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Neue Nationalzeitung · 1907-08-09 · Heft 35 (9.8.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 35 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35 »Neue National-Zeitung« Seite 9 Jelmda) in Prag mit dem Banne belegt. Natürlich wurde sie von den Freisinnigen desto mehr verbreitet. Von einem „Index" kann also, trotz mancher Rückfälle im Judentum nicht gesprochen werden. Dr. M. G. Auszeichnung, Wien. Der Kaiser hat dem mit dem Titel und Charakter eines Hofrates bekleideten Evidenzhaltungsdirektor und Vorstand des Triangulierungs- und Kalkulbureaus Abraham Broch aus Anlaß der von ihm erbetenen Uebernahme in den dauernden Ruhestand das Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. — Hofrat Broch hatte in seiner Stellung wiederholt Gelegenheit, als Sachverständiger in geodätischen Fragen, in denen er mit Recht als Autorität ersten Ranges, auch im Auslande gilt, zu fungieren. Auch nahm er an den in der letzten Zeit vorgenommenen Neuredaktionen der Vermessungsvorschritten als fachlicher Konsulent hervorragenden Anteil. Ebenso bekannt ist seine verdienstliche Mitwirkung bei der Projizierung von Arbeiterhäusern und bei der Vorbereitung der Währungsreform. Brünn. Der k. k. Religionsprofessor am I. deutschen Staatsgymnasium Dr. Max Grünfeld wurde in die VIII. Rangsklasse befördert. Russland. Winawer in Lebensgefahr. Petersburg, den 1. August 1907. (Orig.-Korr.) Wie hiesige Blätter berichten, wurde nach Auflösung der ersten Duma, gleichzeitig mit dem Attentat auf Professor H e r z e n s t e i n, ein solches gegen Winawer vorbereitet. Die meisten Kadetten hatten sich damals in die finnländischen Sommerfrischen begeben. Ihnen folgten die Emmissäre der „Schwarzen Hundertschaften", verteilt in . Gruppen, deren jede einen anderen Deputierten aufs Korn nahm. Ein gewisser W o 1 o d o k hatte die Verpflichtung übernommen, Winawer zu ermorden. Er ließ sich auch in seiner nächsten Nähe nieder, verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, um den geeigneten Ort für seine Tat zu finden. Inzwischen wurde aber Herzenstein ermordet, und dies veranlaßte Winawer, sofort ins Ausland zu gehen. Dadurch entrann er dem Schicksale, das bald darauf den Deputierten J o 11 o s ereilte. Rumänien. Die Folterungjüdischer Soldaten in der rumänischen Armee. Bukarest, 4. Aug. (Telegr. d. „N. N.-Z.") Die vom Kriegsminister General Averescu angeordnete Untersuchung betreffs der Folterung jüdischer Soldaten im Regimente VIII. Dragos inDorohoi hat merkwürdigerweise die Schuldlosigkeit des arg kompromittierten Colonel Märäsescu ergeben! Rumänische Schand-Justiz! ALLEN WCLKCiLEN Hinrichtung eines jüdischen Mädchens in Rußland. Die »Revolutionärin« Frumet Fruminka ist in Moskau hingerichtet worden. Dieses jüngste Opfer russischer Grausamkeit erhielt diese furchtbare Strafe weil sie gegen den Gefängnißdirektor Bogresow ein Attentat verübt und diesen schwer verwundet hat. Frumet Fruminka war die Tochter einer gelehrten Familie in Minsk, widmete sich dem Studium der Medizin und wurde eines Tages unter dem Verdacht, einer revolutionären Verbindung anzugehören, verhaftet, obwohl es sich herausstellte, daß sie diesen Umtrieben fernstehe und nur das Unglück hatte mit Kollegen zu verkehren, die der geheimen revolutionären Verbindung angehört haben. Nach monatelanger Haft wurde sie dem General Nowitzky zum Verhör vorgeführt und dieser Gefürchtete sollte auch ihr verhängnisvoll werden. Der General fand an dem Judenmädchen Gefallen und ließ sich die arme Gefangene vorführen, um ihr endlich seine Neigung und seine Absichten einzugestehen. Da sie seine Anträge zurückwies, versuchte tr eines Tages mit Gewalt sein Ziel zu erreichen. In ihrer Not benützte sie ein, gerade in ihrer Nähe befindliches Obstmesser zur Verteidigung ihrer Ehre und verletzte ihren Peiniger unbedeutend am Arm. Diese aus sittlichen Gründen gebrauchte Notwehr, wurde nun zu einem politischen Attentat aufgebauscht und das unglückliche Mädchen wurde vom Kriegsgerichte zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt, wo sie mehr als acht Jahre alle Qualen der dortigen Gefangenschaft durchmachte. Das Bewußtsein ihrer Unschuld, die jahrelange Drangsalierungen machten aus dem Mädchen eine Revolutionärin und von dem glühenden Wunsch, Rache an den Gewalthabern zu nehmen beseelt, entfloh sie im vorigen Jahre aus Sibirien und kam nach Moskau. Hier unternahm sie einen Versuch den Moskauer Stadthauptmann, General Reinbott zu ermorden. Der Versuch mißlang und sie wanderte abermals ins Transportgefängnis, wo sie ein Attentat gegen den Gefängnisdirektor versuchte und letzteren schwer verletzte. Das Kriegsgericht verurteilte sie zum Tode durch den Strang und vor kurzem wurde das Urteil an dem unglücklichen Mädchen vollzogen. Sie ging freudig in den Tod und hat sich selbst den Strick um den Hals gelegt. »Die Einwanderung aus Galizien.« Im Budapester Gemeinderate richtete jüngst Dr. Stefan Haj dok eine Interpellation an den Bürgermeister, ob er geneigt ist, bei der Regierung Schritte zu unternehmen, um der Einwanderung aus Galizien und der Bukowina nach Budapest Schranken zu setzen. Diese, in ihrer Heimat »unbrauchbaren Elemente« vermehren nur das Proletariat der Hauptstadt. Der Bürgermeister hat die Interpellation bisher nicht beantwortet. Der ungarische Chauvinismus scheint jenem Hochmute näher zu kommen, der sprichwörtlich vor dem Falle kommt. hiteratur. Martin Buber: »Rabbi Nachmanns Erzählungen«, bei Rütten und Löning, Frankfurt a. M. 1906. Der üppige Baum jüdischer Mystik hat uns eine reife Frucht in den Schoß geworfen. Eine Frucht, ein wenig herb und seltsam, aber voll Frische und Wohlgeschmack wie eine köstliche Banane. Die sechs Geschichten des Rabbi Nachmann, ein Werk, das kurz nach seinem Erscheinen schon überall das größte Staunen hervorrief und das lebhafteste Interesse weckte. Wenn der große Teil jüdischer Literatur der Jetztzeit von Uebersentimentalität und fruchtloser Schwermut durchsetzt war, wenn unsere Dichter mehr Tränen als Reime fanden, so zeigt dieses Buch eine ungewohnte Kraft und ausgesprochene Eigenart, daß es wie das Kulturprodukt eines Volkes erscheint, das auf eigener Scholle sich auslebt und dessen Eigenwille sich noch nicht an engen Ghettomauern wundstieß. Und etwas brachte uns dieses Buch, was unserem Volke bisher fast gänzlich versagt blieb — Märchen. Das wunderbare Land der Märchen, das dem stillsten Träumer offen steht und das dem Volke des phantastischen Denkens verschlossen blieb. Unsere Phantasie, die auf ihrem langen Entwicklungswege, trotzdem sie ihre Art beibehielt, alle möglichen Einflüsse aufnahm, ging an dieser Art von Poesie stets achtlos vorüber und begnügte sich, um des tendenziösen, moralischen Zweckes willen, die freie, ungebundene Schönheit seiner Erzählungen zu beeinträchtigen. Mag daran die geistige Sonderstellung des jüdischen Volkes, der religiöse strenge Zug, der durch seine Geschichte geht, schuld sein, oder seine seelische Eigenart überhaupt, bei der Extase in enger Beziehung zur Askese steht, Tatsache ist, daß uns bisher die sorglose, leichte, sinnliche Farbenpracht eines Märchens fehlte und daß bei uns eigentlich weniger Dichter als Denker zu finden sind. Lange blieben uns die Märchen versagt. Im finstersten Ghetto aber, dort, wo die Mystik schon längst die wunderbarsten Blüten trieb, schlummerten sie in der Brust eines Mannes, dessen

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