Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 »Neue National-Zeitung« Seite 7 Drin werden Gesangbücher verteilt, englische und deutsche mit hebräischen Buchstaben, die Orgel spielt, ein Mädchenchor stimmt an, und die seltsame Gemeinde singt. Die Mädchen in rein klingendem Englisch, die bekehrten Jünglinge in einem harten, wehmütig tastenden Deutsch, die Mädchen vom himmlischen Heilland, die Jünglinge — gemäß dem frommen Betrug der Mission — vom gelobten Land, vom seligen Kanaan. Dann folgt die Eede des Priesters. In einfachen Sätzen, wie zu den Gläubigen seiner Gemeinde, spricht der junge Redner von den Erzvätern, der Auserwähltheit und der Erfüllung im Christentum. Der Jargonredner übersetzt jeden Satz, kräuselt ihn für ihre Denkweise zurecht und gibt der klaren Gläubigkeit des Engländers die suggestive mystische Leidensnote. Dann verkündet er, man könne im Missionshause umsonst englisch lesen, schreiben und rechnen lernen; die Besucher erhalten Missionsbüchlein und verlassen die Kirche. Ein paar Schritte weiter hängen in einem Fenster Einladungen zur Predigt und in das r feine Lesezimmer". In dem Lesezimmer sitzen ein paar armselige Gestalten um den Tisch, ein Mann mit weißer Halsbinde sitzt vorn und geistreichelt unbeholfen mit Bibelzitaten. Er gluckst und räuspert sich und hält die Besucher warm. Mit heuchlerischer Süße tappt er an jedem Besucher herum, so plump freundschaftlich, daß man sofort den Schwindler erkennen muß. Ein zweiter von der Branche assistiert und schleicht um den Tisch herum. Um sechs Uhr werden alle zur Predigt nach unten geladen. Dort ist's schmutzig und enge wie oben. Vier englische Mädchen singen vor, der Zitatenkünstler hält die Predigt. Er hat Ehrgeiz, er spricht nicht Yiddish, sondern deutsch, wie er meint; aber solch sinnloses Zeug, so horrend unwissend und offenbar verlogen, daß man auflachen müßte, wenn nicht die Gestalten des Elends auf den Bänken säßen. Die stieren vor sich hin, schlummern ein und brüten gedankenlos; nur wenn ein junger Mensch eintritt, sehen sie ihn mit sonderbarem Blick an, als wollten sie sagen: du hättest das doch nicht nötig, du hast doch gesunde Arme. An der Tür wird man noch einmal von dem „Freund" angesprochen, und wenn man die dargebotene Hand glücklich übersehen hat, atmet man wieder frei auf. Die nächste Mission ist amüsanter, dort ist gerade „Diskussion", wobei die Logik die kühnsten Bocksprünge macht. „Jede Frage wird beantwortet werden", steht draußen auf dem Einladezettel. Und das geschieht auch. Ein kleines Männchen leitet die Debatte, ein jüngerer sekundiert, und ein Engländer sitzt an der Seite als Sachverständiger für die Fragen, wie sich das christliche Gefühl zu einzelnen Dingen stellt. Er greift selten und unbeholfen ein, sein Deutsch ist nicht geläufig genug, um in dem Gedankenwettlauf mitzukommen. Aber es tut nicht not, denn das kleine Männchen ist ein Meister in seinem Fache. Seine Kenntnisse reichen zwar nicht weit über ein paar Parallelstellen beider Testamente, doch seine Erfindungsgabe in Beweisen, Deutungen, Einwänden und Beteuerungen kennt keine Grenzen. Schwierigkeiten gibt es nicht für ihn, und gerade wenn seine Argumente schwach sind, schlägt er den Gegner am glänzendsten. Die jungen Leute, die hingehen, um zu debattieren, was ja eine Leidenschaft der Juden des Ostens ist, machen meist Einwände aus praktischen Erfahrungen ihres harten Daseins heraus, etwa warum gläubige Christen häufig weniger menschlich handeln als ungläubige, warum die soziale Frage unabhängig vom Christentum ihre Fortschritte gemacht hat. Aber er löst alle sozialen Fragen kraft des Glaubens allein, und er selbst fühlt ja keine Not mehr, seitdem er so extensiv gläubig geworden. Schwieriger wird es für ihn, wenn er einmal auf einen Bibelkundigen stößt; dann überläßt er das Klugsein der anderen Seite und ist nur fromme Einfalt, und die beweist ja bekanntlich mehr als aller Witz der Klugen. Auf jüdischer Seite ist man gleichgültig gegenüber der Tätigkeit der Mission. Die jüdischen Missionäre werden verlacht, in Missionskreisen aber ist man voll Glauben, besonders der jetzige Bischof von London nimmt sich der Sache in regster Weise an. K. ■a mmfö-mmmi Dieser Teil unseres Blattes sieht unseren Lesern zur Verfügung. Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Raum gern zur Verfügung. Die Redaktion. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Ausführungen des Reichsratsabgeordneten Herrn Dr. H. G a b e 1 in seinem Artikel »Sozialpolitische Ziele des jüdischen Volkes« entsprechen ohne Zweifel den Tatsachen. Nur glaube ich, daß bei der Klarlegung der Notlage und der Mittel zur Abhilfe die jüdischen Arbeiterklassen zu kurz gekommen sind. Dem Kleinhandel und dem Kleingewerbe ist mit fachmännischer Ausbildung und billigem Kredit in ökonomischer Beziehung wirklich geholfen. Was jedoch die Arbeiterklasse betrifft, so bekommt man beim Lesen des Artikels unwillkürlich den Eindruck, als wäre diesbezüglich das Wichtigste übersehen und nur das Oberflächlichste gesagt worden. Fachmännische Tüchtigkeit, Transport, Arbeitsnachweis! Soll das zur Hebung der Lebenshaltung des jüdischen Proletariats genügen? Und in Galizien, dem industriearmen Lande? Ich bin der entschiedenen Meinung, daß sich gerade auf diesem Gebiete bei gutem Willen viel mehr tun läßt und daß gerade diese Klasse vor allem das sozialpolitische Interesse aller Gerechtdenkenden verdient. Wenn wir unserem Volke wirklich helfen wollen, so müssen auch unsere sozialpolitischen Ziele größer, inhaltsreicher und radikaler sein. Hochachtungsvoll Jakob Ziering (Strusöw). MORReSPONDeNZCN ^* Oesterreich-Ungarn» Das Doktorjubiläum des Präsidenten Dr. Stern. Wien, 1. August. (Orig.-Beriebt). Der Präsident der Kultusgemeinde „feiert" sein goldenes Doktorjubiläum und die jüdische Fakultät der Wiener Universität hat auch ihm aus diesem Anlasse, wie allgemein üblich, das Diplom erneuert. Dazu braucht es gar „keiner Verdienste", von denen unsere liberalen Tagblätter zu erwähnen belieben. Denn sie wären wohl selbst in größter Verlegenheit, wenn man von ihnen verlangen würde, daß sie von den Verdiensten des Herrn Dr. Stern detailliert erzählen. Wir wünschen dem Jubilar, daß er ein Metusalem-Alter erreiche, aber nur fern vom — Präsidentenstuhl. Hier hat er der Judenschaft ebenso wenig genützt, wie er in seiner ganzen Lautbahn als Gemeinderat und Kultusvorsteher auch nur auf eine hervorragende Tat oder auf eine originelle Idee zu verweisen hat. Er war stets der starre Vertreter des liberalen assimilatorischen Doktrinarismus, seinem Gehirn ist das schändliche Machwerk eines Pluralitätswahlrechtes für die Kultusgemeinde entsprungen, er ist der verbissenste Gegner jeder Erweiterung des Wahlrechtes zugunsten der breiteren Volksschichten. Dieser Kultuspräsident erfreut sich daher in den weitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung einer seltenen — Unpopularität. Wir verzeichnen das Ereignis im Leben des Herrn Dr. Stern aus publizistischer Pflicht; für die jüdische Bevölkerung sind Herr Dr. Stern und seine Jubiläen ganz gleichgiltig.