Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 35 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 3 HOFRAT PROF, H. VAMBEKY: Sultan Abdul Hamid.*) Meine persönliche Bekanntschaft mit dem Sultan Abdul Hamid datiert von der Zeit, in der ich im Hause Eifaat Paschas, eines Verwandten Eeschid Paschas, lebte. Der Sohn des Letzteren, Ghalib Pascha, der eine Tochter Abdul Medjids geheiratet hatte, wünschte, daß seine Frau die französische Sprache lerne. Ich wurde zu ihrem Lehrer erwählt, da es bekannt war, daß ich, als genauer Kenner türkischer Sitten, die strengen Eegeln des Harems einhalten werde. Dreimal in der Woche erschien ich im Palaste des Pascha, der an der Bucht von Eebek lag, und jedesmal wurde ich von einem Eunuchen in das Mabein, d. h. ein Zimmer zwischen dem Harem und dem Selamlik, geleitet, wo ich vor einem Vorhang, hinter dem sich meine Schülerin, die Prinzessin, befand, Platz nahm. Es war im Laufe dieser Unterrichtsstunden in dem Mabein, wo mir unter den Besuchern, die von Zeit zu Zeit hereinkamen, ein blasser schlanker Knabe auffiel. Er setzte sich oft zu mir, fixierte mich und schien sich für meinen Vortrag zu interessieren. Ich trug wie er hieß und erfuhr, er sei Prinz Hamid Effendi, ein Bruder meiner Schülerin, der sich unter seinen Geschwistern durch einen besonders lebhaften Geist auszeichnete. Im Laufe der Zeit schwand diese kleine Episode, wie so manches andere, aus meinem Gedächtnisse. Nach meiner Rückkehr aus Zentral-Asien lebte ich fern von der Türkei und blieb nur insofern mit dem ottomanischen Volke in Fühlung, als meine philologischen und etnographischen Studien sich mit diesem westlichsten Zweige der großen türkischen Familie befaßten. In meinen politischen Schriften, die sich hauptsächlich mit den Verhältnissen Inner-Asiens beschäftigten, war es immer das unglückliche Schicksal der Pforte, das mich schmerzlich berührte. Das Land meiner Jugendträume, dem icli seine vornehme Gastfreundschaft nie vergessen werde, wo ich mich so zu Hause fühlte, wie in meiner Heimat, wird mir niemals gleichgiltig sein. Sein Unglück ist das meine und wo sich die Gelegenheit bot, hatte ich eine Lanze für die Türkei gebrochen. Ohne in persönlichen Beziehungen zur Pforte zu stehen, hielt ich es für meine heilige Pflicht, für die Interessen dieser, oft so ungerecht beurteilten Nation, mit meiner Feder einzutreten. Meine turkophilen Symphatien waren natürlicherweise am Bosporus nicht unbekannt geblieben und als ich nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie nach Stambul kam, erfreute ich mich von Seiten der höchsten Kreise der Türkei und ihres Herrschers eines, wenn auch nicht ostentativen, aber umsowärmeren und herzlicheren Empfanges. Am Morgen nach meiner Ankunft hätte ich stundenlang an meinem Fenster stehen und auf dem Bosporus blicken mögen. Knüpften sich doch so viele Erinnerungen an diesen Boden. Doch bald wurde ich aus süßen Träumen gerissen; ein Adjutant des Sultans war erschienen, um mich zu einer Audienz abzuholen. Als ich am Haupteingang des Chit-Kioskes, wo der Sultan des Morgens Audienz hält, erschien, erhoben sich die Marschäle, Generäle und Würdenträger des Hofes von ihren Sitzen, um mich zu begrüßen. In allen Mienen las ich die Verwunderung, warum und wofür ihr kaiserlicher Herr dem unbedeutenden hinkenden *) Obiger Aufsatz ist dem zweibändigen Werke des Verfassers, welches unter dem Titel „The Story of my Struggles' (Die Geschichte meiner Kämpfe) bei T. Fischer Unwin in London erschienen ist, entnommen. Die »Nene National-Zeitnng" hat zuerst die Autorisation zur Veröffentlichnng dieses Artikels in deutscher Sprache von dem berühmten Orientalisten erhalten. Die Redaktion. Europäer, der nicht einmal ein Gesandter sei, solch' hohe Ehre erweise. Als ich vor dem Sultan erschien, erhob er sich, trat mir einige Schritte entgegen, reichte mir die Hand und forderte mich auf, in einem Lehnstuhl an seiner Seite Platz zu nehmen. Bei den ersten Worten, die ich stammelte — selbstredend war ich bemüht, mich so gut als möglich auszudrücken — malte sich wirkliches Erstaunen auf den Zügen des Beherrschers aller Gläubigen, und als ich ihm erzählte, daß ich mich an ihn als zwölfjährigen Knaben im Palaste seiner Schwester Fatma Sultan, der Gemalin Ghalib Paschas erinnere, wie er dem französischen Unterrichte, den ich der Prinzessin erteilte, gelauscht hatte, da war das Eis gebrochen. Der erst so schüchterne und mistrauische Herrscher behandelte mich wie einen alten Bekannten. Auf eine Zeichen des Sultans verließ der diensttuende Kammerherr das Gemach und ich blieb mit dem Sultan Abdul Hamid allein — eine Auszeichnung, die nur wenigen Europäern zuteil wurde und die auch nicht leicht zu erlangen ist, da der Sultan die europäischen Sprachen nicht kennt und deshalb den Regeln der höfischen Etiquette entsprechend, mit keinem Fremden allein sprechen kann. Das Gespräch bezog sich meist auf die Ereignisse der Vergangenheit und auf die Menschen, die ich vor 30 Jahren gekannt. Wir sprachen vom Vater des Sultans, Abdul Medjid, dem ich einst vorgestellt worden war, von Eeshid Pascha, vom Lord Strattford Canning, an den sich der Sultan genau erinnerte und noch von vielen Persönlichkeiten und über allerlei Fragen jener Zeit. Je mehr die Konversation fortschritt, desto mehr schwand der N imbus seiner Maj estät. Ich sah einen türkischen Pascha oder Eftendi vor mir, wie ich viele in der hohen Gesellschaft Stambuls kennen gelernt hatte, blos mit dem Unterschiede, daß Sultan Abdul Hamid, durch seine Begabung, sein wunderbares Gedächtnis und seine bemerkenswerte Kenntnis europäischer Sitten, Gebräuche, seine begabtesten Untertanen weit überragt. Natürlich wurde ich immer unbefangener und als mir der Sultan eine Zigarette anbot und mit eigener Hand anzündete war ich ganz überwältigt von der Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit des Beherrschers aller Gläubigen, des Repräsentanten Mohammeds auf Erden oder des „Schatten Gottes", wie er auch genannt wird. Die erste Audienz dauerte über eine halbe Stunde, und als ich, vom Sultan bis zur Türe begleitet, wieder durch das Vorgemach, in dem die hohen Würdenträger gedrängt dastanden, schritt, da war ihr Erstaunen noch größer als vorher. Tagelang war in der hohen Gesellschaft Stambuls und Peras, in den diplomatischen Kreisen, von nichts anderem die Eede als von den vertraulichen Beziehungen, die zwischen dem sonst so schüchternen und zurückhaltenden Sultan und meiner bescheidenen Person herrschten. Diese Intimität wurde auch in Europa auf die verschiedenste Art erklärt. Ich will kurz schildern, was die wirkliche Ursache dieser besonderen Auszeichnung durch den Sultan war, und warum ich so ängstlich darauf bedacht war, mir seine Gunst zu erhalten. Vor allem war ich der erste, dem Sultan bekannte Europäer, der ebenso zu Hause war im Osten wie im Westen, der die Sprachen, Sitten und politischen Fragen beider Teile der Welt kannte, und der sich in seiner Gegenwart nicht steif, wie ein Europäer, sondern unterwürfig wie ein Asiate reinsten Wassers betrug. Ich erschien stets mit dem Fez bedeckt vor ihm; ich grüßte ihn wie ein Orientale seinen Herrscher begrüßt und bediente mich der bekannten bombastischen Eedeformen, wenn ich ihn ansprach. Ich stand, saß,