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Neue Nationalzeitung · 1907-08-23 · Heft 36-37 (23.8.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 36-37 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 »Neue National-Zeitung« Nr. 36/37 Die Derhandlungen des Kongresses. Der Eröffnungstag. Mittwoch, den 14. August. In Gegenwart von über 300 Delegierten und eines fast zweitausendköpfigen Publikums fand Mittwoch, den 14. August, im Gebäude für Kunst und Wissenschaft die Eröffnung des VIII. Zionistenkongresses statt. Es war eine Feiertagsstimmung. Die Frauen erschienen iu hellen Toiletten; die Männer in dunklem Festkleide. Der monumentale Saal mit den zionistischen Emblemeu, die vollgepfropften drei Galerien, die hohe Estrade und das ganze Parterre, dichtgefüllt mit Delegierten beiden Geschlechtes, machten einen imposanten Eindruck. Mit stürmischem Beifall begrüßt, ergriff Präsident David Wolffsohn das Wort, um den Kongreß zu eröffnen. Er begann: Geehrter Kongreß! Zehn Jahre sind es her, seitdem von der ersten zionistischen Tribüne in Basel der Sehnsuchtsschrei des jüdischen Volkes, der Ruf nach Raum, Licht und Leben im Lande der Väter in die Welt hinausklang. Genau vor zehn Jahren, als unser unvergeßlicher Theodor Herzl den ersten Zionistenkongreß eröffnete, sprach er die denkwürdigen Worte aus: „Ein Volk muß sich selbst helfen." Und ein Blick zurück auf die Geschichte der verflossenen zehn Jahre unserer Arbeit kann nur dazu angetan sein, die tiefe Wahrheit, die in diesen Worten liegt, zu bestärken. Die nationale Selbsthilfe. Wohl fühlten wir uns schon, an der Schwelle unserer Tätigkeit stehend, für unser Ideal hoch begeistert und erglüht; doch waren wir schwach und winzig, und mit leeren Händen standen wir da. Den einen waren wir schwärmerische Gestalten, den anderen unbequeme Störenfriede. Man glaubte, uns mit einem spöttischen Achselzucken abtun zu können. Doch kümmerten wir uns ebensowenig um die phlegmatische Gefühllosigkeit als um die gegen uns gerichteten Angriffe des Mißverstandes. Die Richtschnur unseres Arbeitsprogrammes war die Selbsthilfe. Und siehe, in unaufhaltsam fortschreitender Bewegung vollzog sich die Sammlung unserer Kräfte und die Gründung unserer Institutionen. Seit jener ersten Tagung in Basel 1897 haben sich unsere Kongresse einem mächtig anschwellenden Strome gleich gestaltet. Wir können nicht mehr als Utopisten beiseite geschoben werden. Keinerlei Bannflüche sind imstande, uns aus der Welt zu schaffen. Ja, als wir von dem größten Unglück, das eine junge Organisation treffen konnte, heimgesucht worden sind, als unser Führer in unvollendeter Tagesarbeit uns durch den Tod entrissen wurde, da glaubten manche, die Bewegung sei tot. Es war aber nur ein Scheintod. Der Kongreß wird es kundtun, daß der Zionismus sich in der Vollkraft des Schaffens befindet. Die Ungeduldigen und Zweifler, die, einer pessimistischen Anschauung huldigend, auf dem vorigen Kongreß „Auf Nimmerwiedersehen" riefen, hatten keinen richtigen Einblick in die unverwüstlichen, volkstümlichen Kräfte unserer Idee. Sind wir doch wieder im Zeichen Zions vereint und versammelt und werden uns immer und immer wieder für unser Ideal vereinigen und versammeln. Von diesen Gefühlen bestärkt und gehoben, haben wir uns nun zum achten Zionistenkongreß versammelt, und diesmal im Lande des siegreichen menschlichen Kampfes mit der Natur und der mittelalterlichen Tyrannei, im reichgesegneten Holland. Fürwahr, uns Juden ist Holland kein unbekanntes Land. Eine versunkene Zeit zieht vor uns herauf. War es ja hier, wo viele unserer Volksgenossen, die vor den Furien der Inquisition geflohen, eine Stätte des Friedens gefunden haben. Anderwärts durch Gewissenszwang gequält und durch brutale Gewalt zu Tode gehetzt, wurden sie hier liebevoll aufgenommen. Hier fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne der spanisch-jüdischen Glanzperiode. Denker, Dichter und Künstler unseres Stammes haben nicht wenig zu dem Ruhmeskranze Hollands beigetragen. In den schönen Gauen der Niederlande, unter der milden Herrschaft des ruhmreichen Hauses Oranien, an der Seite des guten, biederen holländischen Volkes zeigten sie, welche schlummernden Kräfte und Talente die Freiheit aus der Seele des jüdischen Volkes herauszuzaubern vermag. Es wurde ihnen nicht nur die zur Existenz nötige Ruhe gegönnt, sondern auch die Möglichkeit gegeben, .als schaffende Bahnbrecher und Pioniere auf vielen Gebieten erfolgreich zu wirken. Unter holländischer Flagge segelten sie auch nach anderen Ländern, um neue Zufluchtsstätten für unser Volk zu finden. Es ist dies ein Band rührender Erinnerungen, das sich um dieses Land und die Juden schlingt. Und noch eine Gedankenverbindung drängt sich uns auf. Werden doch hier in dieser schönen Stadt, wo wir uns eben befinden, Anstrengungen gemacht, die zivilisierten Völker einander näher zu bringen, um den Weltfrieden zu fördern. In einem Lande mit solchen Traditionen in der Vergangenheit, und mit einer solchen Sendung in der Gegenwart glauben wir mit Recht auf einen Widerhall unserer Bestrebungen hoffen zu dürfen. (Anhaltender Beifall.) Das Schreckensjahr 1905. Geehrter Kongreß! Zwei Jahre sind seit dem siebenten Kongreß verflossen, und tiefe Spuren haben sie in unserer Leidensgeschichte hinterlassen. Greuel sind an unserem Volke begangen worden, deren Erinnerung das Blut in den Adern erstarren macht und vor denen die Menschheit beschämt ihr Haupt verhüllen dürfte. Das Jahr 1905 überholte an Gewalttaten manches mittelalterliche Schreckensjahr. Wer würde es unternehmen, der Jeremias der neuen Ruinen und der neuen Gräber zu sein? Wer könnte die Unmasse zählen, die Namenlosen nennen und all die Greuelszenen der Selbstwehr schildern, wo junges, hoffnungsvolles jüdisches Blut in einem heroischen, aber unmöglichen Ringen dahinsank? Wir müssen (die Versammlung erhebt sich), die wir hier sind, zu den verklärten Gestalten unserer Brüder und Schwestern, die mit ihrem Tode das Martyrium des Goluth besiegelten, ehrfurchtsvoll aufschauen . . . Aber nicht durch Klagen und Seufzen, und nicht durch Ausbrüche ohnmächtiger Wut, sondern durch eine unermüdliche Arbeit an unserer Erlösung werden wir ihr Andenken ehren. Die Konferenz in Brüssel. Natürlich waren auch wir bemüht, die Leiden zu lindern. Die momentane Notstandsaktion ne hm auch uns in Anspruch. Das Programm ist bekannt: Aufrufe, Spenden, Petitionen und Proteste. Der redliche Fleiß und die großartige Opferfreudigkeit, die alle jüdischen

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