Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-08-02 · Heft 34 (2.8.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 34 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425702--0282-2426554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

^aHS&nSaa&Er > 'aaMgaagsasaeaMB^ it-4£i3S«WKat1»»*Jttr?i. ^js^w»»fla»''»w«-» NEUE NKißtML-ZBDUNG _-^«-^->.-^v: 11% J//'^'' äta , JÜD&CRPOUCi'SCRB WOCRSNSCRRIFC rbrausqbber: ors^.LNNö^u:: IX. JAHRGANG. WIEN, 2. AUGUST 1907. No. 34. Morris Rosenfeld. I In Not und Elend ist Morris Rosenfeld im Judenviertel von New-York gestorben. Erblindet und halbverhungert ist er, kaum 45 Jahre alt, endlich vom Tode erlöst worden. Und Hunderttausende beklagen den schweren Verlust, den sie, den das jüdische Volk, den die jüdische Literatur erlitten haben. Wie seine Seele, so war auch sein Lebensschicksal ein Spiegelbild des jüdischen Volkes, ünstätt und flüchtig, von Polen nach London, von hier nach Amsterdam, dann wieder nach Amerika, wanderte der arme Schneidergeselle und auf seinen Wegen war neben Mutter Sorge die Muse seine unzertrennliche Begleiterin. Er entdeckte in sich eine Volksmission. Dem Volke zu dienen, es aufzuklären und zu führen, sollte fürderhin seine Aufgabe sein. In der engen Kammer, die der Volksmund Schwitzkammer (sweat shop) nennt, weil dort der Arbeiter als Ausbeutungsobjekt des Meisters im Schweiße des Angesichtes sein Brot verdient, hat Rosenfeld seine Gedichte geschaffen, die zu den Perlen der Weltliteratur gehören. Die geächtete und gelästerte Sprache des Ghettos, den vielgeschmähten Jargon, hat er in rhythmische Formen gefaßt, er hat gezeigt, daß diese Worte keine bloße Mundart, sondern eine Volkssprache mit allen Feinheiten, Nuancen und Tönen sind, die die feine Hand des wahren Dichters bald zu einem mächtigen, wilden Schlachtruf, bald zum stillen Wimmern, bald zur elegischen Resignation vereinigen kann. Rosenfeld hat die Jiddisch-Dichtkunst in die europäische Literatur eingeführt, er hat ihr darin das Bürgerrecht verschafft. Seine Gedichte mußten aber zuerst in europäische Sprachen übersetzt werden, ins Deutsche, Englische, Czechische u. s. w., um auch bei der jüdischen Intelligenz Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Anerkennung habe» sie nie gefunden. Aber beim jüdischen Volke, beim Proletariat, das von seiner Hände schwerer Arbeit lebt, war Rosenfeld zu Hause. Dort „Wo die Leben welken bei Maschinen, Wo Sklavenketten klingen, Wo Tränen rinnen," .... dort war „sein Ruheplatz." Die Richtung der Rosenfeldschen Gedichte ist daher vorwiegend eine soziale. Sie erzählen nicht von Lenz, Liebe und Sonnenschein; sie sind Weck- und Schlachtrufe zum Klassenkampfe. Ich kenne aus jüngster Zeit in keiner Sprache — mit Ausnahme des bekannten Gedichtes in den „Webern" — Verse von so gewaltiger revolutionärer Kraft. Sie reizen nicht auf zu wilden Taten, sie atmen scheinbar stille Resignation; Entsagung und Pessimismus ist ihr Leitmotiv: »Nit von Frühling süßem Wetter, Nit von Engel, nit von Götter Singt der ehrliche Poet: Nit von Felder, nit von Teichen, Was gehören jetzt zum Reichen, Nur von Kwoorim,1) wos er sieht. Elend seht er, Not un' Schmerzen, Wunden trägt er tief im Herzen, Nit gelindert, nit gestillt — Auf dem großen Welt-Bessalmen2) Krächzt er trauerige Psalmen, Stimmt er an sein Herz un' spielt.« *) Nur von Gräbern. — *) Weltfriedhof.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.