Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 33 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 7 dem heutigen Tage weder die Eheleute Feil noch deren Vertreter darüber verständigt, was sie in dieser Angelegenheit verfügt hat oder zu verfügen gedenkt. Hingegen hat Dr. Dekanski dem Dr. Grünberg mitgeteilt, daß er auf Anraten des Polizeikommissärs das Mädchen unter keiner Bedingung ausfolgen werde und daß bereits gerichtliche Schritte unternommen wurden, um das Mädchen behördlich der elterlichen Gewalt zu entziehen und einen katholischen Vormund für dasselbe zu bestellen. Mit Rücksicht auf den hier geschilderten Fall, in dem die Eltern ihres entführten und getauften minderjährigen Kindes bei der berufenen Behörde keinen Rechtsschutz finden und der daher das Vertrauen auf die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit der Behörden vollends untergraben muß, fragen die Unterzeichneten Seine Exzellenz den Justizminister: Ist der Justizminister bereit, die sofortige Auslieferung der Chana Hinda Feil an deren Eltern zu verfügen und die k. k. Staatsanwaltschaft in Lemberg zu beauftragen, die strafgerichtliche Untersuchung gegen die schuldtragenden Personen und deren noch unbekannte Helfer einzuleiten?« * * * War Dr. Gold ein Kadimahner? Wir haben in unserer vorigen Nummer erzählt, daß der Bundesgenosse Luegers und jüdische Allpole Dr. Gold, der die Judenfreundlichkeit Weiskirchners entdeckt hat, einst der „Kadimah" als Mitglied angehört hat. Wir werden nun von der Ferialleitung dieses Vereines aufmerksam gemacht, daß diese unsere Information unrichtig sei. Die Herren bedanken sich wohl für die Ehre. Trotzdem müssen wir unsere ursprüngliche Mitteilung aufrecht halten. Dr. Gold war Kadimahner. Leider. Und heute schwärmt er für das Programm der „echten polnischen Männer". Wunderbar sind die Entwicklungen politischer — Charaktere. * * * Die „Jednoäc" — abgeblitzt. Dieser Tage erschien der Redakteur des Lemberger Kahalblattes „Jednosc-1 beim Abgeordneten Stapinski, um sich bei diesem Abgeordneten für seine assimilatorisch-~ lakaienhafte Tendenz einige Lorbeei^blätter zu holen. Die korrupte Kahalclique weiß, daß es nicht genügt, wenn Dr. Löwenstein die Nationaljuden als rgefährlich" denunziert, oder daß ein Ritter von Kozlowski der mit Ach und Krach ein Mandat erlangt hat, die Juden vor dem Zionismus „warnt". Die Stimme Stapinskis, des Führers der 16 Mann starken Bauernpartei, fällt wohl schwerer in die Wagschale. Das wäre ein Schlag gegen die Nationaljuden. Diesen Schlag holte sich der Redakteur der „Jednosc" auf die eigene Wange. Stapinski hat es abgelehnt, den Nationaljuden in den Rücken zu fallen, wie ihm ein Auchjude zugemutet hat. Der muß aber ausgeschaut haben, als ihm Stapinski erklärte: „Ich halte die Assimilation nicht mehr für möglich. Die Hausjuden sind bedinguugslose Lakaien des Polenklubs; die nationaljüdischen Abgeordneten bilden eine ehrliche Opposition. Ergo sympathisiere ich unter den gegebenen Verhältnissen mit den nationalen Juden"... _ OSE - wmm, sprotä Dieser Teil unseres Blattes sieht unseren Lesern zur Verfügung Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Raum gern zur Verfügung. Die Redaktion. Jüdische Versicherungsgesellschaften. (Eine Anregung.); ~ ' Unter den breiten und bunten Schichten unseres Volkes wohnend und lebend, kenne ich deren Tun und Lassen, Schmerzen und Mängel. Ich erlaube mir daher ganz unbeirrt zu behaupten, daß der Mangel jüdischer Versicherungsinstitute eine der Hauptursachen des so rapid um sich greifenden Niederganges des jüdischen Mittelstandes ist. Ich behaupte noch mehr: diese Institute, auf nationaler Basis gegründet, könnten in sehr kurzer Frist der nationalen Idee eine der kräftigsten Stützen, eine Agitationskraft von unschätzbarer Macht und Tragweite werden. Die Spitzen unserer Bewegung haben gewiß den festen Willen ihrem Volke zu helfen, sie möchten auch ihr Bestes und Möglichstes tun; allein, ihr Ideenschwung ist dem Gros des Volkes zu erhaben, zu weit. — Die Bedürfnisse des Volkes, die so heikle alltägliche Taschen- und Brotpolitik, ist leider den meisten zu fern und unbekannt. Jahre fliehen, aber die Not bleibt und wächst. Nun zu meinem Thema. Ich möchte noch vorausschicken, daß ich als ein im Assekuranzfache einigermaßen Versierter, meine Angaben meistens auf eine statistische tatsächliche Basis stütze. Bei den meisten galizischen Kleinstadtjuden bildet sein Haus sein Alles. Es ist fast seine einzige, Lebensunterhaltsquelle und im Bedarf auch sein Kreditgeber. Nun wird aber seit einer Reihe von Jahren kein Jude mehr bei der polnischen Assekuranzgesellschaft*) versichert. Die Gesellschaft ist ganz judenrein, von einem jüdischen Beamten oder Agenten keine Spur, trotzdem sie von Juden Millionen zusammengerafft hat. Was soll nun der Jude anfangen? Jedes lautere Geräusch, jeder ungewöhnliche Laut jagt den Unversicherten Angst und Schrecken ein — der kleinste Funke und der Jude ist verbrannt, total vernichtet, er wird zum ewigen Bettler. Die Landesbanken finden wieder ihren Vorwand, einem Juden jede Anleihe zu verweigern, da er sich mit keiner polnischen Versicherungspolizze legitimieren kann. Er ist dann im Bedarfsfalle gezwungen, 16—30"/o jährlich zu zahlen und schließlich auch beim besten Geschäftsgange zu bankerottieren. Die Entwicklung unserer Idee unter dem Volke und eine stramme Organisation sind davon abhängig, daß dem Volke etwas Greifbares geboten wird. Es wurde schon genug gesprochen. Auf zur Tat! Mit bloßen Programmen, Statuten, Debatten und Resolutionen ist noch keinem Volke geholfen worden, geschweige denn unserem. E'mor meat, weassei harbeh, sagten unsere Weisen. _ L. Schargel (Brody). Aus »Schiffschuk-Kreisen wird uns geschrieben: In No. 31 dieser geschätzten Blätter fragt der Berichterstatter über die Kultusvorstandssitzung bezüglich der Koscher- Selchwarenfrage, indem er bezweifelt, ob die »Koscher«-Selchwaren auch koscher sind: Wo sind die koscheren Kultusvorsteher aus der »S c h i f f s c h u 1«? Gestatten Sie hiezu eine Bemerkung: Koscher und Kultusvorsteher sind bezüglich der großen Majorität dieser sonst hochachtbaren Herren ein nahezu unlöslicherWiderspruch. Kultusvorsteher und Schiffschul sind Begriffe, die sich ausschließen, da die Schiffschulkreise weder kandidieren noch eine etwaige Wahl annehmen. Die Selchereifrage hat die Schiffschul für ihre Gesinnungsgenossen seit Dezennien in der Weise gelöst, daß sie eine unter ihrer Aufsicht stehende, absolut verläßliche Selcherei errichtet hat, lange bevor die offiziellen Kreise sich überhaupt für Koscher- Fleisch interessierten. Ebenso verhält es sich mit der Fleischfrage und mit dem Religionsunterricht. Oesterreich-Ungarn. Die Hilfsaktion für Rumänien. TVien, den 21. Juli. (Orig.-Bericht) Von einer in den Gang der rumänischen Hilfsaktion sehr gut eingeweihten Persönlichkeit erhalten wir nachstehende Informationen: In Burdujeni und Buccecca wurden dieser Tage von der Czernowitzer Filiale der „Israelit. Allianz" 88.000 Frcs. an Unterstützungen verteilt. xs'ach Jassy sind aus den Mitteln der vereinigten Organisationen bereits 200.000 Frcs. abgegangen. Damit ist die Hilfsaktion noch lange nicht beendet. Auf Grund sorgfältiger Schätzungen sind die den rumänischen Juden anläßlich der Exzesse zugefügten Schäden mit 500-000 Frcs. beziffert worden. Diesen Betrag sollten nur die verschiedenen Organisationen aufbringen, und zwar: *) Gemeint ist hier die »Wechselseitige Versicherungsgesellschaft« in Krakau. (Anm. d. Red.)