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Neue Nationalzeitung · 1907-08-09 · Heft 35 (9.8.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 35 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Cine Unterredung mit flchad Haam. Der bekannte Vorkämpfer des „kulturellen Zionismus", der russisch-j üdisehe Schriftsteller U. Ginzberg, weilte vor einigen Tagen auf der Durchreise nach Karlsbad in Wien. Er hatte die Liebenswürdigkeit, einen unserer Mitarbeiter zu empfangen und ihm seine Anschauungen über verschiedene die Juden und besonders die russischen Juden betreffenden Zeit- und Streitfragen auseinanderzusetzen. Ginzberg, mit dem Schriftstellernamen A c h a d Haam, wurde in weiteren Kreisen erst im Jahre 1895 durch die Herausgabe einer Sammlung von Essays unter dem Titel: „AI paraschat d r a c h i m" („Am Scheidewege") bekannt, obwohl er bereits seit 1884 in den Reihen der „Chowewe Zion" gewirkt hatte. Achad Haam, gegenwärtig 51 Jahre alt, neigt einer individualistischen und eklektischen Auffassung der einzelnen jüdischen Probleme zu. Sein Urteil über die russischen Verhältnisse ist äußerst reserviert. Es' sei, meinte er, ganz unberechenbar, wie sich die Verhältnisse in Rußland weiter gestalten werden. Aber selbst wenn in Rußland die Gleichberechtigung aller Staatsbürger verwirklicht wird, dürfte sie „für die Juden nicht vollständig zur Wahrheit werden". Die Kadetten würden zum Zwecke der Erlangung gewisser politischer Vorteile sich nicht allzusehr für die Juden exponieren. Dasselbe gelte von den Sozialdemokraten, bei denen jetzt bereits, wenn auch nur periodisch und lokal, eine antisemitische Unterströmung sich bemerkbar mache. Uebrigens, setzte Achad Haam fort, trenne ihn von den Sozialdemokraten wie von allen übrigen Parteien — schon wegen ihrer Weltanschauung — eine sehr große Kluft. Er halte es überhaupt für notwendig zu betonen, daß die Juden vor allem ihre eigenen Interessen im Wege einer zweckentsprechenden jüdischen Landespolitik zu vertreten hätten und daß es weder ihnen noch der Allgemeinheit nütze, wenn sie sich in die vordersten Reihen der revolutionären Bewegung stellen. „Eine jüdische Politik in Rußland, aber unter Festhaltung des geistigen Zentrums in Palästina" sei seine Devise. Es habe daher bei der jüngeren jüdischen Generation gerade der Umstand die zionistische Bewegung sehr geschädigt, daß sie so lange Zeit sich nicht zu einer aktiven jüdischen Politik im Lande entschlossen habe, wodurch ein großer Teil der jüdischen Jugend ins marxistisch-sozialdemokratische und sozialrevolutionäre (freisozialistische) Lager getrieben wurde. Freilich, wenn momentan eine Massenemigration nach Palästina möglich wäre, würde eine sehr große Zahl von russischen Juden nach Palästina auswandern, aber wenn einmal die Verhältnisse in Rußland sich bessern, ist es sehr fraglich, ob mehr als 20 Prozent dorthin auswandern. AchadHaam ist jetzt wohl für praktische Arbeit in Palästina, aber eine Massenemigration hält er auf sehr lange Zeit nicht für möglich und auch nicht für wünschenswert. Was den Territorialismus betrifft, so hänge seine Zukunft eben davon ab, ob er etwas Praktisches leisten und ein für die Emigrationsbedürftigen geeignetes Land und zwar bald ausfindig machen könnte. Der Gesammteiudruck, den Achad Haam auf den Unparteiischen macht, ist ein günstiger. Er vertritt wohl in der Diskussion seine Meinung, respektiert aber auch abweichende andere Anschauungen, anerkennt das seiner Meinung nach Richtige bei jeder Gruppe, verwirft aber auch das Falsche, wo er es findet. Er tritt ein für die Erlangung Palästinas, für jüdische Politik, für jüdische Kultur, aber ein besonderes Gewicht legt er auch auf das Geistige, die ethische Erziehung der Massen, die Menschenreform. Dr. K. ü)ie ein jüdischer Soldat gemartert wird. Lern b e r den 2. August. Im Lande Galizien, wo seit der Herrschaft der Schlachta die Begriffe von Recht und Gesetz gegenüber dem Terror der Verwaltungsbehörden und gegenüber der Parteilichkeit der zum Schutze der öffentlichen Wohlfahrt bestellten Beamten immer mehr zurückweichen, haben leider auch die Uebergriffe der Offiziere gegenüber der Mannschaft einen viel höheren Grad erreicht, als in allen anderen Ländern der Monarchie. Es ist eine traurige, aber allbekannte Tatsache, daß junge Kavallerieotfiziere in kleinen Städten Galiziens geradezu eine Schreckensherrschaft ausüben, und es wissen so manche Gasthofbesitzer und Schankwirte von vandalischen Demolierungen ihrer Lokale zu erzählen. Noch trauriger ist die Tatsache, daß manche Offiziere gegenüber der jüdischen Mannschaft, und speziell gegenüber den jüdischen Rekraten ein Benehmen an den Tag legen, das aller Menschlichkeit spottet. Und wie der Offizier, so der Unteroffizier. „Saujud" ist gewöhnlich noch ein Kosewort gegenüber allen anderen schweren Beschimpfungen, die auf einen solchen armen jüdischen Rekruten, der das Unglück hat, sich die Ungunst eines Kompagniekommandanten zuzuziehen, niederregnen. Nun gibt es Leute, christliche und jüdische Antisemiten, welche gegen die polnischen Juden den Vorwurf erheben, daß sie sich der Militärpflicht entziehen. Diese Behauptung ist natürlich ganz aus der Luft gegriffen, denn die fortschreitende Intelligenz der galizischen Juden hat auch nach dieser Richtung hin einen Fortschritt herbeigeführt, so daß allgemein die Wehrpflicht als eine unerläßliche Bürgerpflicht aufgefaßt wird. Wär's aber ein Wunder, wenn ein Jude nur mit bangem Herzen an die Erfüllung seiner Militärpflicht herantritt, die nicht nur mit den unerläßlichen Strapazen, sondern auch mit überflüssigen Demütigungen, ja mitunter sogar mit physischen Martern verbunden ist? Nachstehend will ich einen Vorfall, vorläufig ganz trocken und ohne Kommentar schildern, der sich vor einigen Tagen beim Artillerieregiment Nr. 10 in Grodek zugetragen hat, und der nicht nur die jüdische, sondern die gesamte öffentliche Meinung Galiziens, soweit sie auch dann menschlich empfindet, wenn es sich um Juden handelt, mit Entsetzen erfüllt hat. Der Artillerist der II Batterie Henner wurde wegen einer militärischen Uebertretung beim Rapport (vom Hauptmann Wallauschek) zu fünf Tagen strengen Arrests, einem Fasttag und zur Strafe der „Spangen" verurteilt. Die letzte Strafe, die sechs Stunden zu dauern hat, und in einem Zusammenschließen der rechten Hand mit dem linkenFuß bestelltest bekanntlichabgeachafft. Trotzdem aber wurde sie vom Hauptmann überHenner verhängt. Allein auch diese Strafe schien dem Leutnant Kafka zu gering. Nachdem der Hauptmann weggegangen war, schrie er Henner mit den Worten an: „Du elender Saujud, komm her." Der Leutnant erklärte Henner sohin, daß er ihn zur Strafe des „Anbindens" verurteile.. . Die Strafe des „Anbindens" ist das Grausamste und Entsetzlichste, was man sich denken kann. Nur ein kleiner Schritt weiter, und wir halten schon bei der spanischen Inquisition.

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