Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 33 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 >Neue National-Zeitung« Seite 11 ^!mp& E£UiLL£üON Sdiulschlufj. Ort der Handlung: Veranda einer eleganten Villa in der Nähe Wiens. Zeit: Sabbath, 13. Juli, nach dem Mittagessen. Personen der Handlung: Der Vater, die Mutter, der Sohn (Septimaner), der Hauslehrer (stud. jur.), die Großmutter, ein Rechtsanwalt (Freund des Hauses). Der Rechtsanwalt (sehr behäbig, raucht eine ziemlich dicke Zigarre, selbstbewußt, fast zynisch, Kneifer auf der gekrümmten Nase und spöttisches Lächeln auf dem etwas feisten Gesichte): Also, man ist mit dem Zeugnisse des Herrn Sohnes nicht sehr zufrieden. Wo haperts, wenn man fragen darf? Machen ihm die griechischen Philosophen große Beschwerden, oder hat er keine Neigung für Ciceros oratorische Leistungen? Will er sich für den Sinussatz nicht begeistern oder geht ihm die Elektrizitätslehre nicht in den Kopf? Viel Wissenschaft hat unsere Jugend zu konsumieren, das ist nicht zu leugnen. Ich bin ein eifriger Leser der „Neuen Freien Presse" und schwärme für die Freiheiten unserer Jugend. Der Ernst hat Recht, man soll nicht aus jedem Jungen einen Gelehrten machen wollen, ihn vielmehr sich ausleben lassen. Zu meiner Zeit war's gemütlicher auf dem Gymnasium und eine lustige Tarockpartie in der Zwischenstunde, manchmal auch in der Unterrichtsstunde, besonders in der, in welcher wir in die Geheimnisse der Religion eingeweiht wurden, war nichts ungewöhnliches. (Er lacht, daß sich sein Embonpoint schüttelt.) Der Septimaner (aufgeschossener Junge, läßt den Rauch einer „Memphis" bedächtig durch die Nase ziehen; etwas blaß, näselnder Ton): Das ist jetzt freilich anders geworden. Wir werden mit hebräischen Vokabeln schrecklich geplagt, in den Gottesdienst sollen wir auch gehen, sonst wird die Absenz notiert und wir bekommen schlechte Sittennoten. Was habe ich mich mit der hebräischen Grammatik geplagt? Und der Schluß: genügend aufs Zeugnis. Das ist eine Gemeinheit. DieMutter (sehr elegante Dame, sezessionistischer Schlafrock, etwas geschminkt): Die armen Kinder. (Zum Rechtsanwalt gewendet): Was wissen Sie, Doktor, von den Qualen eines solchen Schuljahres, Sie unverbesserlicher Junggeselle. Dieses Zittern nach jeder Konferenz, so nennt man es, wenn der unselige Bericht kommt, der vermeldet: des lieben Sohnes Leistungen seien wieder nicht ganz genügende gewesen. Das ganze Haus wird in Unruhe versetzt. Dann wundert man sich über die Nervosität der Jugend. Glaubst du nicht (zum Gatten gewendet), daß es gut wäre, mit Hugo in ein Seebad zu fahren, um seine angegriffenen Nerven zu reparieren? Es ist ein Jammer wie die Kinder jetzt kujoniert werden. Der Septimaner nickt und steckt sich eine frische Zigarette an. Der Rechtsanwalt lacht. Die Großmutter (sehr stattliche Dame, mit energischen Zügen, Ende der Fünfzig): Meinst du nicht, liebes Kind, daß die Nervosität der heutigen Jugend auch ein wenig damit zusammenhängt, weil sie zuviel Zigarretten raucht, Operetten besucht, die Kaffeehäuser füllt, kurz, zu viel vom Studium abgelenkt wird? Ich habe vier Söhne, deine Brüder, erzogen, und keiner war nervös, sie sind es auch heute nicht und jeder ist etwas geworden. Das Uebel liegt anderswo. Es dreht sich alles um die lieben Kinder oder Kinderchen, wie man so gerne sagt, man entzieht ihnen kein Vergnügen, erzieht sie nicht zur Arbeit, und spricht nur von ihren Freuden und Freiheiten. Meine Söhne hätten sich geschämt, in der Religion mit „genügend" zensiert zu werden. Heute schimpft man über die Religionslehrer, weil sie wünschen, die Herren Buben mögen auch von unserer Religion etwas wissen. Wo sollen sie etwas von dieser lernen, wenn nicht in der Religionsstunde? Freilich ist ein großer Widerspruch zwischen den Lehren des Hauses und der Schule. In meinem Hause wurde noch der Sabbath gefeiert, die Kinder wurden zur Beobachtung der Religionslehre angehalten, aber jetzt — was für eine Zeit ist gekommen . . .! Peinliche Stille. — Der Rechtsanwalt lächelt nicht einmal. Der Vater (Anfang der Vierziger Jahre, Anflug von Glatze, sehr gewöhnliches Gesicht, das nicht auf allzu große Energie schließen läßt, Typus der Gleichgiltigkeit): Was soll das ganze Gerede, man kann auch mit „genügend" ein guter Geschäftsmann werden. Hugo soll das Gymnasium absolvieren und dann nehme ich ihn auf mein Bureau. Mich regt sein Studium nicht sehr auf, das Unterschreiben der Konferenzzettel überlasse ich gerne meiner lieben Frau. Wozu die Jungen soviel studieren müssen, frage ich mich übrigens auch. Mit der Religion plagt man sie auch viel. Liebe Mutter, es sind heute andere Zeiten gekommen. Besonders an die Religion wollen wir nicht viel erinnert werden. Ins alte Ghetto mögen wir ebenfalls nicht, und was soll's mit dem Hebräischen? Ich zahle meine Kultussteuer, gehe am Versöhnungstage auch in die Synagoge und schließe mich nicht aus, wenn man für rumänische und russische Juden sammelt, obwohl ich nicht weiß, was die mich weiter angehen. Mein Geschäft steht weder mit Rumänien, noch mit Rußland in Verbindung. Was aber die Seebadfrage anbelangt (zur Gattin gewendet), werden wir die Sache überlegen; ich denke an Blankenberghe. Oder ist dir, liebes Kind, Sylt angenehmer? (Er bläst aus seiner Zigarre dichte Wolken.) Der Rechtsanwalt (mit Beziehung): In Sylt stürmt es zuviel. Der Hauslehrer (stud. jur., etwas gedrückt, helle Augen, sehr bleiches Gesicht, dichter Haarschopf, mit ein wenig fadenscheiniger Eleganz gekleidet): Der Ansicht des sehr geehrten Vaters meines Zöglings, es werde heute zuviel von den jungen Leuten verlangt, erlaube ich mir, nicht ganz zuzustimmen. Freilich wird der Gedächtnisstoff immer größer, das Wissen zu wenig vertieft. Aber lernen kann man nie genug. Besonders wir Juden müssen mehr lernen, als die anderen, denn von uns verlangt man ausnehmende Tüchtigkeit. Man ist eben nicht aSein Jude, wenn man am Versöhnungstage in die Synagoge geht, Kultussteuer zahlt und seine Gabe für die unglücklichen Volksgenossen hinwirft. Was nun insbesondere den Religionsunterricht an unseren Schulen anbelangt, so bin ich der Meinung, daß das Einlernen von hebräischen Vokabeln und Regeln der Grammatik durchaus nicht sein einziger Zweck sein soll. Die Religionslehrer mögen die jungen Leute zu selbstbewußten Juden heranbilden, die Größe unserer Geschichte ihnen vorführen, kurz sie zu . . . Der Rechtsanwalt (mit spöttischem Lachen einfallend) ... zu Zionisten machen . . . Alle lachen. Der Septimaner besonders unbändig. Die Großmutter (ernst und entschieden): Zu meiner Zeit gab es gute Juden, ohne daß sie Zionisten waren. Der Hauslehrer (höflich): Daran habe ich nicht gezweifelt. Aber, gnädige Frau haben selbst von