Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 35 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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"««1S^S«»MaEI*Klfi!fflft^ Seite 2 >Neue National-Zeltung« Nr. 35 Es folgten die weiteren Kongresse. Und weiter überschäumten alle Mitglieder vor Begeisterung. Di* wenigen selbständig Denkenden blieben im Chaos der allgemeinen Unduldsamkeit angehört und unverstanden. Das Parteiprogramm, welches ursprünglich nur als Gerippe gedacht war, wurde plötzlich zu einem Heiligtum erhoben, an dem nicht gerüttelt werden durfte. Die Partei umschloß sich mit einer chinesischen Mauer gegen alle Einflüsse des modernen Zeitgeistes. Und nach wie vor wurde die Erlösung des ganzen Volkes in die Hände eines deux ex machina, dieser jüdischen Sphinx, die politischer Zionismus genannt wurde, gelegt. So zählte man einen Kongreß nach dem anderen. Die Delegierten reisten nach Basel voll Hoffnungen und Erwartungen. Zurückgekehrt konnten sie jedoch ihren Wählern nur bloß von Aeuföerlichkeiten und höchstens von der Aufstapelung des Aktienkapitals und des Nationalfonds erzählen. Die zionistische Bewegung hat ihren Zenith überschritten. Die Begeisterung war abgekühlt, der Vorrat an Verheißungen und Versprechungen war aufgebraucht und das Gros der Partei kam endlich zur Ueberzeugung, daß es hoch an der Zeit sei, nicht bei Monarchen zu antichambrieren, nicht die Phantasie des Volkes bloß zu reizen, sondern, daß ihm auch etwas konkretes geboten werden müsse, will man es nicht in seinen letzten Hoffnungen täuschen. So entstand das Uganda-Projekt mit allen seinen Konsequenzen . . . * Der Kongreß, der nun im Haag bevorsteht, wird mit dieser Vergangenheit rechnen und auch abrechnen müssen. Andeutungen, Verheißungen würden diesmal schwerlich einen Erfolg haben. Dieses alte diplomatische Inventar hat auf den zionistischen Kongressen seine Zugkraft verloren. Was auf den ersten Kongressen möglich war, wäre jetzt eine Frivolität. Man darf nicht sagen, wie es ein Führer jüngst auf einem Meeting in. London getan hat, daß mit der Türkei bereits ein Ausweg gefunden wurde, weil diesen Worten keine reale Basis zugrunde liegt. Man darf nicht unmittelbar vor dem Kongresse Souveräne aufsuchen, die bei aller ihrer Judenfreundlichkeit aus Mangel an Macht den Juden nicht nützen können, um auf diese Weise Hoffnungen zu nähren, die bereits gescheitert sind. Der Kongreß hat eine zehnjährige Vergangenheit hinter sich; seine Leiter müssen, so wenig originelle Ideen sie auch haben mögen, aus den gewonnenen Erfahrungen ihre Schlüsse ziehen. Und dieselben müssen in erster Linie dahingehen, daß nichts verheimlicht und nichts verschleiert werde. Daß keine Versprechungen gemacht und keine Hoffnungen genährt werden, deren Erfüllung und Verwirklichung nicht von dem Volkswillen und der Volkskraft, sondern von unverläßlichen, unberechenbaren Faktoren abhängig sind. Die Bedeutung und die Macht des zionistischen Kongresses besteht darin, daß das auf demselben repräsentierte Volk etwas will und etwas anstrebt, daß dieser Wille eine bestimmte, konkrete, reale Form besitzt, und daß er sich nicht bloß in vagen Formen nebuloser Pläne bewegt. Dieser im Kongreß zum Ausdruck gelangende Volkswille muß sich daher über die Mittel zur Erreichung seines Zieles klar sein, er muß in sich selbst Kraft fühlen, das Ziel zu erreichen, ohne auf das Eingreifen höherer Kräfte oder Mächte zu rechnen. Der zionistische Kongreß, der sich die Begründung einer Heimstätte für das jüdische Volk als Ziel gesetzt hat, wird sich daher klar sein müssen, in welcher Weise dieses Ziel wenigstens annähernd zu erreichen sei. Freie Diskussion für die denkenden Mitglieder des Kongresses, die die Frage studiert und über sie etwas zu sagen haben, wird zur Klarstellung des Problems sicher mehr beitragen, als das Geschwätz jener Leute, die ohne politische Schulung und ökonomisches Wissen die alten Phrasen nur stets wiederkäuen. . Der bevorstehende Kampf zwischen den Anhängern des politischen Zionismus und den Freunden der praktischen Kolonisation wird gewiß von hohem Interesse sein, sofern er sich rein im Rahmen der Sachlichkeit bewegt, das heißt, sofern sich die an der Diskussion Beteiligten weder von privaten Interessen noch von persönlichen Ambitionen werden leiten lassen. Der VIII. zionistische Kongreß bildet einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte der zionistischen Bewegung. Sie ist innerlich geschwächt durch die Abstinenz der Territorialisten und durch den Widerspalt der Meinungen im eigenen Lager-, äußerlich beeinträchtigt durch die politischen Schwierigkeiten in Palästina selbst. Ihre Führer werden am Kongresse einen sehr schweren Standpunkt haben. Ich gehöre aber trotzdem nicht zu jenen Haben, die vor jedem Kongresse ausrufen, dies werde der letzte Kongreß sein. Der zionistische Kongreß ist eine N o.t w e n d i gkeit; er ist die internationale Tribüne des jüdischen Volkes, er ist eine jener Quellen, aus denen unsere Volksmassen frischen Mut und neue Hoffnungen schöpfen. Aber es muß endlich einmal das unfruchtbare Gebiet der Illusionen verlassen und an die reale, praktische Arbeit, an die wirtschaftliche Organisation des jüdischen Volkes geschritten werden. Dann wird der VIII. Zionistenkongreß auch das halten, was seine Vorgänger bloß versprochen haben. Dr. S. 1^. Landau. * * * Der VI Ii. Zionistenkongreß. Wir erhalten vom Kongreßbureau nachfolgende Zuschrift: „Haag, die Stadt der Friedenskonferenz wird im Monate August noch einen zweiten Kongreß beherbergen,, der der Friedenskonferenz, was die Vielheit der Herkunft der Delegierten anlangt, nur wenig nachstehen dürfte. Die zionistische Weltorganisation wird vom 14. bis 20. August in Haag ihren achten Kongreß abhalten, nachdem die bisherigen sieben Kongresse in Basel resp. London stattgefunden haben. Es dürfte bekaunt sein, daß die zionistische Bewegung, die die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebt, in den letzten Jahren außerordentlich an äußerer Verbreitung und innerer Festigung gewonnen hat. Davon wird auch dieser Kongreß Zeugnis ablegen, zu dem bis jetzt schon ca. 400 Delegierte in allen Teilen der Welt gewählt sind. Mehr als 30 Delegierte kommen allein aus Amerika, aus Südafrika wird gleichfalls eine starke Delegation auf dem Kongresse anwesend sein,. Sibirien entsendet ebenso seine Vertreter wie das ferne Neuseeland. China ebenso wie Argentinien. Außerordentlich bemerkenswert ist die starke Vertretung Rußlands auf dem Kongresse, von wo trotz der herrschenden ganz ungewöhnlich großen Schwierigkeiten mehr als 150 Delegierte zum Kongresse kommen dürften. Unter den bisher gewählten Delegierten befindet sich eine ganze Anzahl von Persönlichkeiten, die in ihren Ländern eine große Rolle nicht nur in der jüdischen Oeffentlichkeit spielen. So werden unter anderem die vier Mitglieder des Jüdischen Klubs des österreichischen Reichsrates als Delegierte auf dem Kongresse anwesend sein, des Ferneren eine Reihe von ehemaligen Mitgliedern der ersten russischen Duma. Eine besondere Eigentümlichkeit der Zionistenkongresse ist die lebhafte Anteilnahme der Oeffentlichkeit an ihren Verhandlungen, die sich vor allem in einer starken Gallerie ausdrückt. Auch in diesem Jahre werden viele hunderte von Gästen aus allen Teilen der Erde auf dem Kongresse anwesend sein."