Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425702--0286-2426558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 34 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Hieraas entwickelte sich in der Folgezeit in einzelnen Gemeinden am Rhein der Brauch, daß am Versöhnungstage und an einigen Feiertagen in der Synagoge nach der Verlesung der Torahabschnitte jeder im stillen seiner toten Eltern und Familienangehörigen gedachte und in seinem und der Verstorbenen Namen Almosen spendete, damit ihren Seelen Sühne werde. Dieser Brauch wurde zuerst von dem berühmten Mystiker R. Jehuda Chasid aus Speyer (gestorben 1216) in seinem „Buch der Frommen" Nr. 170, sodann von seinem Schüler, dem ebenso berühmten Mystiker R. Elasar aus Worms (gestorben 1238) in seine Werke „Rokeach" Nr. 217, hierauf von R. Mordechai ben Hillel (im Jahre 1310 in Nürnberg ermordet) in seinem Kommentar zum Traktat Joma mit dem Bemerken verzeichnet, daß dafür im Midrasch Sifre (verfaßt um das 4. Jahrhundert), Interpretation zum V. B. M. 21, 8, eine Rechtfertigung zu finden sei. * * * Und wie verhält sich der Schulchan-Arukh, das Religipnsgesetzbuch der heutigen Judenheit, zu diesem Brauch? Der Schulchan-Arukh entstand in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts inSafet (Palästina) und hat Rabbi Joseph Karo, dessen Vater R. Ephraim unter den aus Spanien Vertriebenen war, zum Verfasser. Die religionsgesetzlichen Vorschriften dieses Werkes, größtenteils aus den beiden älteren großen Kodices Jad-chasakah (Maimonides 12. Jahrhundert) und Tur (Jakob ben Ascher 14. Jahrhundert) geschöpft, sind für das praktische Judentum Norm bis auf den heutigen Tag. In diesem Kodex T. 1, Abschnitt 621, Abs. 5, finden wir den Brauch des Almosengebens für die Toten mit folgenden Worten verzeichnet: „Es ist üblich, (am Versöhnungstag) fromme Spenden auch wegen der Toten zu geben". (Karo verzeichnet diesen Brauch bloß für den Versöhnungstag.) Zu diesem Absatz wird von einem jüngeren Zeitgenossen Karos, R. Mosche Isseries aus Krakau, welcher die vier Teile des Schulchan-Arukh mit ergänzenden, insbesondere die Gebräuche der dentschen Juden berücksichtigenden Anmerkungen versehen hat, folgende Note beigefügt: „Und man nennt die Namen der Toten, denn auch für sie gibt es eine Sühne." In Befolgung des von Rabbi Mosche* Isseries aus Krakau verzeichneten erweiterten Brauches der speziellen Namensnennung ist folgendes Gebet verfaßt worden: „Gott wolle gedenken der Seele meines Vaters N. N. (meiner Mutter N. N.), weil ich eine Spende gelobe wegen seiner (ihrer). Als Lohn hiefür möge er (sie) im Bunde mit Abraham, Isaak und Jakob (Sara, Rebeka und Rachel) und anderen Frommen im Paradiese weilen." Dieses Gebet, das man „M a s k i rw nennt, eine Anspielung auf R. Mosche" Isseries Anmerkung, die mit »Maskir-inu (man bringt in Erinnerung) beginnt, steht in den Gebetbüchern des polnischen Ritus, deren sich die Juden in Polen, Rußland, Oesterreich, Ungarn und dem östlichen Deutschland bedienen. Alle Juden und Jüdinnen dieser Gegenden, die keine Eltern mehr haben, beten dieses kurze Gebet in der Synagoge am Versöhnungstage und auch an den letzten, beziehungsweise vorletzten Tagen der drei Hauptfeste ganz leise, jeder für sich, unmittelbar bevor die Torahrollen, aus denen man die vorgeschriebenen feiertäglichen Abschnitte gelesen hat, in die heilige Lade zurückgestellt werden. In manchen Gebetbüchern Ritus Aschkanas (Deutschland) kommt dieses Gebet mit dem Vermerk vor „in einigen Gemeinden wird gebetet." Dagegen steht es in keinem Gebetbuche Italiens und des Orients, wo es auch gänzlich unbekannt geblieben ist. Indes hat auch dieser einfache, von jedem zeremoniellen Beiwerk freie Brauch, der sich eigentlich nur im Osten Europas recht einbürgern konnte, sein Schönes und Wirkungsvolles. Pietät und Charitas, zwei Hauptforderungen der jüdischen Religion, reichen sich in dem kurzen, schlichten Maskirgebet die Hände. Das Gebet stammt aus dem von Pietät bewegten Herzen eines Kindes, das den Allvater bittet, auch seiner Eltern, die es zur Frömmigkeit erzogen, zu gedenken. Es spendet am Sühntage eine fromme Gabe auch wegen der im Grabe ruhenden Eltern, die jetzt nicht mehr, wie sie es früher gewohnt waren, wohltätige Werke verrichten können, und das fromme Kind wünscht durch sein Almosen die Seligkeit derer, die ihm das Almosengeben gelehrt haben, zu fördern. Auch an den Festtagen, wo dieses kurze Gebet in aller Stille verrichtet wird, wird es den Charakter des Festes als eines „Tages unserer Freude" nicht tangieren; sind ja die jüdischen Festtage auch dazu bestimmt, den Armen in stärkerem Maße mit Almosen zu bedenken, auf daß auch sie der Freude und des Genusses des Tages teilhaftig werden I MAX SCHACHERL: IDie arme Juden sterben. (Bas Eothschild-SpitaJ.) Unter den vielen und doch zu wenigen Spitälern Wiens genießt das Rothschild-Spital einen besonderen Ruf. Schon der Umstand, daß es das Jadenspital ist, veranlaßt viele Kranke von nah und fern, dasselbe aufzusuchen. Sie wollen in einem jüdischen Spitale, wenn sie in demselben auch nicht immer einen Spezialisten für ihr Leiden finden, Hilfe suchen; dort wollen sie, wenn es sein muß, unter Juden sterben. Und wenn auch im Vorjahre ein Gerücht in die Oeffentlichkeit drang, daß die Küche des Rothschild-Spitals nicht ganz so „koscher" ist, als manch' gläubiges Gemüt annahm, blieb es doch das einzig mögliche Spital für den — religiösen Juden. Und doch ist dies nur ein leerer Wahn. Ich muß ihn nun zerstören. Man kann im Rothschild-Spital als Jude leben. Aber man kann sicher nicht als Jude sterben. Man höre: Vor einigen Tagen starb im Rothschild-Spital nach kurzem, schweren Leiden ein strenggläubiger Mann. Nachdem er sich bereits einmal, fast im letzten Stadium seiner Krankheit, vergeblich um die Aufnahme beworben hatte, wurde dann endlich, in Anbetracht seines hoffnungslosen Zustandes, seiner Bitte stattgegeben. Er war nicht zu bewegen, ein anderes Krankenhaus aufzusuchen, wiewohl er anderweitig leichter Aufnahme gefunden hätte: er wollte nur in einem jüdischen Spital bleiben. Daß dieser Mann mein Vater war, kann meine Darstellung in keiner Weise beeinflussen. Es leitet mich keineswegs die so natürliche persönliche Empfindung, wenn es mich auch schmerzlich berühren muß, gerade an diesem Objekte ein unjüdisches Vorgehen der breiteren Oeffentlichkeit zu zeigen. Es ist ganz nebensächlich, in welchem Verhältnis das Objekt zu dem Autor dieser Zeilen steht. Bloß die Erkenntnis meiner in diesem Falle unerläßlichen publizistischen Pflicht hat mich bewogen, die Sache aus dem engen Kreise der Zunächststehenden zu tragen. Also der Mann starb vergangenen Samstag. Einige Stunden vorher wußte der Arzt, daß bald der Todeskampf beginnen würde. Trotzdem wurde niemand aus der Familie verständigt. In anderen, in christlichen Spitälern, ist dies üblich; im Rothschild-Spital nicht. Wäre ich nicht in den letzten Augenblicken hingekommen, der Arme wäre gestorben, ohne eines seiner Kinder gesehen zu haben. In diesem Judenspital wird kein Glaubensgenosse gerufen, um mit dem Sterbenden ein „Sch'ma Jisroel" zu 'beten. In jedem Spitale Wiens wird jedem sterbenden Christen sein „Vaterunser" vorgebetet; selbst im „Ali-