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Neue Nationalzeitung · 1907-08-02 · Heft 34 (2.8.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 34 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 »Neue National-Zeitung« Nr. M Im Ansiedlungsrayon Lithauen und Ruthenenland rüsten alle Parteien zam Wahlkampf, überzeugt, daß der polnisch-jüdische Block siegen müsse. Diese Hoffnungen sind jedoch etwas zu rosig, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Administration jederzeit die Kurien in nationale und konfessionelle Subkurien verteilen, und so die Wähler spalten könne, daß der polnisch-jüdische Block, die eigentliche Opposition, in der Minorität verbleiben muß. Die jüdischen Massen, die außerhalb der Parteien stehen^ ahnen dies instinktiv voraus. Sie können an den Erfolg nicht glauben; Schließlich — üui vivra, verre . . . <. Professor JAKOB OBERWEYER*): Zur Geschichte des „fflaskir". Das moderne Reformjudentum hat seit einigen Jahrzehnten auch die Toten- oder Seelenfeier in den Kreis des öffentlichen offiziellen Religionskultus gezogen und zu einer allgemeinen pompösen Synagogalfeier ausgestaltet. Die paar Jahrzehnte seit ihrer Einführung haben genügt, sie bei dem weitaus größten Teile dieser Juden derart einzubürgern, daß sie heute als das Alpha und Omega ihrer rituellen Handlungen angesehen wird; in der Tat gilt der seltene Synagogenbesuch heute ausschließlich dieser Feier. Man sehe sich gewisse Berliner Tageszeitungen unmittelbar vor dem jüdischen Versöhnungsfeste an und man wird sich leicht davon überzeugen. Etwa zwanzig Synagogen und Bethallen Berlins kündigen da im Annonzenteüe den Festgottesdienst an, und überall wird mit Ausschluß jeder andern gottesdienstlichen Handlung einzig und allein der Beginn der Seelenfeier und der sie einleitenden Predigt angekündigt. Also die Seelenfeier, der wichtigste gottesdienstliche Akt an diesem im religiösen Leben des Juden wichtigsten Tage des Jahres, die größte Attraktion für die Besucher des Grotteshauses! Aber nicht nur am Versöhnungstage, auch an den drei jüdischen Hauptfesten wird in den meisten Gegenden die Totenfeier veranstaltet, und wie am Versöhnungstage ist auch an den drei Hauptfesten, „den Tagen unserer Freude", die Totenfeier der einzige, der ausschließliche Zweck des Synagogenbesuches. Li Wien und ganz Oesterreich ist die Totenfeier am Versöhnungstage und an den drei Hauptfesten gleichfalls seit einigen Jahrzehnten eingeführt. Die allgemein in Oesterreich übliche Bezeichnung für diese Feier ist „Maskir", und an den Tagen vor den Festen fragt alle Welt die mit dem jüdischen Kalender besser vertrauten Freunde und Bekannten: „Wann ist man Maskir?" das heißt wörtlich: „Wann bringt man in Erinnerung (die Toten vor Gott)?* Und an den Tagen und an den Stunden wo man „Maskir" ist, ziehen die Scharen der jüdischen Bevölkerung Wiens, die sich sonst gar nicht um Religion, Kultus und Pietät kümmern, in die Synagogen, hier Tempel genannt, und eine Polizeiwache steht davor, um während der ein- oder zweistündigen Dauer der Totenfeier den Andrang abzuwehren und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Ist die Totenfeier, oder wie das „Maskir" von den Modernsten genannt wird, „die jüdische Allerseelenfeier" vorüber, so hat man genug getan für Religion und Pietät, und lange vor der Beendigung des offiziellen Gottesdienstes leert sich das Gotteshaus. Adieu, Gotteshaus, Adieu Religion und Pietät, zum nächsten „Maskir" gedenken wir euer wieder. *). Wir entnehmen diesen Aufsatz mit Erlaubnis des Verfassers dem soeben bei Carl Fromme in Wien erschienenen Bache „Modernes Judentum im Morgenland und Abendland". Das Buch wird gleichzeitig an anderer Stelle einer eingehenden Würdigung unterzogen. Anm. d. Bed. Man bezeichnet diesen modernen synagogalen Kult, dessen Wesen und Formen wir bald skizzieren werden, gern mit dem schönen Namen „Pietät", doch der Name täuscht keineswegs über die Wirklichkeit hinweg. Die wahre Pietät, die das Judentum seit seinen Uranfängen kennt und übt, ist etwas ganz anderes als eine pomphafte Feierlichkeit, als hohles Zeremoniell und äußerlicher Totenkultus. * * * Die Toten- oder Seelenfeier, wie sie heutzutage in den Neusynagogen einigemale im Jahre abgehalten wird, wurde zuerst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vom jüdischen Kirchenrate Mayer in Stuttgart und einigen andern Städten Württembergs, sodann von dem Berliner Prediger Holdheim und dem Magdeburger Rabbiner Philippson in einem Teile Norddeutschlands eingeführt, von wo aus sie vor etwa vierzig Jahren durch Prediger Mannheimer nach Wien und Oesterreich verpflanzt wurde. Die Totenfeier, die sich mehr verbreitete, wurde von Jahr zu Jahr pompöser und theatralischer, so daß sie heute eben als der wichtigste und wesentlichste synagogale Kult gilt Die Bibel, der Talmud, die rabbinische Literatur erwähnen nicht von einer allgemeinen synagogalen Totenfeier. Die verschiedenen jüdischen Sekten der alten Zeit: Pharisäer, Saduzäer, Essäer, Judenchristen, Karäer kannten einen Tag der Allerseelenfeier nicht. Der Verfasser dieser Schrift, den der Wandertrieb in seiner Jugend große Reisen in Asien und Afrika unternehmen ließ, kennt die bedeutendsten jüdischen Gemeinden Nordamerikas, alte ehrwürdige Gemeinden von tausendjährigem Bestand — nichts von einer Aller? seelenfeier. Erkennt die ganze europäische und asiatische Türkei: Konstantinopel, Saloniki, Smyrna,überall*,bedeutende Judengemeinden — nichts von einer synagogalen Totenfeier. Er kennt Syrien, Palästina, Babylonien und Persien mit ihren uralten, berühmten Judengemeinden und ebenso uralten Traditionen — nirgends trotz der Einführung kabbalistischer Gebräuche eine Spur von diesem mystischesten aller Gebräuche. In den Rheinlanden mit ihren uralten Judengemeinden, in dem Städtetrifolium Speyer, Worms, Mainz mit seinen altehrwürdigen Erinnerungen; in den bayrischen Landen, wo seit dem Mittelalter bis in die neueste Zeit reges jüdisches Leben geherrscht hat, war ein Tag der allgemeinen Seelenfeier nicht bekannt. Freilich, die Wurzeln dieses Um und Auf des europäischen Neujudentums reichen ins deutsche Mittelalter zurück, da die harten Verfolgungen einen Brauch zeugten, der zwar ursprünglich für die Synagoge ganz nebensächlicher Bedeutung war, aber den Keim zur heutigen Seelenfeier enthielt. Als nämlich am Ausgange des 11. Jahrhunderts die Kreuzzüge begannen und ihre blutigen Schrecken über die Juden Deutschlands verbreiteten, entstand in einzelnen bedeutenden Gemeinden, hauptsächlich am Rhein, der Brauch, sogenannte Memor» bücher (Gedächtnisbücher) anzulegen, darin die Namen und die Leidensgeschichte besonders verehrter Rabbiner und hervorragender Gemeindemitglieder (auch Frauen) verzeichnet wurden, die als Märtyrer zur „Heiligung des göttlichen Namens" gelitten und geblutet hatten. Die Namen der Märtyrer wurden alljährlich am Versöhnungstage und an den Samstagen zwischen dem Pesach- und dem Wochenfeste (April—Mai), während welcher Zeit im ersten Kreuzzuge 1096 die meisten Judenmetzeleien stattgefunden haben, in den Synagogen verlesen. Hiebei wurden in besonderen Gebeten, die sich bis auf unsere Zeit erhalten haben, die Gnade Gottes herabgefleht, „daß Er die Frömmigkeit jener heiligen Männer, deren Nachkommen, dem bedrückten Volke Israel, beistehen lassen möge."

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