Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeltung Nr. 34 Deutsches Reich. Die Ausweisung österreichischer Staatsbürger. Berlin, den 29. Juli. (Orig.-Korr.). Die von Ihrem Blatte eingehend besprochene und sohin vom „Jüdischen Klub" im Wege der Interpellation dem österreichischen Ministerium zur Kenntnis gebrachte Ausweisung von österreichischen Staatsbürgern jüdischer Nationalität ans unserem „modernen" Preußen beschäftigt auch die hiesige freisinnige Presse. Auch sie ist der Ansicht, daß dieser Vorgang gegenüber unbescholtenen österreichischen Staatsbürgern, die eine produktive Tätigkeit betreiben, nur um ihres Judentums willen, kleinlich und unwürdig ist Der gestrige „Börsen-Courier" widmet diesem Thema den Leitartikel. Das Blatt verlangt eine gesetzliche Festlegung des Ausweisungsrechtes, damit nicht Chikane und Willkür über die Existenz ganzer Familien zu entscheiden haben. „Es ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht, wenn ein Staat allen im Lande befindlichen Ausländern, wenn er allen Franzosen, wenn er allen Juden den Zutritt und die Niederlassung im Inlande versagt." Besonders traurig an der ganzen Sache ist noch folgendes: Die preußische Regierung traut sich nicht, französische oder englische Juden auszuweisen, auch - ungarische Turfschwindler werden von der Polizei en masse geduldet; nur gegenüber österreichischen Juden erlaubt man sich alles. Man hat das Empfinden, als Staatsbürger Oesterreichs gar nicht höher zu stehen, als ein Staatsbürger Serbiens oder Bulgariens. Und das ist beschämend für — Oesterreich. Wenn der österreichische Minister des Aeußern das Ansehen Oesterreichs im Auslande so niedrig taxiert, wenn alle Militärlasten, die Oesterreich und auch dessen jüdische Staatsbürger zu tragen haben, um den" Dreibund im InteresseDeutschlands zu erhalten, nicht einmal eine bloße Duldung für österreichische Staatsbürger in Deutschland herbeizufuhren vermögen, dann ist die ganze Freundschaft zwischen Oesterreich und Deutschland wert, daß sie zum Teufel geht. Das muß aber und das soll auch im österreichischen Parlamente gesagt werden. sch. Russland. Kussland sucht Geld! Petersburg. Die russische Regierung braucht Geld. Es werden daher neue Taussigs gesucht. Einen solchen Taussig II scheint die russische Regierung im Berliner Banquier Mendelssohn gefunden zu haben. Er war dieser Tage hier und es geschah ein Wunder. „Die schwarzen Hundertschaften" erteilten ihm den Titel eines echten Christen, ja sogar eines Russen, unter Nachsicht des Charakters. Es ist geradezu köstlich, wie das gemeinste Hetzblatt „Russkoje Snamja" vor Mendelssohn auf dem Bauche rutscht. Man lese, zu welchen halsbrecherischen Stilblüten das Blatt seine Zuflucht nimmt, um nur Mendelssohn zu fangen: »Aber werden die patriotischen Söhne Rußlands einwenden, ist es denn nicht gleich, ob man bei den Pariser, den Londoner oder den Berliner Juden Geld nehmen will? Wir antworten unseren Lesern: Nein, es ist nicht ganz gleich! Wenn es schon dazu gekommen ist, daß unser unglückliches Vaterland ausländische Anleihen abschließen muß, dann es ist besser, sie in Berlin, als in Paris und London abzuschließen. Es handelt sich darum, daß Mendelssohn überhaupt nicht das ist, was Rothschild ist: Mendelssohn ist überhaupt kein Jude! Das gegenwärtige Haupt des berühmten Bankhauses in Berlin ist ein Urenkel des genialen Komponisten Felix Mendelssohn- Bartoldy, der bekanntlich aus Ueberzeugung und nicht aus persönlichen Rücksichten das Christentum angenommen hat. Sogar Wagner mußte sich vor dem hohen Geiste Mendelssohns beugen. Aber nicht nur der Komponist Mendelssohn, sondern auch sein »Onkel« (!) Moses Mendelssohn erfreuten sich allgemeinen Ansehens. Und endlich: Der Berliner Geldmarkt wird an uns, ungeachtet des Vorherrschens der Juden, weniger Forderungen stellen, als Paris und hauptsächlich die radikale französische Presse.« Die Russen halten es eben mit den Polen: „Jak bieda to do zyda". (In der Not gehe zum Juden.) Ob die russische Regierung diesmal in Deutschland Geld bekommen wird, trotz aller Demütigungen, bleibt noch immer abzuwarten. Das Urteil im Bialystoker Pogrom-Prozeß. Bialystok, 27. Juli (Orig.-Korr.) Montag, den 22. Juli, hat zum drittenmale wegen der am hiesigen Bahnhof an Juden begangenen Greuel die Verhandlung stattgefunden und endlich hat sie zu einem Urteile geführt. Auch diesmal wurde die Verhandlung nur auf die Greueltaten am Bahnhof eingeschränkt, während der Pogrom in der Stadt ausgeschieden wurde; auch diesmal wurde die traurige Rolle, welche die Ortsbehörden und die Truppen, sowie der Stadtkommandant Schrötter, bei diesem Menschenabschlachten spielten, gar nicht geprüft. Als Zeuge einvernommen hat Schrötter erklärt, die Aussagen anderer Zeugen, es hätten die Dragoner zugeschaut, wie am Bahnhof gemordet wurde, seien nicht wahr. Auf die Frage eines Advokaten, warum er gegen die mordenden Hooligans nicht eingeschritten sei, erwiderte dieser Ehrenmann, das sei nicht seine Sache. Nach all diesen Vorgängen läßt sich denken, wie das Urteil ausfiel: Die Geldansprüche der Beschädigten wurden vom Gerichte zurückgewiesen; damit eben etwas doch geschieht, wurde ein Angeklagter zu acht Jahren Zwangsarbeit, drei Angeklagte wurden zu einem Jahr und drei Monaten Arrestantenrotten und einer zu acht Monaten verurteilt. England. . s . .» .. ..... : ' /|v*/ ll|i">-M*fl«.<f >#l»»^*>-» T^*^;'' t; Die Statutenänderung der Eolonialbank. London, 24. Juli. (Orig.-Korr.). Gestern hat vor dem Richter Kekewich die Verhandlung über die beantragte Statutenänderung der Kölonialbank stattgefunden, nachdem die Verhandlung schon einmal vertagt worden war. Für beide Teile, und zwar für die Kolonialbank und Israel Zangwill, erschienen je zwei Rechtsanwälte. Ueberdies erschien Zangwill persönlich. Die Verhandlung begann mit dem Vortrage des Rechtsanwaltes Warmington, welcher als Vertreter der Kolonialbank die Geschichte derselben und ihrer Statuten, die am 20. März 1899 anerkannt worden sind, entwickelte. Er meinte: Als die Bank gegründet wurde, ist ihr ein ziemlich weites Feld reserviert worden, so daß sie in allen Teilen der Welt operieren konnte. Durch die beantragte Aenderung soll ihr Operationsfeld eingeschränkt werden. Mr. Warmington erzählte, daß die Bank 2 Millionen Aktien zu 1 Pfund Sterling (24 K) emittiert habe. Hievon sind außer den hundert Gründeraktien 253.265 Aktien verkauft und voll eingezahlt worden. Auf der Konferenz vom 29. August haben sich 4488 Aktionäre für die Statutenänderung und 697 dagegen ausgesprochen. Dieser Beschluß berechtige nun die Leitung der Kolonialbank, diese Statutenänderung im Sinne einer Einschränkung der Tätigkeit der Bank auf Palästina, Syrien, die asiatische Türkei, die Halbinsel Sinai und die Insel Cypern zur Durchführung zu beantragen. Es folgte hierauf die Verlesung verschiedener Zeugenaussagen über das Zustandekommen des Aenderungsbeschlusses und über die Art der Verständigung aller Aktionäre, die in allen Weltrichtungen ansässig sind. Es waren dies die Zeugenaussagen von Wolf söhn, Goldreich (Johannisburg) und Levin-Epstein (New-York) sowie von Zangwill, Rechtsanwalt SaTarn o n (London), Uriaschsohn (Grodno), von denen die ersten das Vorhandensein der formellen Voraussetzungen für