Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 33 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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B^^--q»'«^43aM^^^sy,»re^ Nr. 33 "Veue National-Zeitung« Seite 5 die Uebergabe der jüdischen Volksbildung in die Hände freier Schul vereine, die von bestimmten jüdischen gesellschaftliehen Gruppen zu gründen und vom Staate zu unterstützen sind." Auch die Stellungnahme des jüdischen Proletariats zur allgemeinen jüdischnationalen Bewegung klingt ganz anders: „Je mehr die Zerstreuung des jüdischen Lebens in die Form ihrer Antithese — zur Konzentrierung übergeht, je mehr die konzentrierenden Tendenzen der Emigration zum Vorschein kommen, desto dichter wird die Atmosphäre der nationalen Gefühle und Stimmungen; immer tiefer und inhaltsreicher wird das nationale Selbstbewußtsein. Auch das jüdische Proletariat, das mit seinem revolutionären Kampf das Judentum aufgerüttelt hat, tritt allmählich als Wahrer immer größerer Volksschichten auf und wird zum Zentrum der Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes."*) Diese nationale Evolution der „S S." können wir als eine sehr erfreuliche Erscheinung begrüßen. Die einzige zionistisch-proletarische Partei ist die „Jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei Poale- Zion". Die theoretischen Grundlagen ihres Programms sind dieselben, wie die der „S. S.". Auch sie ist marxistisch, steht also auf dem Klassenstandpunkt. Aber als jüdische proletarische Partei fordert sie für das jüdische Volk eine territorialeAutonomie auf d emokratischer Grundlage. Sie unterscheidet sich von den früher erwähnten Parteien durch die praktische Durchführung ihres Programmes. Sie betrachtet als einzig mögliches und passendes Territorium für die Entwicklung der produktiven Kräfte des jüdischen Proletariats und des jüdischen Volkes überhaupt einzig und allein Palästina. Die nationalen Forderungen der russischen „Poale- Zion" in den Golusländern sind folgende: Die Hauptforderung ist eine national-politische Autonomie mit ökonomischer, kultureller und finanzieller Kompetenz in allen inneren nationalen Angelegenheiten für diejenigen Nationalitäten, deren Interessen nicht genügend durch eine territoriale Autonomie vertreten werden können. Als Uebergangsformen fordert sie die Freiheit der nationalen Erziehung, die national-kulturelle Autonomie, Gleichberechtigung der Sprachen, einschließlich Proportional-Vertretung in den gesetzgebenden, sowie in den administrativen und gerichtlichen Körperschaften.*) Zur zionistischen Organisation verhält sich diese Partei folgendermaßen: Sin nimmt Anteil an dem Kongreß durch eigene Delegierte und geht Hand in Hand mit den bürgerlichen Zionisten bei der realen Arbeit in Palästina, insofern sich dabei nicht ein Widerspruch zur proletarischen Taktik ergibt. Die Partei fordert vom Kongreß eine genaue geographische, klimatische und sozialökonomische Untersuchung des Landes, Gründung von Informationsbureaus u. s. w., Demokratisierung der inneren Verwaltung in den Kolonien und die Beteiligung der Arbeiter an den kolonialen Selbstverwaltungsinstitutionen Dies ist ungefähr das Programm der russischen „Poale-Zion." Nach dem VI. Kongreß entstand eine sozialistische jüdisch-nationale Partei unter dem Namen „Wosroschdenzy" (,,Renaissanzeuler). Sie gingen aber bald in der zionistischen Partei auf. Im Jahre 1906 erschienen sie wieder auf der Oberfläche des jüdischen Lebens: unter anderem Namen. Jetzt nennen sich ihre Anhänger „Sejmowzy". Ihre Charakteristik kann mit ein paar Strichen gegeben werden: Sie sind Sozialisten-Revisionisten. Ihr Hauptziel ist eine nationale Organisation des jüdischen Volkes; dieselbe findet ihren Ausdruck in einem „Sejm" (Reichstag), der als offizieller Vertreter des jüdischen *) „Der neue Weg", Partei-Organ äer „S. S." „Programmentwulf der russischen Poale-Zion". Volkes fungieren soll. Dieser Sejm soll eine politische Institution und der Repräsentant einer möglichst vollen Autonomie sein. Den wichtigsten Platz nimmt im Programm dieser Partei die Emigrationstrage ein. Das territorial istische Moment wird von der Partei fast gar nicht berührt, weil es nach ihrer Ansicht eine Frage der fernen Zukunft sei. Die Autonomiefrage baut sie auf der Theorie von Dr. Rudolf Springer auf. Das jüdische Proletariat in Rußland ist allerdings zerklüftet und zersplittert, aber seine gegenseitigen Kämpfe sind auch ein Beweis seiner Lebenskraft. ReditsaniDfllt IDinawer über die nächsten Dumawahlen. Wien, den 23. Juli. Der Führer der russischen Kadettenpartei, Rechtsanwalt Winawer, ist heute auf der Durchreise im Parlamentsgebäude erschienen, wo er Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seitens der jüdischen Abgeordneten und der Wiener Berichterstatter war. Herr W in aw e r begibt sich demnächst nach Rußland, wo gegen ihn, gleich anderen Mitgliedern der ersten Duma, als Unterfertigrer des Wiborger Manifestes, die Strafverhand hing stattfinden wird. Herr Wi na wer hatte die Freundlichkeit, sich gegenüber einem unserer Redakteure über das Parteileben der russischen Juden, sowie über die bevorstehenden Dumawahlen nachstehend zu äußern: „Es gibt in Rußland — im Gegensatz zu Polen — keine Assimilanten. Wir sind alle Natioualjuden. Die bürgerlichen jüdischen Parteien unterscheiden sich allerdings in Nationaljuden und in Zionisten. Aber auch diese Trennung hat sich erst nach der Auflösung der ersten Duma vollzogen. Bis dahin haben wir alle zusammen im „Verband zur Erreichung der Gleichberechtigung" — die „Dergreieher genannt — gearbeitet. Anläßlich der Wahlen für die zweite Duma hat der Verband seine Bedeutung verloren. Wir gründeten die „Jüdische Volksgruppe*', während sich die Zionisten auf ihre Organisationen zurückzogen. Wenn nun die Juden bei den zweiten Dumawahieu große Verluste an Mandaten erlitten haben, so ist es nicht auf die Trennuug der jüdischen Parteien zurückzutühren, sondern auf die Blockpolitik der anderen Nationalitäten, die sich alle gegen die Juden vereinigten. Bei den nächsten Duma wählen werden unsere Chancen jedenfalls nicht sch imm stehen. Wir hotten sogar auf eine Besserung. Speziell die Polen in Litthauen und Südrußland nähern sich den jüdiscuea Wählern, und tragen ihnen Bündnisse an. Die jüdischen Wähler sind jetzt ein gesuchter politischer Faktor. Es wird allerdings auch viel von der Haltung der Regierungsorgane abhängen, welche durch die nationale Abgrenzung innerhalb der einzelnen Bezirke das russische Element in ungerechter Weise bevorzugen können." Winawer ist ein Vierziger und wurde recht spät zur selbständigen Ausübung der Advokatur zugelassen. Als Kuriosuni erzählte er folgendes: „Der Verein für juristische Wissenschaft in St. Petersburg, eine gelehrte Gesellschaft, wählte mich zum Präsidenten. Ich war noch Advokatursgehilfe; meine Stellvertreter waren Senatoren und Professoren." .. Was ist ein Beamten-Ministerium? »Ein Ministerium mit Schkozim.« Ausspruch des Grafen Kazimir Badeni anläßlich der Berufung des Ministeriums Graf Kielmannsegg im Jahre 1895. «