Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 35 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NQUC MiONßL-ZEiOJNG »ISGfiPOUCiSCRg WOCRSNSCRRIFC R&RflüsegßgR: ors.R.LftNDmu:: IX. JAHRGANG. WIEN, 9. AUGUST 1907. No. 35. An unsere P. T. Abonnenten! Der am 14. bis zum 20. d. im Haag stattfindende VIII. Zionistenkongreß, an dem die Repräsentanten der Juden aus allen Weltgegenden teilnehmen werden, legt uns die publizistische Pflicht auf, unseren Abonnenten und der jüdischen Oeffentlichkeit ein treues Bild der Vorgänge, Beratungen und Beschlüsse dieses Kongresses vorzuführen. Da wir zu diesem Zwecke unsere Redaktionsmitglieder rechtzeitig als Spezialberichterstatter nach dem Haag entsenden, wird die nächste Nummer unseres Blattes nicht am 16. d. M., sondern ausnahmsweise am 23. d. zur Versendung gelangen. Dieselbe erscheint in größerem Umfange als »Kongreßnummer«, mit den Beiträgen hervorragender Kongreßmitglieder, reich illustriert, und wird den gesamten Kongreß bis zu seinem Abschlüsse behandeln. Die Redaktion. Keine Illusionen! (Zum Till. Zionistenkousreß.) Als vor zehn Jahren zum erstenraale in Basel ein Kongreß der Zionisten stattfinden sollte, da bemächtigte sich aller Kreise des jüdischen Volkes eine tiefe Bewegung. In den Reihen der Zionisten herrschte ein Freudentaumel. Der Kongreß war ein Feiertag, ein neues jüdisches Nationalfest. Die Gegner der zionistischen Bewegung waren entsetzt. Die Versammlung von Repräsentanten des jüdischen Volkes, die vor aller Welt ein nationales 'Glaubensbekenntnis ablegen wollten, und die den ganzen Jammer ihrer historischen Tragödie in einen Verzweiflungsruf nach ihrer alten Heimat zusammenpreßten, sollte ihre assimilatorischen Phrasen zunichte machen, und ihre nationale Heuchelei entlarven. . . . Und die Gleichgültigen, die in passiver Resignation nur von einem Tag auf den anderen leben und stets gespannt lauschen, woher der Wind weht, auch sie lenkten ihre Aufmerksamkeit mit verhaltenem Atem nach Basel, bereit, sich an die Rockschöße des Erfolges zu klammern. In Basel herrschte heller Jubel, der an Ekstase grenzte. Die Arbeit des Kongresses bestand zum größten Teile in Aeußerlichkeiten. Eine blendende Szenerie, einige schöne Reden und eine sonderbare fixe Idee, daß auf alles „Ja!" gesagt werden müsse, wenn es sich auch um die unbedeutendsten taktischen Fragen gehandelt hat, gaben dem Kongresse ihr Gepräge. Die wesentlichsten Fundamente der Parteibildung, wie das Organisationsstatut und das Parteiprogramm wurden nur in den dürftigsten Zügen geschalten; vom politischen Zionismus, der wie eine feurige Seele den morschen Leib des jüdischen Volkes zu neuem Leben erwecken sollte, war im großen Kasinosaal zu Basel auch nicht der leiseste Hauch zu spüren. . . . Nichtsdestoweniger wird dieser Kongreß als die erste nationale Manifestation des jüdischen Volkes in der Diaspora, schon durch die Tatsache seiner Existenz ein ruhmreiches Blatt in der Geschichte des jüdischen Volkes einnehmen. Wenn auch die Begeisterung und der homerische Enthusiasmus des Kongresses jede nüchterne Erwägung und Prüfung wirtschaftlicher Probleme und politischer Endziele unmöglich machte, so waren sie doch begreiflich. Sie waren auch ein vortreffliches Agitationsmittel, denn dieser Massengeist, der am Baseler-Kongreß so einheitlich zum Ausdrucke kam, mußte auch aufmunternd und begeisternd auf die jüdischen Massen wirken. Nach dem ersten Kongresse hat die zionistische Bewegung ihren Höhepunkt erreicht, und ihre Leiter konnten an die Gründung einer jüdischen Kolonialbank schreiten.