segen von ihm ausströmen über unser Volk und über das Sonnenland unserer Hoffnungen! (Langanhaltender, stürmischer Beifall.) Das Wort erhält hierauf der greise Herr Dr. A. A. de Pinto, Vizepräsident des Hohen Rates (Oberster Gerichtshof; der Niederlande und Vorsitzender des Ehrenkomitees, zur Begrüßung des Kongresses. Mit großem Beifall empfangen, hielt er (in französischer Sprache) folgende Ansprache: Die Rede De Pintos. »Ein französischer Schriftsteller von mehr oder weniger chauvinistischer Gesinnung, seinen Namen habe ich vergessen, hat irgendwo gesagt: Jeder Mensch hat zwei Vaterländer, sein eigenes und Frankreich. Man würde, wie mir scheint, viel mehr in Uebereinstimmung mit der Wahrheit sagen können : Jeder Jude, Zionist oder nicht, dem es am Herzen liegt, von dem kräftigen und unzerstörbaren Stamme abzustammen, der ein immer lebendiges Bild aus einem sehr, sehr entfernten Alter darstellt, jeder Jude, der noch stolz ist auf diesen Namen, hat zweierlei Vaterland, sein jeweiliges und das Heilige Land, Palästina, Jerusalem. (Stürmischer Beifall.) Vor allem Niederländer — es ist mir daran gelegen, dies hier nachdrücklich zu erklären — habe ich doch stets in meinen Herzen die fromme Erinnerung an Israels alten Ruhm aufbewahrt, unzertrennlich von der tiefgefühlten Pflicht, durch Wort und Tat zu zeugen gegen die Greuel, die traurigen Ueberreste mittelalterlicher Beschränktheit, gegen Vorurteile und Aberglauben, deren Opfer noch heutzutage die Juden in einigen sogenannten zivilisierten Staaten sind. Ich habe denn auch, meine Herren Delegierten, zum Kongreß ohne Zögern das ehrende Mandat angenommen, welches mir übertragen wurde durch die nicht unansehnliche Anzahl der hier bestehenden israelitischen Gemeinden, nämlich Sie von Herzen willkommen zu heißen in dieser Stadt, der Residenz unserer geliebten Königin, des würdigen Sprosses des durchlauchtigen Hauses von Orahien-Nassau, dessen Schicksal mehr als drei Jahrhunderte so eng verbunden war und ist mit der Niederlande Glück und Unglück. (Lebhafter Beifall.) Sie finden im Haag noch versammelt die zweite Friedenskonferenz, zusammengesetzt aus Abgesandten beinahe aller Staaten von Europa, Asien und Amerika. Nun hat der ausgezeichnete Redakteur des »Courier de la Conference de la Paix«, der Herr William T. Stead, der große Friedensapostel, in seiner Nummer vom 4. August gesagt: »Entre le congres (Sioniste) et la Conference il n'existe aueune relation, mats ces deux ont plusieurs points de commun.« Ich bin ganz derselben Meinung. Man hat behauptet, daß die Friedenskonferenz in der Tat viel mehr eine Konferenz für die Reglementierung und die Kodifizierung des Kriegsrechtes ist. In dieser Behauptung liegt Wahrheit, aber nicht die volle Wahrheit. Zweifelsohne hat die zweite Konferenz, dem Weg der ersten folgend, die auch in Haag vor acht Jahren, 1899, stattfand, sich bis jetzt hauptsächlich beschäftigt mit dem Kriegsrecht, mit Gebräuchen, Gewohnheiten, Verträgen, die den Zweck haben, die Greuel, die unzertrennlich sind von dieser großen-.Geißel der Menschheit, soviel wie möglich zu vermindern. Vergessen wir aber nicht, daß, wenn die erste Konferenz den ersten Schritt getan hat auf dem langen Weg, der endlich zur Verminderung des Krieges führen könnte, durch die segensreiche Idee des Schiedsgerichts, die schon verkörpert ist in dem internationalen Hof im Haag, die zweite Konferenz die Mittel in die Hand genommen hat, die dienen

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