Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 36-37 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 36/37 Die zionistische Partei hat die Frauenfrage bereits glücklich gelöst. Die Frauen besitzen aktives und passives Wahlrecht zum Kongreß. Einige weibliche Delegierte sind auch am Kongreß erschienen, darunter Miß Karmel G o 1 d s m i d, die Tochter des leider allzufrüh verstorbenen Führers der englischen Zionisten, Colonel Albert G o 1 d s m i d. Miß G o 1 d s m i d neigt zum Itoismus und steht während des Kongresses in reger Korrespondenz mit Mr. Zangwill, allein sie vertritt den Standpunkt, daß sich politischer Zionismus und Itoismus keineswegs ausschließen. Von Beruf Schriftstellerin, hat sie jüngst ein tragisches Schauspiel aus dem russisch-jüdischen Leben „In the Name of the Tsar" (Im Namen des Zaren) verfaßt, welches demnächst an einer Londoner Bühne zur Aufführung gelangen soll. Der Zionistenkongreß hat auch seinen Globetrotter. Herr Robert Gutmann, Student aus Prag, hat nunmehr zum drittenmal eine Fußwanderung unternommen, um dem Kongresse beizuwohnen. Den Weg von Prag nach dem Haag (846 km), hat Herr Gutmann in 44 Tagen ununterbrochenen Marsches zurückgelegt. Am 17. Juni hat er Prag verlassen und am 29. Juli ist er über Sachsen, Rheinland in der Hauptstadt Hollands eingetroffen. Leider ist diesem Kongresse ein Menschenleben zum Opfer gefallen. Auf dem Wege aus Rußland nach dem Haag ist der Delegierte Moses Z ei 11 i n aus Petersburg bei der Eisenbahnkatastrophe von Gnesen um sein Leben gekommen. Es war seine letzte Fahrt. Diese Todesnachricht hat den Kongreß tief erschüttert und der Präsident hat auch der allgemeinen Trauer durch einen warmen Nachruf Ausdruck verliehen. Sachliches. Der VIII. Zionistenkongreß hatte auf seiner Tagesordnung keine Ueberraschung. Der Verlauf der Verhandlungen hat ebenfalls keine gebracht. Es wurde lediglich durch Beschlüsse das sanktioniert, was in den letzten zwei Jahren als communis opinio (allgemeine Ansicht) innerhalb der Majorität der zionistischen Partei Geltung erlangt hat: Die Rückkehr zum praktischen Zionismus. Diese Rückkehr bedeutet auch eine Umkehr. Die Erben Herzls wußten mit seinem diplomatischen Zionismus nichts anzufangen; die Volksmassen in Rußland und Galizien können nicht und wollen nicht mit gefalteten Händen und hungrigem Magen auf den Charter warten; die Territorialisfen mit ihren praktischen Plänen drängen zur Tat. So wurde denn der politische oder richtiger diplomatische Zionismus nur als Ornament beibehalten; der ' entschiedene Wille des ganzen Kongresses — bis auf wenige Stimmen ging dahin .— sofort, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und auf allen Gebieten in Palästina tätig zu sein. Es war eine langwierige, aber auch sehr interessante Debatte, die sich aus diesem Anlasse entwickelte. Sie hatte aber bloß theoretische Bedeutung. Jeder Delegierte kam gerade in diesem Punkte mit einer fertigen Meinung zum Kongreß. Die Beschlüsse betreffs Palästinas geben diesem ganzem Kongreß ihr Gepräge. Ich glaube für Jahre hinaus. Geht man einmal nach Palästina, mit der Kolonialbank, mit Kapitalien, Schulen, Garten anlagen, Oelbaum Wäldern, dann gibt es kein Zurück. Die Zukunft des Zionismus steht und fällt nun mit den Erfolgen der palästinensischen Experimente. Merkwürdigerweise hat Nord au in dieser Debatte das Wort nicht ergriffen. Er ist bereits am Sonntag abgereist. Diejenigen, die sich auf ein Rededuell, auf eine Abrechnung zwischen Nord au und Ussischkin, den Hauptrepräsentanten entgegengesetzter Richtungen, gefreut haben, sind nicht auf ihre Kosten gekommen. Nord au hat es aufgegeben für den politischen Zionismus noch mehr zu sagen, als er bereits in seiner Rede zum Fenster hinausgerufen hat. Er hätte auch keine Resonanz gefunden. Die russischen Delegierten sind geschlossen und zielbewußt vorgegangen. Alle Fragen, die den Kongreß beschäftigten wurden in ihrer Landsmannschaftskonferenz durchberaten. Hier lag der Schwerpunkt des Kongresses. Durch diese Geschlossenheit haben sie den Kongreß beherrscht. Die mangelhafte Kenntnis der deutschen Sprache seitens vieler Mitglieder hat wohl hie und da zu stürmischen Zwischenfällen geführt; sie haben aber nie ihre Majorität mißbraucht. Sie haben die Legenden, die von gewisser Seite verbreitet wurden, als ob sie die Kolonialbank und den Nationalfond nach Rußland mitnehmen wollten, zu Schanden gemacht. Im wichtigsten Punkte, wo sie .im Rechte waren, haben sie nachgegeben: Ihre Führer haben auf ihre Zugehörigkeit zum engeren Aktionskomitee spontan verzichtet. Wolffsohn behauptete, daß durch den Eintritt Tschlenows und Ussischkins die Aktionsfähigkeit und die Homogenität seines Komitees gestört wird. Nun werden sie ihn nicht stören. Er wird aber zu beweisen haben, was zwei deutsche Juden und ein holländischer, zwei Kaufleute und ein Universitätsprofessor zusammen vermögen. Die Zusammensetzung dieses Kongresses war weniger kompliziert als sonst. Die S. S. (Zionistischen Sozialisten) sind als Anhänger des Territorialismus ausgeblieben; die „Poale Ziona haben enttäuscht. Sie haben sich zu keiner programmatischen Erklärung aufgeschwungen, in den Reden ihrer Vertreter suchte man vergeblich nach der Betonung des Klassenbewußtseins oder nach irgend einer originellen Note. Es war alles so matt, wie wenn sie den Kongreß um Entschuldigung bitten würden, daß sie da sind. Man mag. darüber verschiedener Ansicht sein, ob dieser Kongreß so interessant war wie seine Vorgänger, oder ob er es nicht war. Man mag auch zugeben, daß diesem Kongresse die mise en scene gefehlt hat, durch die sich die ersten Kongresse so sehr ausgezeichnet haben. Diesem Kongresse kommt aber eine Bedeutung zu, die kein anderer vor ihm hatte: es war der erste Kongreß der Wirklichkeit. Zum erstenmal ein Kongreß, der mit den realen, wirklichen Tatsachen rechnete; zum erstenmal ein Kongreß, der die Verwirklichung der zionistischen Idee unsichtbaren rätselhaften Händen entwand und in die Hände des Volkes legte. Darin liegt die Bedeutung, darin besteht der Wert des achten Zionistenkongresses. Dr. S. 1^. Landau. Das Gebäude des Zionistenkongresses im Haag.