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Neue Nationalzeitung · 1907-08-09 · Heft 35 (9.8.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 35 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3S »Neue Nat!ona1-2eitung« Seite 7 der verschiedenen Berufe und Gewerbe an jedwedem Orte:" Durch welche diplomatischen Tricks die rumänische Oligarchie sich der Erfüllung dieser Verpflichtung zu entziehen verstand, wie sie Bismarck durch finanzielle Konzessionen für die deutschen Bankiers zur Aufgabe der Interessen der rumänischen Juden zu bewegen wußte, und wie sie durch das Versprechen einer allmählichen Einbürgerung der Juden, durch individuelle Naturalisationen, im Jahre 1880 von den Großmächten die Anerkennung Rumäniens als unabhängigen Staat zu erschleichen fertig brachte, dies alles kann man am besten in den „Memoiren des Königs Karl" nachlesen und beurteilt finden. In diesen Aufzeichnungen nennt der König, der damalige Fürst, den Beschluß der liberalen Kammer „einen Hohn auf die Wünsche Europas". Auch die jüdischen Bourgeois Rumäniens ließen sich durch diese diplomatischen Spiegelfechtereien übertölpeln und erklärten sich mit der „Lösung* zufrieden. Als sie des Betrugs gewahr wurden, dann war es bereits zu spät: die Großmächte waren in reguläre diplomatische Beziehungen mit dem „souveränen" Rumänien eingetreten. Nach Erzielung der Unabhängigkeitsanerkennung und nach der Krönung Carols zum König hörten die bisherigen individuelleu Naturalisationen so gut wie ganz auf. Der Betrug an Europa war perfekt geworden. Seitdem sind drei Jahrzehnte verstrichen — nächstes Jahr wird die rumänische Oligarchie das dreißigjährige Jubiläum des Berliner Vertrags feiern können — und kaum 100 (sage hundert) rumänische Juden haben durch individuelle Naturalisation Menschen- und Bürgerrechte erworben. Daß sich zwischen diesen hundert Glücklichen meist nur Bankiers, Kaufleute und Gutsbesitzer, aber kein einziger Handwerker, kein einziger Proletarier befindet, darf wohl nicht erst erwähnt werden. 100 Leute von 250.000 in einem Zeitraum von dreißig Jahren! Ja, 100 reiche Juden konnten sich die Naturalisation erkaufen; aber dagegen wurden die übrigen 250.000 jahraus jahrein mehr entrechtet, erniedrigt und verfolgt, wurde ihnen eine Erwerbsquelle nach der anderen verschlossen, wurden sie aus den Dörfern und Städten verjagt, und wenn sie nicht den Mund hielten, über die Grenze geworfen. Nach und nach wurde auf gesetzgeberischem Wege jede ökonomische oder bürgerliche Daseinsform vom Besitz der rumänischen Staatsangehörigkeit abhängig gemacht: Schulunterricht genießen, im Spital aufgenommen werden, in einer Landgemeinde wohnen, Straßenkehrer, Bahnträger oder Fabriksarbeiter sein — um von den bürgerlichen Berufen, Apotheker, Advokat, Makler, Trafikinhaber, nicht zu reden — all dies ist von politischen Rechten, welche die rumänischen Juden nicht besitzen, abhängig gemacht worden, und die Zeit scheint nicht mehr ferne zu sein, wo nur noch das Atmen der rumänischen Luft kein politisches Recht sein wird. Vergebens hat die jüdische Bourgeoise hin und wieder versucht, die rumänische Judenfrage durch die europäische Diplomatie wieder aufzurollen; vergebens hat sie bei den verschiedenen Kreditgebern des rumänischen Pumpregiments angeklopft, vergebens hat sie auf die Menschenfreundlichkeit ihrer ausländischen Glaubensgenossen, der Rothschild und Konsorten, gehofft! Der beschnittenen und unbeschnittenen Großfinanz sind die fetten Zinsen der rumänischen Staatsschuld nun einmal lieber als die Menschenrechte der rumänischen Juden. Nirgends ist ein Ausweg aus dieser verzweifelten Lage zu sehen, nirgends ist bei den herrschenden Klassen Rumäniens die Spur von Gewissensbissen zu finden. Wohl ertönte während der Bauernunruhen, als die Behörden den Aufstand gegen die Juden ablenkten und die Verwüstung jüdischer Städtchen und Stadtviertel förderten, ein Mahnruf des Königs: „Die Verwaltung des Landes", sagte er zu einer Deputation der Gutsbesitzer, „ist schlechter als vor dreißig Jahren; die Politiker sollen die Bauernfrage und dann die Judenfrage lösen." Die Worte sind im Winde verflogen, und es wäre zum Verzweifeln um das Schicksal dieses unglücklichen Volksstamms, wenn sich in Rumänien nicht eine neue Klasse regen würde, das industrielle Proletariat, welches jede Gemeinschaft mit der schmachvollen Verfolgungspolitik der staatserhaltenden Parteien ablehnt und den Kampf gegen die hinter Vorrechten verschanzte, despotische und kulturfeindliche Oligarchie energisch aufnimmt. Das rumänische Proletariat empfindet die Recht* und Wehrlosigkeit der jüdischen Proletarier als eine Schwächung seiner eigenen Widerstandskraft, und besonders die letzten Verfolgungen und Ausweisungen jüdischer Genossen haben seinen Haß gegen die Regierungspraktiken aufgestachelt und es zur klaren Stellungnahme in der Judenfrage veranlaßt. Auf der Ende Juni dieses Jahres in Galatz stattgefundenen Konferenz der gewerkschaftlichen und sozialistischen Organisationen Rumäniens wurde die Entsendung von Vertretern zum Internationalen Kongreß in Stuttgart beschlossen, welche dort die rumänischen Zustände vor der gesamten gesitteten Welt zur Sprache bringen und sie auffordern soUen, der rumänischen Blut-, Gewalt- und Schwindelpolitik den flammenden Protest der Arbeiterschaft aller Länder ins Gesicht zu schleudern. Auch die auf der Interparlamentarischen Konferenz anwesenden Genossen werden sich mit dieser Frage zu beschäftigen haben, um über eine gemeinsame Stellungnahme gegenüber dem Vertragsbrüchigen und verlogenen rumänischen Regiment übereinzukommen. KPRRgSPON&eNZgN Oesterreich-Ungarn» Morris Rosenfeld lebt! Wien, den 7. August (Orig. Korresp.) Die Nachricht vom Tode Morris Rosenfelds ist uns unmittelbar vor Schluß der vorigen Nummer zugekommen, so daß wir nicht mehr in der Lage waren, bei unserem New-Yorker Korrespondenten telegraphisch nachzufragen. Die Nachricht stellt sich nun als Mystifikation heraus. Morris Rosenfeld lebt und er dementiert selbst seinen Tod. Er lebt, um selbst den Tod als Erlöser herbeizuwünschen. Welch' tragisches Los! Die jüdische „Volkszeitung" in Wilna veröffentlicht nachstehenden aus New-York datierten Brief Rosenfelds vom 26. Juli: „In der letzten Zeit hat die auswärtige Presse über mich viele unwahre Nachrichten in die Weit gesetzt. Ist es des Elends und der Leiden nicht genug, die ich wegen meiner Blindheit ertragen muß? Verursacht mir die Armut, wegen der meine sechs Kinder so viel leiden müssen, nicht genügend Pein? Ich hatte Wohltäter und Gesinnungsgenossen, die mich pflegten. Hie und da unterstützten sie mich, ihren bescheidenen. Verhältnissen gemäß, auch materiell. Ich kann Rechnung darüber legen, daß ich mich in meinen Ausgaben immer auf das notwendigste beschränkte. Meine Krankheit verhinderte mich jedoch daran, die 800 Dollar, die ich noch auf mein Häuschen schuldete, zu bezahlen. Ich geriet in die Hände von Wucherern, die mir mein Häuschen wegnahmen und mich samt meiner Familie auf die Straße setzten. Mit meiner Frau und meinen Kindern liefen wir Gefahr, des Hungertodes zu sterben. Des Elends war aber noch immer nicht genug. Böswillige Falschheit setzte die Nachricht meines Todes

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