Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr: 34 »Neue Natlonal-Zeltung« Seite 3 unter dem Losungswort des Zusammenschlusses der oppositionellen Parteien statt und so gelangten 12 Juden in die Duma, von deuen sich 5 Zionisten zu einem jüdischen Elub vereinigten. Trotz günstiger Umstände vermochten diese jüdischen Volksvertreter die Bedürfnisse ihrer Wähler nur schwach zum Ausdrucke zu bringen. Selbst Dr. Levin ist seiner Aufgabe nicht vollständig nachgekommen und nur „dank" den Pogroms kam Herr Jakobson in die Lage, entschiedener aufzutreten. Weit ärger standen die Verhältnisse in der zweiten Duma. Hier traten zu den allgemeinen oppositionellen Schlagworten der Wahlperiode nun auch nationale Momente. Während der kurzen Zeit des Bestandes der ersten Duma ist in den russischen Volksmassen das nationale Bewußtsein entflammt und so waren sie bemüht, nach Möglichkeit russische Sozialdemokraten oder Sozialrevolutionäre, aber nur nicht Juden zu wählen. So war es beispielsweise im Kijewer Gouvernement, wo die Opposition und darunter die Juden gesiegt hatten. Trotzdem wurde kein einziger Jude zum Deputierten gewählt und selbst der Abgeordnete der ersten Duma, der jüdische Arbeiterführer Czerwonenkis fiel gegen andere, nichtjüdische, weniger bedeutende Kandidaten durch, üeberdies entstand unter den Juden selbst ein Zwiespalt, dank dem Eingreifen des „Bundes", welcher die ersten Dumawahlen boykottiert hatte und es nun als Ehrensache angesehen hat, nicht der Opposition zu helfen, sondern die Zionisten und die Sozialzionisten zu bekämpfen oder zu schikanieren. In. einigen Bezirken, wo die Wahl des jüdischen Kandidaten fast gesichert schien, haben es die Bundisten vorgezogen, sich mit reaktionären Vertretern der kapitalistischen und agrarischen Grnppen behufs Bekämpfung des zionistischen oder sozialzionistischen Kandidaten zu vereinigen. Es fehlte dabei auch nicht an terroristischen Handlungen seitens junger Mitglieder des Bundes.' Angesichts dieser Sachlage kamen in die zweite Duma lediglich d r e i, der Oeffentlichkeit bisher unbekannte Persönlichkeiten, denen sich später der Deputierte, Sozialdemokrat Dr. Mandelberg aus Sibirien, anschloß. Ihr einziger Vorzug bestand darin, daß sie geschwiegen haben, Lediglich Dr. Mandelberg besaß diese vorzügliche Eigenschaft nicht. Er hat es als seine Hauptpflicht angesehen, die — Cheders zu bekämpfen, weil sie — o sancta Simplicitas — unter den Juden nicht die russische Kultur verbreiten. Diese Behauptung ist aber gar nicht wahr, denn "beispielsweise in Polen werden die Lehrer in den Cheders gezwungen, die ganz überflüssige russische Sprache zu lehren, Daß aber dank diesen Cheders der Perzentsatz der Analphabeten unter den russischen Juden minimal ist, das hat der sozialistischassimilatorische Redner ganz unterschlagen. Dieses Debüt hat auch selbst die in Judenfragen sehr bescheidenen Bundisten nicht befriedigt. Bis zur Auflösung der Duma wurde die Judenfrage eigentlich nicht einmal erwähnt. Die Kadetten waren zwar entschlossen, sie in Diskussion zu ziehen, aber aus diplomatischen Erwägungen haben sie dies ad calaendas graeeas . verschoben. Die sozialdemokratische Fraktion wieder hat sich noch ängstlicher benommen, als selbst die finnländische Sozialdemokratie. Trotz aller Ermahnungen und Aufforderungen der bundistischen Kreise hat sie die Judenfrage nicht einmal mit einer Silbe berührt, wiewohl t sie genug Zeit gehabt hat, kleinliche Parteiforderungen in den Vordergrund zu stellen. Allein selbst die zweite so bescheidene und nachgiebige Duma war ein Dorn in den Äugen der Regierung, die. mit allen Mitteln auf ein Ziel lossteuerte: die Wiederherstellung des Status quo unter dem Mäntelchen des Konstitutionalismus. Und man suchte so lange, bis man endlich wieder eine „Verschwörung" entdeckte. Dieselbe wurde zu ungeheueren Dimensionen angefacht, wiewohl es sich nur um eine militärrevolutionäre Propaganda gehandelt hat. Schließlich wurde auch die zweite Duma aufgelöst. Gleichzeitig beschloß man aber, gehörig zu retirieren und so wurde die geltende Wahlordnung aufgehoben. Ein neues Losungswort wurde in die Oeffentlichkeit geschleudert: Fort mit den fremden Nationen, die Duma müsse nationalrussisch sein. Deshalb wurde an den Reichsgrenzen die Zahl der Deputierten verringert; der Kaukas, das sozialistische Zentrum, verlor den größten Teil, der Turkestan verlor sie alle und auch die Zahl der Repräsentanten des Königreiches Polen wurde von 36 auf 12 reduziert. Gleichzeitig wurde den Russen, die in nicht rein russischen Ländern wohnen, resp den russischen Beamten eine separate Anzahl von Deputierten eingeräumt. Für die Russen selbst wurde die Wahlordnung ebenfalls geändert. Statt der einheitlichen städtischen Kurie wurden 2 Subkurien gebildet, mit der Bestimmung, daß einige reiche Großkapitalisten der ersten Kurie die gleiche Anzahl Wahlmänner zu wählen haben, wie tauseude von Wählern der zweiten Unterkurie. In der ländlichen Kurie wurde den Gutsbesitzern nunmehr ein größerer Einfluß eingeräumt, als den Bauern. Dabei kam es zu merkwürdigen Absurditäten, so daß beispielsweise in einem Bezirke des Gouvernements Kasan ein einziger Gutsbesitzer gemäß der Wahlordnung „unter sich" zwei Wahlmänner zu wählen hatte. Der Gutsbesitzerkurie wurde eine größere Anzahl von Wahlmännern überlassen als den anderen Kurien. Auf diese Weise sollte der Bildung des bisherigen Blocks der Juden mit den Bauern gegen die reaktionären Gutsbesitzer vorgebeugt werden, da dieser Block nicht einmal die Hälfte der Wähler enthalten wird. Für den Fall aber, daß die polnischen Gutsbesitzer in Lithauen und im Ruthenenland dennoch das Uebergewicht über die russischen Gutsbesitzer und Bauern erlangen sollten, wurde den administrativen Behörden das Recht eingeräumt, die Kurien nach Belieben in nationale oder konfessionelle Unterkurien zu teilen, und ihnen nach Gutdünken eine Stimmenanzahl zuzuweisen. Dadurch wird dem reaktionären russischen Element das unbedingte Uebergewicht und damit auch die Herrschaft in der Duma gesichert. Am ärgsten haben bei dieser neuen Wahlgeometrie die Juden abgeschnitten. In Polen kann auch weiterhin von der Eroberung eines Mandates nicht die Rede sein. Jetzt, da jedes Gouvernement und beide größere Städte (Warschau und Lodz) nur je einen Abgeordneten wählen werden, kann nicht verlangt werden, daß die polnische Majorität ihr einziges Mandat der jüdischen Minorität abtritt. Zwar beantragte das kleine Häuflein der Fortschrittler den Zusammenschluß der Gesamtbevölkerung Polens und Schaffung einer gemeinsamen Delegation, welche als Gegenleistung für die Unterstützung seitens der Juden in Lithauen und im Ruthenenland ein Mandat an einen Juden abgeben würde. Allein dieser Vorschlag ist schon deswegen eine Phantasie, weil er von den Fortschrittlern ausgeht, die in Polen kaum über 1000 Personen verfügen, unter welchen 95% assimilierter oder Assimilation heuchelnder Juden sich befinden. Die einzige starke Partei, die Nationaldemokraten, werden nie darauf eingehen, nicht nur wegen ihrer antisemitischen Grundsätze, sondern auch, weil sie genug Kraft besitzen, alle ihre Mandate durch ihre Leute zu besetzen. Andererseits aber werden diejenigen Juden, welche sowohl den Assimilanten als auch den Nationaldemokraten zu Gesicht stehen, in moralischer und nationaler Beziehung so viel wert sein, lind so vielen Einschränkungen unterliegen, daß es besser sein wird, sie gar nicht zu wählen. Am besten wäre es überhaupt, in Polen die Dumawahlen zu boykottieren.