Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 »Neue NmtioMd-Ztltuiig« Seite 9 die Statutenänderung bestätigten, die anderen hingegen bestritten. Der Eichter erklärte nach Durchführung der Verhandlung, daß seines Erachtens den Aktienbesitzern, von denen sehr viele in Amerika, Australien und Afrika wohnen, doch mehr Gelegenheit gegeben werden sollte, zur Frage der Statutenänderung Stellung zu nehmen. Trotz des Hinweises des Anwalts Warmington, daß die Verständigung aller Aktienbesitzer sehr kostspielig sei — sie würde mindestens 36.000 K kosten — meinte der Eichter, daß trotzdem eine Vertagung notwendig sei, um den Aktienbesitzern Gelegenheit zu geben, sich zu äußern. Sohin wurde die Verhandlung bis 7. April 1908 vertagt und hatten sich die beiderseitigen Eechtsanwälte bereit erklärt, dem Eichter einen Entwurf der Kundmachung und eine Liste der Blätter für diesen Zweck zu unterbreiten. %üS auch-wemeiLCN James Simon, der große Berliner Philantrop und Präsident des »Hilfsvereines der deutschen Juden«, wurde von der Berliner Akademie der Wissenschaften durch die Verleihung der Leibniz-Medaille ausgezeichnet. James Simon hat sich bekanntlich um die künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen Berlins in hervorragender Weise verdient gemacht. Er gehört zu den Gründern der deutschen Orientgesellschaft, die die Bereicherung der vorderasiatischen und ägyptischen Abteilungen durch Ausgrabungen in Babylon, Assur usw. bezweckt. Auch wendete Herr Simon aus seinen eigenen Sammlungen der vorderasiatischen Abteilung eine Anzahl babylonischer Siegelzylinder, Gemmen und einen interessanten antiken Keulenkopf mit eingravierten Tierfiguren zu. Dauernd verknüpfte er seinen Namen mit den Königlichen Museen durch die Schenkung seiner reichhaltigen und ausgewählten Renaissancesammlung an das Kaiser Friedrich-Museum, wo sie ein besonderes Kabinett einnimmt. Herr Simon, der alle Orden abgelehnt hat, erhielt hiefür das Bild des Kaisers mit dessen eigenhändiger Unterschrift und einem Handschreiben, in dem es hieß: »Wenn der Empfänger auch alle sonstigen Ehrungen von der Hand weist, für das beifolgende Bild wird er doch gewiß noch ein Plätzchen in einem seiner Zimmer finden.« Noch eine judenreine Stadt. Man hat bisher die Stadt Saybusch (Galizien) als die einzige Stadt in Oesterreich angesehen, in welcher trotz aller Staatsgrundgesetze und der darin garantierten Freizügigkeit die Juden nicht wohnen dürfen, weil sie mit Gewalt unter stillschweigender Duldung der k. k. Behörden verjagt werden. Nun berichtet die »Egerer Zeitung« von einer zweiten ähnlichen Stadt, die sich dieses traurigen Privilegiums erfreut. Die genannte antisemitische Zeitung berichtet: Ganz im Norden Böhmens, zwei Stunden oberhalb Reichenberg, liegt hart an der preußisch-schlesischen Grenze das Städtchen N e u s t a d t an der Tafelfichte, umgeben von den Höhen des Isergebirges. Außer der großen v. Klingerschen Fabrik, die über tausend Personen beschäftigt, und der herrlichen, waldreichen Umgebung, gibt es da nicht viel Erwähnenswertes und doch hat Neustadt an der Tafelfichte eine Merkwürdigkeit aufzuweisen, um die es die größten Städte beneiden können. Es ist nämlich bis zur Stunde vollkommen judenrein und hat unter 5200 Einwohnern nicht einmal einen Judenstämmling aufzuweisen. Wohl haben es schon seit einer langen Reihe von Jahren gar manche Juden immer wieder versucht, sich hier häuslich niederzulassen und Geschäfte zu machen, allein nach kurzer Zeit mußten alle wieder ihren Binkel schnüren und weiter wandern, wenn sie nicht verhungern wollten. Dabei herrscht unter der arischen Bevölkerung gar kein ausgesprochener Rassenantisemitismus. Man verfolgt hier keinen Hebräer, aber man nimmt ihn weder in die Gesellschaft auf, noch kauft man etwas von ihm und wenn er selbst etwas kaufen will, so findet er verschlossene Türen. Das ist der praktische Antisemitismus, wie er allenthalben gehandhabt werden sollte. Die erste hebräische Buchdruckerei in Berlin legte merkwürdigerweise der 1693 zum Hofprediger berufene Dr. Daniel Jablonski an. Dieser Geistliche, ein großer Orientalist, betrieb mit Leibnitz die Errichtung der „Societät der Wissenschaften" und wurde Direktor ihres Orientalischen Departements, 1733 sogar Präses der „Societät." Die Niederlassung der Juden in der Mark seit 1671 gab ihm ein brauchbares Material an Setzern und Leitern für eine hebräische Buchdruckerei. Unter den eingewanderten Juden hatte sich ein ziemliches literarisches Leben entwickelt. Die Kabbala-Schwärmerei war damals in Berlin groß. Geweckt hat dieselbe ein gewisser Jakob aus Wilna, den die Brandenburger 1686 bei der Eroberung Ofens gefangen genommen und nach Berlin gebracht hatten, wo ihn seine Glaubensgenossen auslösten. Er war ein Anhänger des Sabathat Zewi. Kabbalistische Spielereien waren seitdem in Berlin im Schwange. Zur Krönung im Jahre 1701 hatte Wolf Simon Brandes dem König eine Festschrift gewidmet, in welcher er durch Zahlenspielereien nachwies, daß bereits im einundzwanzigsten Psalm die Erhebung des Kurhauses Brandenburg zur Königswürde, ja selbst Ort und Tag der Krönung vorausgesagt sei. Der König nahm die Schrift gnädig entgegen und ließ über dieselbe seinen gelehrten Hofprediger ein Gutachten abfassen. Der feine Hofmann bezeichnete die Schrift „als des Druckes nicht unwert, zumal der Mann nach dem Genie seiner Nation nicht leicht etwas Besseres und Sinnreicheres unserm allergnädigsten König zu Ehren hätte beibringen können." Selbst der Rabbiner Simon Bern dt approbierte ein kabbalistisches Werk und nannte es „süß und angenehm, wie von Sinai hinabgeflossen." Und einem anderen Kabbalisten, Nechemja Chajun, der im Jahre 1713 aus Palästina kam, approbierte der Rabbiner Aron Benjamin Wolf ein Werk „Gottes Macht". Aron Samuel, Branntweinbrenner und Bierbrauer, schrieb eine Bibel-Concordanz und überreichte sie dem Kurfürsten; Levin David, ein Buchdrucker, verfaßte eine hebräische Grammatik. Von 1697 bis 1734 erschienen in Berlin drei Talmud-Ausgaben, die eine von Dr. Jablonski selbst (1715 bis 1721). Seiner Druckerei, aus der auch eine hebräische Bibel hervorging, standen Levin David und Wolf Salomon vor, und es arbeiteten in ihr nur jüdische Setzer. Juden in den englischen Kolonien. In Großbritannien wurde bisher die Konfession der Einwohner bei den Volkszählungen nicht erhoben. Bei der letzten Zählung jedoch vom Jahre 1901 wurde auch das Religionsbekenntnis der Bevölkerung in Irland und 28 englischen Kolonien ermittelt, von denen am meisten Juden (in abgerundeten Zahlen) zählten: Kapland .... 20.000 Indien.....18.000 Australien . . . 17.000 Kanada .... 16.000 Irland.....4.000 Nachfolgend führen wir nach Erdteilen geordnet jene Gebiete auf, in denen bei der Volkszahlung Juden vorhanden waren. Gesamtbevölkerung darunter Juden Europa Irland....... 4,458.775 3.898 Malta und Gozo . . . 207.890 58 Cypern ....... 237.152 118 Asien Indien....... 294,361.056 18.828 A f r i k <i Capland...... 2,409.804 19537 Natal........ 204.713 1.496 Oranjen....... 387.315 1.616 Sierra Leone..... 76.655 7 Mauritius...... 378.195 5 Amerika Kanada-Gebiet .... 5,371.315 16.401 Australien Neu-Süd-Wales .... 1,359.133 6.447 Victoria....... 1,201.341 5.907 Queensland..... 523.266 733 Südaustralien..... 389.727 786 Westaustralien .... 189.385 1.259 Tasmanien...... 172.475 107 Neu-Seeland..... 816.214 1.611 Unter den Juden im Kapland wurden 28 und in Natal 3 Mulatten (Mischlinge) gezählt. Rabbi Meier von Rothenburg. Im alten Friedhofe zu Worms wurde jetzt der Grabstein des Rabbi MeiervonRothenburg aufgefunden. R. Meier war einer der hervorragendsten Gelehrten des XIII. Jahrhunderts. Mit Frau und Kindern unternahm er eine Reise über das Meer und gelangte nach einer Stadt, die zwischen hohen Bergen, das lombardischeGebirge genannt, lag. Dort wollte er solange verweilen, bis alle Mitreisenden bei ihm sich eingefunden haben würden. Da reiste durch jene Stadt der böswillige Vogt von Basel, den ein Proselyt, namens Klippe, begleitete. Der letztere erkannte den Rabbi, teilte dies dem Vogt mit und bewirkte, daß ihn der Graf Meinhard von Görtz 1286 gefangennahm und ihn dem Kaiser Rudolf von Habsburg auslieferte, welcher ihn in einem Turm zu Enfisheim (Elsaß) gefangen hielt Kaiser Rudolf forderte eine große Summe als Lösegeld, welche zu entrichten auch mehrere Gemeinden sich bereit erklärten. Es verhinderte dies jedoch der Rabbi selbst; indem er in frommer Bescheidenheit den Preis für seine Befreiung