Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 35 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 »Neue National-Zeltung« Nr. 35 Seele Schönheit und Poesie war. Weder eine strenge Entsagung, noch eine freudlose, in Mauern verbrachte Jugend, noch eine Wissensüberbürdung, die das reine Kinderglück systematisch tötete, vermochten den Dichter, den Phantasten in Rabbi Nachmann zu ersticken. Bis er einen nutzlosen und zerstörenden Kampf gegen die mächtige Sehnsucht seiner Seele aufgab und der Asket zum Extatiker wurde. Was einer finsteren zelotischen Umgebung — Rabbi Nachman lebte zur Zeit des rapiden Verfalles des Chassidismus — Sünde schien, das war für Nachmann, der zur wahren Erkenntnis sich durchgerungen hatte, die Quelle alles Reinen und Schönen. Und so wurde Nachmann Dichter und Märchenerzähler. 13 Geschichten sind uns von den Schülern Rabbi Nachmanns erhalten geblieben, aber so voll Fehler und Verworrenheiten, daß sie gänzlich unverständlich scheinen. Diesen hat Martin Buber sechs Erzählungen entnommen, sie von dem überwuchernden Unkraut verständnisloser Ueberlieferung gereinigt, stilistisch gestaltet, logisch gereimt und dem Westen ein herrliches Geschenk jüdischer Kultur, das sicherlich ein bleibendes, historisches Interesse behalten wird, überreicht. Man kann über diese Geschichten denken, wie man will. Man kann auch hier noch immer die farbenleuchtende Schönheit der »Tausend und eine Nacht«, die üppige Sinnlichkeit und Leidenschaft eines orientalischen und die helle, freundliche Erotik eines deutschen Märchens vermissen — durch ein weites Tor schreiten wir da in das wunderbare Land der Mystik, deren Wege immer "verworrener, deren Symbolik immer tiefsinniger und deren seltsame Schönheit immer fremdartiger wird. Mag auch ein leichter Windhauch von Askese die Glut der Dichtung abkühlen, sie um ihre bestrickenden Reize bringen und ihre jüdische Eigenart verraten, dies ist meiner Ansicht nach nur ein Zeichen dafür, daß unsere Kultur äußerst lebensfähig und ihre Worte deutlich geaicht sind. Wenn wir auch keine Lebensverneiner sind, so ist unsere Lebensbejahung doch eine ernste, nachdenkliche. Zeit und Leiden haben das ihrige dazu beigetragen, den ohnehin ernsten Zug noch zu vertiefen und schwere Ereignisse gaben uns statt eines frischen, fröhlichen Lachens ein wehmütiges Lächeln. So sind eben auch die Erzählungen des Rabbi Nachmann, da ihre Symbolistik zu viel Tiefsinn birgt, mehr erzieherisch als schön, mehr sittlich als entzückend. Fast ein Drittel des Buches nimmt die Einleitung von Martin Buber ein und bildet ein abgeschlossenes Ganzes für sich. Sie ist gleichzeitig eine Einführung in die jüdische Mystik. Ich weiß nicht, ob die Erzählungen, in ihrer mystischen, verworrenen Art und deren letzte überdies unvollständig ist, diese Wirkung hätten, wenn nicht die meisterhafte Darstellung Bubers den Weg zum Verständnis derselben ebnen würde. Mehr als das: viele werden ihr geordnetes Wissen über eine, oder besser einige Richtungen, die das östliche Judentum in seinen Grundfesten erschütterten, dieser Meisterarbeit Martin Bubers verdanken. Denn so verworren wie die Mystik selbst, so ist auch ihre Geschichte, deren Darstellung auch noch dadurch ersch.wert wird, daß ihre mündliche Ueberlieferung entstellt und das wenig Niedergeschriebene voll Fehler und Mißverständnissen ist. In Verbindung mit dieser Einführung, die dem Buche Verständnis in den weitesten Kreisen sichert, ist das Werk eines der bedeutendsten, das die letzten Jahre bei uns hervorgebracht haben. Vielleicht bis jetzt das am meisten ernst zu nehmende Buch über den Osten, der noch so viele ungehobene Schätze birgt. Thekla Blech. Zeitschriften-Rundschau. Im »Pester Lloyd« veröffentlicht der bekannte dramatische Dichter Rudolf Lothar ein Feuilleton »Aus dem Ghetto«. Von den Novellen Schalom Asch's ausgehend, ergreift er die Gelegenheit, um den jüdisch-deutschen Jargon, des Jiddisch, einer eingehenden literarischen Würdigung zu unterziehen. Lothar sagt: »Schalom Asch schreibt seine Werke, seine Stücke und Novellen im Jargon. In der Art, wie er auf diesem Instrument Stimmungsakkorde anschlägt, wie er diese Sprache in den Dienst seiner Anschauung stellt, wie er diesen Wortschatz adelt, muß man den Dichter suchen. Was bleibt davon übrig, wenn man ihm das Instrument entzieht und die seltsamen Töne für das banale Salonklavier der Alltagssprache transponiert? Leider nicht viel. Die Hochgebildeten, die verachtungsvoll auf das Kauderwälsch des Ghetto, den Jargon, herabblicken, sollten bedenken, daß dieses Sprachgemisch ausdrucksfähiger ist, als man gemeiniglich annimmt. Ja, gewisse Worte besitzen eine plastische Kraft, die in keiner Sprache der Welt wiederzugeben ist. Haben nicht viele dieser Worte eben kraft dieser Plastik Karriere gemacht? Wenn sie nicht gerade von Juden stammten — und auch die Kultursprachen haben ihren eigenen philologischen Antisemitismus — wären sie längst rezipiert. Die Franzosen erhalten ihre Sprache immer jung, weil sie die Worte aus dem Argot in ihre Sprache aufsteigen lassen und ihnen sogar schließlich das Bürgerrecht des Dictionnaire verleihen. Denn nicht die Gebildeten und Hochgebildeten, nicht die Gelehrten und Sprachforscher, ja nicht einmal die Dichter sind in der Sprachbildung schöpferisch tätig. Neue Worte, neue Ausdrücke zu schaffen vermag nur das Volk. Die Pariser Vagabunden und Strolche, die Hallenweiber und die armen Teufel prägen die neuen Begriffsmünzen, die endlich in den feinen Salons Kurswert bekommen. Die Deutschen sind nicht so vorurteilslos. Sie wagen selten die Rezeption eines Argotwortes, sie panzern das Hochdeutsche gegen alles Rotwälsch und hüten sich ängstlich, irgend einem Jargonausdruck, irgend einer Wendung der Diebs- und Gaunersprache den literarischen Ritterschlag zu erteilen. Und doch! Gibt es z. B. ein deutsches Wort für »Tarn« oder für den klassischen Gegensatz: Untam? Wir haben uns nie gescheut, sprachliche Anleihen beim Franzmann zu machen. Gut denn. Man könnte sagen, Tarn entspräche ungefähr dem Worte »Charme«. Aber keine Kultursprache der Erde vermag mit einem Worte wiederzugeben, wieviel Kritik und richtige Schätzung negativer Werte in dem Ausdruck »unbetamt« liegt. Wie soll man für nebbich, rachmones, gewure, mezie, meschugge gleichwertige Bezeichnungen finden? Und nun denke man sich eine Sprache, die von solchen »plastischen« Worten strotzt, die ebenso reich ist an Zärtlichkeitsformen wie an Wendungen des Hasses und der Verachtung, die kosen und fluchen kann, die für alle Empfindungen frommer Gottergebenheit die feinsten Laute hat, so roh und plump sie dem »Fremden« auch klingen mag. Der Jargon, die vielgeschmähte, verachtete, verspottete, gehaßte" Volkssprache, brachte in Wahrheit die Kultur ins Ghetto. Die Bücher, aus denen die Kinder die ersten Geschichten lasen, die ersten Moralbegriffe lernten, die Märchen und Legenden, die zuerst ihre Phantasie anregten, waren im Jargon geschrieben. Romane, populärwissenschaftliche Schriften und vor allem die Klassiker der Weltliteratur kamen im Gewände des Jargon durch das Tor der „Judengasse." Shakespeare, Schiller, Goethe, Lessing, die Evangelien sind durch den Jargon im jüdischen Volke heimisch geworden. Und heute gibt es nicht nur Theater mit reichem Repertoire, sondern auch Tageszeitungen, Monatsschriften und Wochenblätter, die im Jargon geschrieben, zwei Welten mit einander verbinden. Aber trotz des Aufblühens einer originalen Jargonliteratur hat der Kampf gegen die Volkssprache nie aufgehört. Schalom Asch, einer der jungen Dichter des Jargon — auch der Jargon hat heute seine Moderne ^- verfügt nicht über die Kraft eines Mendele Mocher S'forim (S. J. Abramowitsch), noch über den Humor eines Scholem Alechem (S. Rabinowitsch). Er ist keine Makkabäergestalt. Seine Konstitution ist zart und schmächtig. Ein Nervenjude. Er nähert sich in seiner Prosa den Lyrikern seiner Generation. Ein Stimmungsmensch, ein Phantast der Nuance. Typisch für ihn als Juden ist die unbestimmte Sehnsucht, das heimliche Verlangen nach einem Ort der Ruhe. Die Sehnsucht ist dem Volke Israel vom Schicksal anerzogen worden. Die Juden sehnten sich aus der Knechtschaft Egyptens in die Freiheit, aus der Wüste nach dem Lande Kanaan, und dann in den schlimmen Jahrhunderten der Zerstreuung und der Einkerkerung im Ghetto nach der gelobten Heimat, in der man die nächsten Ostern zu feiern hoffte! Ist die ganze Bewegung des Zionismus etwas anderes als positivistische Sehnsucht? Ist die in der jüdischen Seele wie ein güldener Schatz liegende Rassenlyrik nicht immer der sehnsüchtige Schrei des Wanderers nach Ruhe, des Gefangenen nach Luft und Sonne?« An unsere P. T. Leser! Die am 23. d. erscheinende illustrierte »Kongreßnummer« unseres Blattes, wird im Einzelverschleiße 40 Heller kosten. Da bereits seitens auswärtiger Verschleißer größere Bestellungen eingegangen sind, bitten wir um rechtzeitige Bekanntgabe von Wünschen betreffs dieser Nummer, damit wir bei Bestimmung der Auflage unseres Blattes darauf Rücksicht nehmen können. Von der »Kongreßnummer« werden keine Probeexemplare abgegeben. Die Administration.