Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 34 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue NatJonal-Zeltun?« Nr. 34 Ihr eigentlicher Zweck war, das Proletariat aufzuklären und aufzurütteln, es zum Bewußtsein seiner jämmerlichen Gegenwart und seiner hoffnungslosen Zukunft zu bringen, ihm zu zeigen, wie es Stück für Stück von seiner Lebenskraft verkaufen muß, um leben zu können. Kein jüdischer Dichter vor Rosenfeld hat den Volksmassen im Judenviertel von New-York und London, von Warschau und Lodz so aus der Seele gesprochen. Die anderen Jargondichter haben nur jüdische Schwächen verspottet, oder höchstens die alten Tage verherrlicht. Und da kam einer, der sich an die Gegenwart heranwagte, der die Reichen nicht schonte und fürchtete, der sich gegen das Schicksal und die ganze Gesellschaftsordnung auflehnte. Im Ghetto wurde es hell. Seine Einwohner erkannten, daß sie Ketten tragen und daß der Geier des Großkapitals ihr Inneres zerfleischt. Und der Mann, der das Ghetto mit den Strahlen seines Genius beleuchtete, war einer aus ihrer Mitte, ein armer, unter der Last der Arbeit zusammenbrechender Schneidergeselle, der das Schicksal seiner Klasse an sich selbst erprobte und leider allzufrüh mit seinem Leben verbüßte. Rosenfeld war der Dichter des j ü d i s c h e n Proletariats. Mit allen Fasern seines feinen, innigen Gemüts hing er an seinem jüdischen Volkstum. Aus dem Ghetto hervorgegangen* kannte er viel zu gut die Individualität seines Volkes, um an deren Beseitigung zu glauben. Und so brannten ihn auf der Seele nicht nur die Arbeitssklaverei seiner Brüder, sondern auch die Heimatlosigkeit seines Volkes. »Mit dem Wanderstab in der Hand, Ohne Heim und ohne Land, Ohn a Goell, ohne a Freund, Ohn a Morgen, ohn a Heint1) — Nit geduldet, nur gejagt, Wo genächtigt, nit getagt, Immer weh, weh, weh, Immer geh, geh, geh, Immer spann, spann, spann, Kol sman koach is voran.« 2) Solche Töne findet nur der wahre Dichter aus dem Grunde seiner Seele; das ist kein gemachter Schmerz — so* dichten kann nur jemand, der sich auch als Jude tief unglücklich fühlt . . . einsam, vaterlandslos. Und dieser Mann, an dessen Werken sich hunderttausende von geistig hungrigen Menschen labten, der berühmt war von Canada bis Südafrika und von New- York bis an den Jordan, dessen Werke in zierlichen Bänden die feinsten Salontischchen schmücken, mußte im tiefsten Elend verkümmern! Ein trauriges Zeugnis für das jüdische Bürgertum und Proletariat. Auch für das zionistische. Millionen liegen aufgespeichert in den Kassen des Nationalfonds, für allerhand Gründungen werden immense Summen gesammelt — für Morris Rosenfeld war nichts da. Der Tyrtäus des jüdischen Proletariats, der nicht um Rohm, nicht um Geld dichtete, sondern weil er von einer höheren Macht dazu berufen war. der Dichter von Gottes Gnaden, der die Aermsten der Armen für die nationalen und sozialen Ideen unseres Volkes reif machte, erhielt einen Bettelgroschen, als er schon ganz arbeitsunfähig wurde. Dichterschicksal? Nein. Nur Schicksal jedermanns, der für das "jüdische Volk arbeitet. Drohnen sitzen im Vordergrund; die Bienen tragen den Honig zusammen, um selbst zu verhungern. *) L. l) Heute. — a) Solange noch Kräfte vorhanden sind. *) Vergl. mein Feuilleton „Ein Proletarierdichter des Ghetto" in der „Neuen Zeit", Jahrgang 1898/99 B. II. APOLINARY HARTGLAS: DumaiDahlen ohne Ende. Die jüdische Bevölkerung in Rußland steht nunmehr vor einem neuen Rätsel: Wie und wen sollen sie wählen? Die Dumas werden jetzt wie Handschuhe gewechselt. Im Laufe von ungefähr anderthalb Jahren wird sich bereits zum drittenmal die gesetzgebende Körperschaft versammeln. Ob als gesetzgebende — das ist noch fraglich. Denn bisher hat noch keines der von den Dumas beschlossenen Gesetze mit Ausnahme der Geldanweisung für die von der Hungersnot betroffene Bevölkerung die kaiserliche Sanktion erlangt. Ueberhaupt sind die beiden Dumas gar nicht dazu gekommen, etwas zu beschließen. Jedesmal, als eine Duma nach Beendigung der Eröffnungsformalitäten und hitziger aber zumeist trockener Debatten daran geschritten ist, Gesetze zu beschließen, kam wie ein deux ex machina irgend eine Verschwörung oder ein Manifest zum Vorschein; die Deputierten reisten massenhaft nach Hause und dann folgten Massenarretierungen von gewesenen Mitgliedern der Duma und von Anhängern verschiedener Parteien, deren Adressen die Behörden aus der Korrespondenz derselben mit den Dumamitgliedern bekannt wurden. Die aufgelöste Duma tritt wieder zusammen — im Gefängnis. Und dann folgen neue Wahlen, aus denen eine neue Duma hervorgeht. Dann kommt wieder ein neuer „Staatsstreich", neue Auflösung, Verhaftungen und ... Wahlen. Usque ad finem. Für die Juden haben beide Dumas keine greifbaren Resultate ergeben; es sei denn — Pogromdrohungen seitens der reaktionären Parteien. Eigentlich hat niemand aus der Freiheitsbewegung ein greifbares Resultat erzielt; es sei denn die — Polizei, der die allgemeine Herrschaft des Kriegszustandes doppeltes Gehalt und verschiedene, weniger legale Einkünfte anläßlich der Enthaftung unschuldiger Personen eintragen. Die Repressalien, die von der Duma als der gesetzgebenden Gewalt beseitigt werden, erstehen wiederum in der Form administrativer Verfügungen zum neuen Leben. So war beispielsweise der Fall mit dem Gesetze betreffs der Erhöhung der Strafen wegen Anpreisung strafbarer Handlungen. Dieses Gesetz hat die Duma beseitigt, aber gleich nach ihrer Auflösung ist es wiederum als eine „Verordnung auf Grund der Vorschriften über den Ausnahmszustand" in Kraft getreten. Kein Wunder, daß bei dieser Sachlage von irgend welchen Erfolgen jüdischerseits nicht gesprochen werden kann. In dem Zeitalter, wo die alte Ordnung zertrümmert wird, muß auch die Stimme der Juden, die gegen das bisherige System protestieren, im allgemeinen Chor der Verwünschungen verhallen. Erst dann, wenn die schaffende Aera beginnen wird, können auch wir unser Wort auf die Wagschale werfen. Aber wird das je geschehen? . . . Bisher beschränkte sich die Rolle der jüdischen Dumamitglieder darauf, ihre Beschwerden den allgemeinen Klagen anzuschließen; zu einem Kampf ist es gar nicht gekommen. Es hat nicht einmal einen Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität gegeben. Denn die Tatsache des Bestandes derselben ist leider von den Behörden zu sehr anerkannt: trotz aller Bemühungen der Kadetten und ihrer jüdischen Freunde von der jüdischen Volksgruppe, die bemüht waren, die Emanzipation der Juden auf Grund der allgemeinen Formel der Gewissensfreiheit zu erreichen, und die dabei über das nationale Moment hinweg gegangen sind. Leider konnten die jüdischen Repräsentanten sowohl in der ersten als auch in der zweiten Duma nicht einmal diese bescheidene Aufgabe lösen. In der ersten Duma hatten wir wenigstens eine repräsent able Vertretung. Die Wahlen fanden überall mit Ausnahme von Polen