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Neue Nationalzeitung · 1907-08-02 · Heft 34 (2.8.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 34 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nene National-Zeltung« Nr. 34 gemeinen. Krankenhause" haben die Juden in diesen letzten Momenten Zuspruch eines bestellten Gemeindebeamten. Nur im Rothschild-Spital muß der Jude wie ein Tier verenden . . . Und der Tote sieht dann auch aus wie verendet. Mit offenen Augen und offenem Mund hat man diesen Mann begraben. Der eingetretene Starrkrampf hat das Gesicht so furchtbar entstellt. Aber »ibt es in diesem Spitale, das sich ein jüdisches nennt, keine Person, die wüßte, daß der strenggläubige Jude dies als einen Frevel ansieht? Eine Disposition des Arztes hätte genügt, um dem Leichnam ein menschliches Aussehen zu geben. Aber solche Dispositionen scheinen in diesem Krankenhause als überflüssig zu gelten. Die Hauptsache entscheidet: ein Bett wird frei ... Welche Qual für die Angehörigen, das mitansehen zu müssen! Man könnte nun fragen: Ist das ein Spital? Es wäre aber in" diesem Falle schwer, eine Antwort zu geben. Wir Juden sind doch auf unsere humanitären Institutionen besonders stolz, und mit Recht. Deshalb ist es aber Pflicht derer, die sie würdigen, auch ihre Schäden zu beleuchten. Wären die geschilderten, krassen Mißstände bloß Einzelfälle, man könnte sich des Rechtes der Kritik vielleicht begeben. Meine genauen Informationen haben mir bestätigt, daß dieses Vorgehen in diesem Krankenhause üblich ist. Es gibt eine ständige Kommission für das Rothschild-Spital, gebildet aus den Mitgliedern des Kultusvorstandes. In dieser Kommission sitzen bedeutende Aerzte, Bauräte, Bankiers etc., Männer von tiefem Gemüt und von religiöser Gesinnung. Nach all' dem, was man im Rothschild-Spitale sieht, ist wohl die Frage gestattet: Waren diese Herren jemals in dem ihrer Kontrolle unterstehendem Spitale? . . . Ein Besuch wird den Herren wärmstens empfohlen. Vielleicht ließe sich aus dem Spitale für Juden doch noch ein jüdisches Spital machen? Die Uebersiedlung Samuel Hirsdienbergs nach Palästina*). Krakau, Mitte Juli. Unsere Künstlerwelt ist in den letzten Tagen durch die außerordentliche Karriere eines hiesigen Malers überrascht worden. Der bekannte und geschätzte Meister der „Schwarzen Standarte" ist zum Direktor der Akademie der bildenden Künste in Jerusalem ernannt worden. Die Sache ist ziemlich rasch vor sich gegangen. Vor wenigen Wochen wurde ihm der Vorschlag gemacht und er befindet sich schon unterwegs in seine neue Heimat. Von Krakau begab er sich vor einigen Tagen nach der Bretagne zum Sommeraufenthalt und von dort fährt er in den ersten Tagen des September über Marseille an den Jordan. Unmittelbar vor der Abreise hatte ich Gelegenheit, den Künstler zu sprechen. Ich muß gestehen, daß mich die Tatsache des Bestandes einer Kunstakademie in Palästina nicht minder überraschte, als die Expatriierung Hirschenbergs. Unter anderen Umständen hätte ich das Gerücht von der Existenz dieser Schule am Jordan mit einer gewissen Reserve aufgenommen — allein ich hörte aus dem Munde Hirschenbergs eine Reihe konkreter, und es sei hinzugefügt, höchst interessanter Tatsachen. „Die Akademie," erzählte Hirschenberg, „besteht in Jerusalem seit 2 Jahren. Ihr voller Name lautet: Die *) Aus der polnischen illustrierten Wochenschrift „Swiaf in Warschau. Kunstschule „Bezalel". Ueber Initiative des Professors Schatz, Bildhauer in Sofia und jetzt Professor an der genannten Schule, ist vor mehreren Jahren eine Gesellschaft unter dem Vorsitze des Professor War bürg in Berlin entstanden, mit der Aufgabe, in Palästina eine artistische Hausindustrie zu schaffen. Ueber das ganze Land sollte ein Netz von Kunstgewerbeschulen ausgebreitet werden. Um jedoch Lehrer für diese Schulen heranzubilden und um auch reine Kunst zu pflegen, wurde vor zwei Jahren die Akademie in Jerusalem begründet." „Und entwickelt sich die Schule gut? Hat sie Schüler?- „Sie entwickelt sich. Sie besteht aus Kursen für Zeichnen, Malen, Bildhauerei, wie an anderen Akademien . Sie verfügt auch über Werkstätten für angewandte* Kunst, speziell für orientalische Weberei. Und sie hat Schüler aus der ganzen Welt. Hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, sind es Juden. Aus Rußland, Rumänien, Türkei, Bucharah! Sie finden selbst einen aus — Krakau. Sie sehen da Geschenke auch aus Polen. Glycenstein hat seinen „Messias", ich hate meine „Ewigen Juden" gewidmet. ..." „Und welcher Zukunft geht die Akademie entgegen? Welchen Zweck haben denn die Schulen, für die sie Lehrer heranbilden soll?" „Die Akademie und der ganze Komplex der Museen — so erwarten die Gründer — soll mit der Zeit zum Brennpunkte der jüdischen Kunst und Archäologie werden. Daran sollen sich andere Kulturzentren anschließen, eine große Bibliothek, eine Universität. Die Pläne sind groß, doch ist man erst an deren Verwirklichung gesehritten. Die Akademie wird aber nicht bloß Lehrer, sie wird auch freie Künstler heranbilden ... Palästina mit seinen herrlichen Gebirgspartien bildet ein reizendes Sujet für den Landschaftsmaler. Die Schüler üben sich schon darin durch häufige Ausflüge mit ihren Lehrern. Und die Kunstgewerbeschulen sollen neben ihrer ökonomischen Bedeutung auch künstlerischen Wert besitzen. Sie werden' die reichen althebräischen Motive heranziehen, die teils als Ausgrabungen, teils als Bruchstücke vorhanden sind. Jüdische Altertümer gibt's doch genug. Sie finden selbst im Louvre eine besondere, merkwürdige' Abteilung für j ü d i s c h e Kunst. Mit der Zeit wird vielleicht ein jüdischer Stil entstehen. ..." An der Verwirklichung dieser Ideen wird auch Herr Hirschenberg arbeiten. Die Missionäre im hondoner Judenuiertel. London, Mitte Juli. Es ist Sonnabend nachmittag. Durch Whitechapel Road jagen die Omnibusse von der City her. Straßenhändler schreien, das Londoner Leben saust über das Pflaster. Vor St. Mary stehen einige junge Leute und zwei Judenfrauen, ein Mann spricht von der Kanzel der Kirchmauer zu ihnen. Wenn ein Engländer einmal dahin kommt, versteht er kein Wort; denn der Mann spricht „Yiddish". In einem Idiom, das aus Mißbildungen des Deutschen und des Hebräischen zusammengesetzt ist, im Stile rabbinischer Rednerweise, predigt er ihnen das Christentum: „Das Herz tut mir weh, daß unsere jüdischen Brüder uns nicht hören wollen; wir sagen, Gott behüte, von niemandem etwas Schlechtes; uns sind alle lieb, alle Menschen gleich. So seid ihr verpflichtet, zu hören, was wir euch sagen möchten." Damit steigt er von der Kanzel und lädt die Zuhörer in die Kirche.

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