Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Neue National-Zeitung« Seite 11 SUiLLEEON MORRIS ROSENFELD: Der Dichter an das üolk*). Es ist für den Dichter ein großer Moment, wenn er daran geht, für sein Werk ein Vorwort zu schreiben. Es erinnert das an jenen Augenblick, da der Autor sein geistiges Kind unter den Traubaldachin führt und ihm seinen heißen väterlichen Segen spendet. Speziell der jüdische Dichter bleibt in diesem Moment sehr ernst. Die Verbindung der poetischen Muse mit dem jüdischdeutschen Leser, das ist eigentlich eine schöne Partie. Und doch eine gewaltsame Ehe! Die Phantasie — der Hochzeitsmarschall — plaudert „für Feuer und Wasser", die Hoffnungen — die Brautführer — tanzen und springen voll Lust, aber die Gefühle — diese Musikanten — spielen keine fröhlichen Melodien, und das Ganze macht den Eindruck, wie wenn eine Waise verschleiert würde. Mein sehnsuchtsvolles Verlangen geht dahin, daß meine jüdischen Brüder von nah und fern das Produkt meiner Seele empfangen und mit derselben Liebe, mit demselben Ernst, mit denselben Gefühlen aufnehmen, mit denen es von mir gepflanzt wurde. Deutsche, Czechen, Polen und viele andere Völker haben die Früchte meines Geistes bereits gekostet und haben an denselben Gefallen gefunden. Ich bin auch mit ihrer Anerkennung zufrieden. Doc|i meine größte Freude, mein höchster Triumph wäre es, wenn meine Schöpfungen bei denjenigen Gunst und Anerkennung finden würden, für die sie geschaffen wurden — bei meinem Volk! Wiewohl sich in dieser Sammlung nicht alle meine Lieder vorfinden, die in dieselbe gehören würden, so liegt doch darin die Mühe vieler Jahre aufgestapelt, und in schlaflosen Nächten, in unruhigen Tagen habe ich sie geschaffen. Wenn ich mit meinem Auge diese Gedichte überblicke, die in sich ein Stück meines Herzens und meiner Seele verkörpern, und wenn ich mir die Zeiten und Umstände vergegenwärtige, da ich diese Zeilen geschaffen habe, so erscheinen mir manche von ihnen als weite, weite Blutsverwandte. Da sind Gedanken und Gefühle, die ich vor vielen Jahren empfunden habe, und daneben Gedichte nnd Visionen aus den jüngsten Tagen. Und doch sind sie alle meine Kinder ... Ich liebe sie alle gleich. Sie sind Teile meines eigenen Lebens und meines ungeratenen Schicksals. Keine einzige meiner Tränen will ich verlengnen, und jeder meiner Seufzer ist in diesem Buche verzeichnet. Auch mein Lachen, das wehmütig bittere Lachen, brauche ich nicht zu verantworten Ich zeige hier meinem Volke mein ganzes Herz, ich öffne ihm meine ganze Seele. Mag es mich ganz kennen lernen und über mein ganzes „Ich" urteilen . .. Ich hatte die Absicht, dieses Vorwort ebenso prosaisch zu schließen, wie ich es begonnen habe. Aber ein altes *) Der verschiedene Dichter hat die letzte gesammelte Ausgabe seiner Gedichte, die unter dem Titel „Gesammelte Lieder'4 hei der Internationalen Bibliotek-Verlags-Company in New-York erschienen ist, mit obigem Vorwort in Jiddisch eingeleitet. Die Redaktion. Sprichwort sagt: „Die Natur zieht den Wolf in den Wald." Und so fühle auch ich, daß ich in Rythmen zu denken anfange. Nein, ich kann mich nicht mehr beherrschen, kann mich nicht mehr losreißen von meiner alten Gewohnheit. Ich will mit einem Liede schließen: Ich bin da, wie die Schwalb ganz früh gekimmen, A Bsire1) vin a neien Mai zu bringen, Ich hab geweckt die ungeborenen Blümen, A tote Welt eweggeschenkt mein Singen. Ich hab mein volle Seele ausgegossen Auf jenem Feld wos hot gedarft noch blühen, Ich hob allein mein jingen Lied genossen, Es ist kein Herz gewen2), für mir zu glühen. Mon hot mir nicht getraut mein hellen Triller; Mon hot gesucht mein Chulem3) zu verspotten: Wos darf er da? Wos sucht er und wos will er? Er ist verführt, es sitzt in ihm der Suten *). Wie kenn a toter Boden trugen Pflanzen? Wie kimmt e wilde Sprach zu schöne Lieder? Wie kenn der proste6) Stein wie Dimant glänzen, Was dillt6) er uns mit seine Phantasie wieder? Doch weinendig hob ich gelacht mit Trären7), Und stärker hat mein Lied genommen brennen, Se hoben endlich mich gemußt erhören, Der Spotter hat gemußt mein Kraft erkennen. Der tote Boden hat gewiesen Leben Die wilde Sprach hat süß und lieb geklungen, Der proste Stein hat hellen Klang gegeben, Wos hot durch alle Welten durchgedrungen. Es hot mich nicht verführt der beise8) Suten, Die höchste Wahrheit hat durch mich gesprochen A große Kraft hat Singen mir geboten Mein Lied hat sich wie Lava durchgebrochen. Es sennen9) stumm geblieben meine Spotter, Und mancher hat gebeten um Vergebung, Ich hab vergeben, du bist mein Eides10) Voter! Denn Menschenliebe ist mein höchste Strebung. 0, Dank dir Gott, ich hab den Kampf gewonnen, Ich hör vor mir11) Millionen Herzen schlagen, Ich hab mit Schmerz gesucht, mit Freuden gefunnen12), Das reine Licht, was wird mein Nacht betagen. *) Botschaft. — 2) gewesen. — 3) Traum od. Vision. — *) Satan, — 6) gewöhnliche. — a) belästigt. — l) Tränen. — 8) böse. — 9) sind. — in) Zeoge. — ll) für mich. — 12) gefunden.