Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 35 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 "Neue National-Zeitung« Nr. 35 ging, wie ein geborener Orientale; ich befolgte alle jene Gebräuche, die ein Bewohner des Westens sonst nicht kennt. Der zweite Grund der Freundschaft Abdul Hamids war meine ungarische Nationalität, und der turkophile Charakter meiner publizistischen Tätigkeit, den er jedoch erst später, ganz und voll kennen gelernt hatte. Die Sympathie, die Ungarn während des letzten russischtürkischen Krieges an den Tag gelegt hatte, rührten den Sultan tief und seine Zuneigung für die christliche Schwester-Nation war zweifellos aufrichtig. Was das Verdienst meiner Arbeiten anbelangt, so war der Sultan, wie die Türken im allgemeinen, gut unterrichtet über meine turkophile journalistische Tätigkeit. Keiner von ihnen hatte aber die geringste Ahnung von meinen, die Türkei betreffenden, philologischen und ethnologischen Studien. Sie hatten niemals etwas von ihnen gehört, und als ich dem Sultan die Kopie meiner Studie über uigurische linguistische Dokumente überreichte, sprach er ganz erstaunt: „Wir haben nie von der Existenz solch' türkischer philologischer Dokumente gehört. Es ist wirklich sehr interessant, daß unsere Ahnen, noch bevor sie den Islam angenommen, schreiben konnten, wenn man diese eigentümlichen Schriftzüge so benennen kann." Der dritte und stichhältigste Grund für meine Auszeichnung seitens des Sultans lag in dem internationalen Charakter meiner Feder und noch mehr in dem Interresse, das England an meinen Arbeiten genommen hatte. Sultan Abdul Hamid, ein gewiegter Diplomat und Menschenkenner, einer der gebildetsten Orientalen, die ich je gekannt, hielt große Stücke auf die Wertschätzung seiner Person in Europa. Die öffentliche Meinung des Westens schien dem Sultan immer von höchster Wichtigkeit zu sein; in seinem Bestreben, diese öffentliche Meinung zu gewinnen, zeigte dieser kluge Orientale eine klarere Einsicht der politischen und sozialen Verhältnisse, als viele christliche Monarchen. Fest überzeugt, daß sein Schicksal von Europa abhängt, hat er es stets versucht, sich beliebt zu machen, nicht nur bei einem einzelnen Hofe, sondern bei den verschiedenen Völkern Europas; er ist ängstlich bestrebt, keinen Grund zu strenger Kritik zu geben. Englands Meinung gilt sehr viel bei ihm; trotzdem er Gleichgiltigkeit und sogar eine gewisse Feindseligkeit vorschützte, war er in seinem Innersten doch fest überzeugt, daß England aus eigenem Interesse den ottomanischen Staat halten und im kritischen Augeublicke ihm seine helfende Hand nicht versagen werde. Um diesen letzten Rettungsanker zu verbergen, und um England eifersüchtig zu machen, kokettiert er oft mit Frankreich und Rußland. Seine Gefühle und Hoffnungen aber waren ganz andere. Das entnahm ich aus seinen Gesprächen. Sultan Abdul Hamid hatte ein nervöses, erregtes Naturell; gegen seinen Willen geriet er oft in leidenschaftliche Aufregung; seine Glieder zitterten, die Stimme versagte. Einmal erzählte er mir, in welch warmer Sympathie für England er erzogen worden, wie sein Vater stets von England, als dem besten Freund der Türkei, gesprochen hatte, welch bittere Erfahrungen er während seiner Regierung mit der Politik Gladstones und anläßlich der Okkupation Egyptens gemacht hatte, jede Verstellung war verschwunden und ich konnte in dem Herzen dieses außerordentlichen Mannes lesen. Wir sprachen einmal davon, ob die englische Bundesgenossenschaft im Interresse des ottomaniscben Staates liege. Da erzählte mir der Sultan leidenschaftlich folgendes: „Ich war sechs oder sieben Jahre alt, als mein geliebter Vater, der daran war, mich zu einer Tante fortzuschicken, mich zu sich beschied. Ich fand ihn in seinen Gemächern auf dem Sopha sitzend, in intimer Unterhaltung mit einem älteren christlichen Herrn begriffen. Als mich mein Vater bemerkte, befahl er mir näher zu kommen und die Hand des Fremden zu küssen. Ich brach in Thränen aus, die Idee, einem Giaour die Hand zu küssen, empörte mich. Mein Vater, der immer so sanft war, wurde böse und sprach: , Weißt Du, wer dieser Herr ist? Es ist der englische Gesandte, der beste Freund meines Hauses und meines Landes; die Engländer sind, wenn sie auch nicht unseren Glauben haben, unsere treuesten Bundesgenossen.' Darauf küßte ich ehrfuhrtsvoll die Hand des alten Mannes. Es war Böyük Eltchi, Lord Stratford Canning. Meines Vaters Worte blieben fest in meinem Gedächtnis haften und ich wuchs in der Idee auf, daß die Engländer unsere besten Freunde seien. Wie bitterlich war ich enttäuscht worden, als ich auf den Thron gelangte! England ließ mich bei der Flottendemonstration im Marmorameer im Stich; seine Gesandten — Elliot und Layard — haben mich verraten, und wenn ich Geld brauchte und mich um ein kleines Anlehen von 150.000 Pfund bewarb, bekam ich eine ablehnende Antwort. Das nennt Ihr im Westen Freundschaft. So sind .die schönen Träume meiner Jugend in Nichts zerflossen". Der Sultan seufzte tief. Meine Vorstellungen, daß große Darlehen in England nicht ohne die Genehmigung des Parlamentes gewährt werden können, schienen dem Sultan nicht plausibel. Orientalische Herrscher glauben noch jetzt nicht daran, denn für sie sind Konstitution und Parlament leere Begriffe, dazu geschaffen, die Völker irrezuführen. Für Asiaten sind die liberalen Regierungsformen des Westens unvernünftig, und Feth Ali Shah sprach zu dem englischen Gesandten Malcolm die bekannten Worte: „Und Sie nennen Ihren Souverän einen mächtigen Herrscher, der sich von sechshundert Untertanen (Mitglieder des Parlamentes) regieren läßt und ihren Befehlen Folge leisten muß? Eine solche Krone würde ich refüsieren", sagte ein persischer König. Wie Feth Ali Shah und vielleicht noch mehr, haßte Sultan Abdul Hamid alle liberale Regierungsformen. Er machte niemals ein Hehl aus seiner Gesinnung und während unserer jahrelangen Bekanntschaft gab er wiederholt seiner Ansicht hierüber frank und frei Ausdruck. Meine Bekanntschaft mit dem englischen Thronfolger fiel ebenfalls bei meinen Beziehungen zum Sultan ins Gewicht. Seit der Einladung der Königin Viktoria aber, hielt er mich nicht mehr für einen gewöhnlichen Gelehrten und Forscher, sondern für einen Vertrauensmann des englischen Hofes und der englischen Regierung — beide Begriffe waren bei ihm untrennbar — dem er auch sein Vertrauen schenken könne. „Ich bin immer von Heuchlern und Parasiten umgeben", sprach der Sultan eines Tages zu mir; „Ich bin der endlosen Lobhudelei und Kriecherei müde. Sie wollen mich alle ausnützen; alles was an mein Ohr klingt, ist niedrige Lüge und schmutzige Heuchelei. Glauben Sie mir, die Wahrheit, sei sie noch so bitter, würde mir angenehmer sein, als all die leeren Komplimente, mit denen mich die Menschen überhäufen. Ich bitte Sie, mit mir offen und ehrlich zu sein; Sie sind mir an Jahren und Erfahrung überlegen; Sie sind im Osten so wie im Westen zu Hause und ich kann viel von ihnen lernen". (Schluß folgt.) 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