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Neue Nationalzeitung · 1907-08-02 · Heft 34 (2.8.1907) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 34 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Neue National-Zeltung« Nr. 34 hiteratur. Jakob Obermeyer: Modernes Judentum im Morgen- und Abendland, Wien und Leipzig 1907. Hof- und Verlagsbuchhandlung Carl Fromme. Dies ist ein Buch, das jeder Jude lesen, ja, studieren sollte. Wir glauben es seinem Verfasser, Jakob Obermeyer, der seit dem Jahre 1884 Lehrer des Arabischen und Persischen an der k. k. Lehranstalt für orientalische Sprachen in Wien ist, gerne, wenn er im »Vorworte« sagt: »Die folgenden Studien sind einem tiefinneren Gemötsbedürfnis entsprungen und wenden sich in erster Reihe an alle jene, die an dem lebendigen jüdischen Geiste hängen mit pietät- und hoffnungsvollen Gemüt.« Und mit solchem Gemüt lasen wir die ebenso wissenschaftlichen, wie volkstümlich gehaltenen Ausführungen des gelehrten Verfassers, und es wurde uns manchmal traurig ums Gemüt. Denn Obermeyer setzt in schonungsloser Wahrheit auseinander, was er über unser »Tempeljudentum« zu sagen hat. Aus der Religion, die einst verkündete, »ich bin das Leben und das Licht«, wurde eine Totenreligion, aus tiefer Innerlichkeit äußerer Gebrauch, und in den »Zeremonienhallen« der Großstädte spielt sich ein gut Teil dieser Religion ab, deren ganzes Wesen darin zu bestehen scheint, die Augen zu blenden, die Ohren zu kitzeln. Den Verfasser, der sich viele Jahre in Bagdad aufgehalten, besuchen eines Tages zwei Freunde aus dieser Stadt der Märchen von 1001 Nacht:-Abdul Kerim, der Mohammedaner, und Ibrahim, der Jude. Er führt die Araber in das Wiener Leben ein und gibt die Eindrücke wieder, die diese vom europäischen Leben erhalten haben. Europa kommt da nicht am besten weg. Abdul Kerims Anschauungen lassen sich, mutatis mutandis, in die Dichterworte zusammenfassen. »Wir Asiaten sind doch bessere Menschen«. Man sehe den Anhang unseres Buches und höre, was Abdul Kerim über unsere Scheinreligion und Scheinmoral spricht, wie er sich über die Duldsamkeit der Araber im Gegensatze zu der der Europäer äußert, nehme sich zu Herzen, was er über Sittlichkeit, Polygamie und unsere heuchlerische Monogamie, über die Trunksucht der Europäer und Bedürfnislosigkeit und Einfachheit der Araber, über die europäische Rechtspflege und unsere Vorurteile sagt, und man wird diesem schlichten Manne aus Mesopotamien, aus dem uralten Lande Nehar-Neharaim, (»zwischen den Strömen«) die Zustimmung nichtversagen können. * Und jetzt kommen wir zu den Beobachtungen und Aeußerungen des Juden aus Bagdad über unser modernes abendländisches Judentum. Diese veranlassen den Verfasser, seine Anschauungen über dieses, namentlich wie es sich in Wien und anderen Großstädten Deutschlands, und fügen wir hinzu auch Oesterreichs, entwickelt hat, und in seinem Kultusleben in die Erscheinung tritt, darzulegen. Er kommt zu dem Ergebnisse, daß dieser moderne jüdische Kultus eigentlich ein Totenkultus ist. Für sehr viele dieser Neujuden ist das Maskir, die Totenfeier, Kaddisch und »Jahrzeit« das Um und Auf des ganzen Judentums. Wer wird den Ausführungen des Verfassers zu widersprechen wagen? Man lese, was er über diese Totenfeier im Reformjudentum, über das Maskir in Wien sagt. Und unsere Prediger- und Kantorenmisere! Wieviel wurde schon über das Schönrednertum der einen und den bei Canto der anderen gesprochen? Was haben diese aus dem Gotteshause gemacht? Dies bespricht der Verfasser in dem sehr lesenswerten IV. Kapitel »Rabbiner und Vorbeter einst und jetzt.« Wir wünschen nur, daß dieses sehr eingehend von denen, die es angeht, studiert werde. Das V. Kapitel über das »Kaddisch«, seine historische Entwicklung, die Ausführung der gelehrten Autoritäten des Mittelalters, die Legenden vom »büßenden Gespenst« all' dies hat uns besonders interessiert und wir sind der Ansicht, daß diese wahrhaft wissenschaftlichen Ausführungen nicht ohne Eindruck auf alle Leser bleiben werden. Alles in allem, dies ist ein Buch, das schonungslos die Mißbräuche im modernen, besonders im Reformjudentum enthüllt und zeigt, was unserem Judentum nottut. Man wird es totzuschweigen versuchen, denn noch immer wollen unsere »Maßgebenden« nicht einsehen, daß derjenige, der Fehler besitzt, nicht gut tut, sie zu verhüllen; er soll sie frei tragen und die Wunden, die er erlitten, zu heilen trachten. Was soll es mit dem ewigen Verhüllen und Entschuldigen und Loben? Indem nun der Verfasser des vorliegenden Buches seine Hand auf diese Beulen legte, an denen unser heutiges Judentum krankt, hat er ein gutes Werk getan. Wir glauben es ihm gerne, daß ihn »bei der Schilderung der Entartungserscheinungen im modernen Judentum wärmste Teilnahme und tiefer Besserungseifer« geleitet haben. Mögen sie gute Früchte tragen! Jehudi. Zeitschriften-Rundschau. Die Frage der Emigration gehört zu den bedeutendsten Fragen unserer Sozialpolitik. Jedes Land hat ein überschüssiges Proletariat, welches gezwungen ist, die überseeischen Länder aufzusuchen, weil ihm in der Heimat ein Gebiet der Erwerbsbetätigung fehlt. Wiewohl nun Amerika und gerade Nordamerika der Einwanderung seinen kolossalen Reichtum und seine großindustrielle Macht zu verdanken hat, macht sich dort seit jüngster Zeit eine starke Strömung zwecks Erschwerung der Einwanderung geltend. Diese Erschwerung bedroht auch die jüdischen Einwanderer, die, so lange eben noch keine anderen Auswanderungsgebiete vorhanden sind, in Nordamerika verhältnismäßig die besten Lebensbedingungen neben politischer Freiheit vorfinden. Aber speziell gegen die Juden werden von den Feinden der Einwanderung verschiedene Vorwürfe erhoben. Alle diese Vorwürfe zu widerlegen hat sich Karl Vornberg in einem Artikel »Die Feinde der Einwanderung«, den die »Neue Zeit« veröffentlicht, zur Aufgabe gemacht. Er weist nach, daß die Beschuldigung, die Juden seien Lohndrücker, ganz ungerechtfertigt ist. Jüdische Arbeiter haben die Bekleidungsindustrie von einer Hausindustrie zu einer kapitalistischen Industrie umgestaltet, das angelegte Kapital und der Wert der Produkte haben sich verdoppelt. In dieser Industrie sind 53% männliche jüdische und 76% weibliche jüdische Arbeiter beschäftigt und doch beträgt der Durchschnitts-Wochenlohn bei Männern über 12 Dollars (60 K) und bei-Frauen zirka 7 Dollars. (35 K). Wo sei da die Demoralisierung? Diesem Hefte der »Neuen Zeit« ist auch ein ausführliches Referat von Max Schippel für den Stuttgarter Internationalen Kongreß über »Die fremden Arbeitskräfte und die Gesetzgebung der verschiedenen Länder« angeschlossen, welches in ausgezeichneter Weise über die in den einzelnen Staaten Amerikas, Afrikas und Australiens geltenden Einwanderungsgesetze informiert. Priuate ITlitteilungen. Hauswiesenfest in Baden. Am 28. Juli fand auf der Hauswiese ein vom Frauenwohltätigkeitsverein „Zuflucht" und den Erzherzoge R^a4n-e-r-StiftuBg-gemeinsam veranstaltetes Fest statt. Der materielle Erfolg des Festes, welcher zum großen Teil der unermüdlichen Tätigkeit der Präsidentin Frau Laura Goldschmidt zu danken ist, belauft sich auf K 3000*— und fließt einigen humanitären Institutionen zu. — Unter den Komiteedainen haben sich besonders Frau Dr. Leo Popper (Wien) und Frau E. Buchbinder (Krakau) um das Gelingen des Festes bemüht. eingesendet. 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