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Neue Nationalzeitung · 1907-08-09 · Heft 35 (9.8.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 35 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 35 seue National-Zeitung« Seite 11 J. L. PEltEZ: Reb' Berele. (Ans dem Jiddisch.) „Reb' Berele ist gefährlich krank"; „Reb' Berele ist leider gut krank"; „Reb' Berele liegt in der Agonie"; „Gott soll sich seiner erbarmen", „So ein Mann", „So eine Seele" —. Das waren die Sätze, die ich aus der Mitte einer Menschengruppe vernahm. „Wer ist Reb' Berele?" fragte ich. „Wie? Ihr kennt nicht Reb' Berele? Reb' Berele kennt Ihr nicht?" Man sah mich an wie einen Wilden, wie einen, der aus einer weltvergessenen Ferne stammt! „Entschuldiget, Freunde, bin ich doch erst kurze Zeit in Eurer Stadt," begann ich mich zu entschuldigen. „Das hat noch nichts zu sagen," hörte ich mir vorwerfen, „wer kennt nicht Reb' Berele? So einen Juden! Das Kind in der Wiege kennt ihn ja schon! Der Messias wäre schon lange gekommen, wären alle Juden so wie er!" Ich denke nach; das muß ein Rechtsgelehrter, ein wohltätiger und obendrein noch ein frommer Jude sein. Und in der Tat erinnerte ich mich, einmal einen Talmudkommentar von einem Verfasser aus Czechnowka gesehen zu haben. „Ich glaube, das Buch ist ein Talmudkommentar," sagte ich laut, meine Gedanken fortspinnend. Die Umstehenden heben verwundert die Achseln. Reb' Berele, heißt es. hat nie Bücher geschrieben und sich mit dem Gesetz nie abgegeben. Er war auch kein Rechtsgelehrter, er verstand kaum Unpunktiertes zu lesen. 0, denke ich mir, wenn kein Rechtsgelehrter, so doch ein großer Wohltäter! In der Stadt gibt es großartig angelegte Institute: ein Beth-Hamidrasch, eine Schule, ein sogenanntes Armenhaus, ein rituelles Bad . . . Und ich frage: „Welches von diesen Instituten hat sein Entstehen dem kranken Philantropen zu verdanken?" Da zucken die Leute wieder die Achseln: Ich möchte nicht spötteln, Berele hat weder das eine noch das andere gekannt. Er war, höre ich sagen, ein Geizhals. Um mit den Worten nicht zu sündigen, er hat keinem Juden einen Dreier ohne Prozent geliehen .. . Man möge es ihm nicht im Himmel gedenken, er hat nie einen Armen an seinen Tisch geladen ... Und der einzige Dreier, den er am Vorabend des Versöhnungstages in die Armenbüchse warf, machte ihm die Hand erzittern . . . Merkwürdig, hörte ich einen aus der Gruppe philosophieren, daß alle wahrhaft frommen Juden so geizhalsig sind. Geld geben nur die „Deutschen" ... Alle Wohltätigkeitsvereine sind nur von den Unfrommen gegründet... Die Gesetzestreuen stehen immer in der Ferne . . . Reb' Berele — nicht gesagt soll es sein — hätte sich für einen Groschen umbringen lassen ... Die Leute bestreben sich, das philosophische Problem zu lösen, und ich begebe mich zu einer anderen Gruppe. „Weh' unsern Jahre!" hör' ich wieder jammern, „Reb' Berele! Reb' Berele! Erst siebzig Jahre! Oj. wie bitter . ..!" Auch die zweite Gruppe beschäftigt sich also mit dem Kranken. Es muß doch etwas dran sein! „Der Abkömmling eines solchen Geschlechtes!4 höre ich einen seufzen. „Das wird wohl der Grund sein," denke ich mir. „EüON „Was für ein Abkömmling," höre ich einen zweiten sagen, „sein Vater war ein Schanker." „Wozu der Vater?" sagt ein dritter, „ist er selbst nicht eine teuere Persönlichkeit." „Wer ist Reb' Berele?' begann ich weiter zu forschen. Man sah mich wiederum an wie einen Wilden. Ich durchschaute den ganzen Markt, überall begegne ich Menschengruppen, die über die Krankheit Reb' Bereles jammern und klagen. Man hört kein anderes Wort in der ganzen Stadt als: Reb' Berele, Reb' Berele! wie wenn man in diesem glücklichen Ort über nichts anderes zu sorgen hätte als über den Gesundheitszustand dieses berühmten Mannes. Ein Wasserträger läßt ohnmächtig seine Kannen den nervigen Händen entsinken — eben jetzt hat er von der gefährlichen Wendung der Krankheit Reb' Bereles erfahren. Einer alten Jüdin wird aus diesem Grunde schlecht, und eine ganze Weiberschar umgibt sie, um sie wieder ins Leben zu rufen und dann mit ihr das unglückliche Ereignis besprechen zu können. „Jüden," übertönte die Fistelstimme eines alten Weibes alle Anwesenden, „warum tut man denn eigentlich nichts? Wir Weiber, wir sind ja nur schwache Seelen . . .?" Es erhebt sich ein Jammern in der ganzen Straße. Nein, denke ich mir, es muß doch etwas an der Sache sein. Vielleicht war der Kranke einer jener ehrlichen und aufrichtigen Männer, die leider immer weniger gesehen werden .. . „Entschuldiget, Nachbar," wendete ich mich an einen Mann, „womit handelte Reb' Berele?" „Reb' Berele," sagt er, mich etwas verwundert ansehend, „hat nie gehandelt. So lange seine Frau gelebt hat, leitete sie den Branntweinschank ... einen ganz gewöhnlichen Schank .. . man war sogar in der Stadt damit nicht zufrieden, denn schließlich eine Frau ist doch nur eine Frau, und sie hat sich nicht viel darum gekümmert, was im dunkeln Kämmerlein der Schänke vorging ... es war so eine häßliche Schankstube ... Reb' Berele schwieg aber, und so schwieg auch die Stadt... Er war ein gewöhnlicher Frommer, das heißt, er betete andächtig ... er fastete ... und so weiter ..." Ich kehre nachdenkend in mein Gastzimmer zurück. Ein Gastzimmer in Czechnowka ist natürlich das Nebenzimmer einer Schänke. Wie sah es aber heute da aus! Die Schänkestube ist menschenleer. Der Eigentümer ist zum Rabbi gelaufen, um ihm vom Zustande Reb' Bereles Bericht zu erstatten, die Frau ist auf den „heiligen Ort" geeilt, um an die Toten zu appellieren, die Schwiegertochter lief in die Schul, und der Schwiegersohn ist im Beth-Hamidrasch, um für den Schwerkranken „Psalmen" zu singen. Das Stubenmädel gibt die Verschleißerin ab. Ich hatte zwar große Lust sie zu befragen — aber ich hatte mich noch rechtzeitig erinnert, daß ich in Czechnowka bin ... Da höre ich plötzlich wieder den. verhängnisvollen Namen nennen. Zwei Männer, an denen man ihren Beruf sofort erkennen konnte, erschienen in der Schankstube. Der eine hatte einen Strick um seine Lenden, also ein Träger, der andere eine stark gerötete Nase — also ein Totengräber. „Hörst du, Bruder," sagt der Totengräber, „es ist sehr schlecht, sehr schlecht, einige Tropfen muß man dennoch zu sich nehmen, auch er — Gott soll ihm lange . Jahre schenken — hat solche Tropfen nicht verachtet; freilich jagte ihn immer seine Xantippe weg wie eine Katz von der Milch. Ein ruhiger Mensch, er hat nie ge-

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