Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 33 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 »Neue National-Zeitung« Nr. 33 einer sehr nebelhaften Form heran. Aber die Evolution der nationalen Forderungen ging mit Riesenschritten bei ihm vorwärts. Im Jahre 1904 tritt er mit einem ganz klaren und deutlichen nationalen Programm hervor. Dort heißt es: Die Juden bilden eine Nation, haben also das Recht auf nationale Selbstbestimmung. Die Lösung der Judenfrage müsse in Rußland geschehen und zwar durch eine national-kulturelle Autonomie. Die Assiinilanten werden bekämpft, da sie gewaltsam die Juden assimilieren wollen. Gegen eine natürliche, normale Assimilation, wenn eine solche möglich wäre, hat der „Bund" nichts einzuwenden. Schwer hat der „Bund" für seine „Nationalisierung" gebüßt. Er wurde von seinem allmächtigen Herrn und Gebieter, von der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, für das frevelhafte Verbrechen — seine national chauvinistischen Tendenzen — verurteilt und bestraft! Als er auf der sozialistischen russischen Konferenz förderative Forderungen stellte, wurden ihm dieselben nicht nur nicht gewährt, sondern man entriß ihm die Rechte, die er bis jetzt besaß. Mit anderen Worten, es wurde ihm der Stuhl vor die Tür gesetzt. Selbstverständlich blieb ihm nichts anderes übrig, als aus der Partei auszutreten. Nun stand der „Bund" als selbstständige Partei mit seinem rnational-kulturellen" Programm da, betrachtete sich als den ,.einzigen Vertreter des jüdischen Volkes" (allerdings in Rußland, denn der „Bund" kümmert sich nur um das russische Judentum!}, und setzte sich zur Hauptaufgabe, den — Zionismus auf das entschiedenste zu bekämpfen. Während der Revolution machte der „Bund" eine weitere Entwicklung durch. Er ließ sich wieder in die russische sozialdemokratische Arbeiterpartei aufnehmen und akzeptierte sogar die Bedingung, daß er bis zur nächsten Konferenz die Frage der nationalen Forderungen offen lassen, d. h., daß er bis auf weiteres auf dieselben verzichten wolle In eine Kritik des „Bundes" uns einlassen, würde uns zu weit führen und uns von unserem Hauptzweck, der Charakterisierung der jüdischen Proletarierparteien in Rußland, ablenken. Wir hielten uns nur deswegen so lange beim «Bund" auf. weil er die erste jüdische sozialistische Partei in Rußland war. Nun wollen wir zur Schilderung der ältesten unter den jüdischnationalen Arbeiterparteien in Rußland übergehen, zu den sogenannten „Minsker Poale-Zion", oder wie sie sich jetzt nennt: -Die jüdische territorialistische Arbeiterpartei". Aus dem Namen „Minsker" ist ersichtlich, daß sie in Minsk entstanden ist. Sie entwickelte sich aus dem im Jahre 1901 gebildeten linken Flügel der zionistischen Partei, der bekannten „demokratischen Fraktion". Sie unterscheidet sich von den anderen jüdisch-proletarischen Parteien dadurch, daß sie nicht marxistisch ist. Ihr Prinzip ist der jüdischnationale Standpunkt. Als Arbeiterpartei ist sie sozialistisch, sie führt den Klassenkampf, gleich allen anderen Arbeiterparteien, sie betrachtet sich aber auch als ein Bestandteil des jüdischen Volkes und in der Lösung der Judenfrage sieht sie die Möglichkeit, auch das jüdische Proletariat in normale Verhältnisse zu setzen. Ihr Programm ist gemäßigt, streng konsequent und logisch. Sie geht ihren eigenen, einmal angedeuteten Weg und läßt sich durch nichts einschüchtern. In ihrem ganzen Streben und Handeln läßt sie sich einzig und allein von dem Nutzen und Wohl des jüdischen Volkes in der Gegenwart und Zukunft leiten. So nahm -iez.B. während der ersten Zeit ihres Bestandes keinen Anteil an der Revolution, vom Standpunkte ausgehend, daß ein günstiger Ausgang derselben eine Frage der fernen Zukunft sei und daß die Zukui fsideale des Judentums nicht in den Golusländern liegen. Als sich aber erwies, daß die Aenderung des politischen Systems in Rußland vor der Tür stehe, gewann sie die Ueberzeugung, daß es Pflicht jeder proletarischen Partei sei, die Zeit dieses Umschwunges zu beschleunigen und daß auch das jüdische Proletariat seine Kräfte zur Befreiung Rußlands hingeben müsse. Sie sieht in der letzten eine Linderung der Lage des russischen Judentums, sie hält es also für notwendig, sich der revolutionären Bewegung anzuschließen, ohne sich aber in den Vordergrund zu stellen, wie es andere jüdische Parteien, z. B. der „Bund" taten. Für sie ist der Sozialismus die Folgerung des Nationalismus; die nationale Freiheit und Selbständigkeit sind aber für sie die notwendige Voraussetzung für eine gesunde und normale Entwicklung aller Klassen. Andere Bestrebungen verfolgt die viel später entstandene zionistisch-sozialistische Partei, kurz „S. S." genannt. Die Bezeichnung „zionistisch" entspricht nicht dem Inhalt dieses Begriffes. Die Partei ist territorialistisch gesinnt. Sie bildete sich aber zu einer Zeit, als Palästina und Territorium identische Begriffe waren. Wie bekannt, trat erst nach dem sechsten Kongresse die Differenzierung ein. Die Partei behält aber trotzdem ihren traditionellen Namen. Die „S. S." ist die zahlreichste unter den jüdisch-proletarischen Parteien. Wir können sie schon deshalb willkommen heißen, weil ihre Entstehung als Beweis dienen kann, daß der zionistische Gedanke immer weitere Kreise umfaßt hat und, weil sie zu uns „gekommen sind". Trotzdem können wir mit ihrem Programm nicht im geringsten einverstanden sein. Die „S. S." sind streng ortodoxe Marxisten, stehen ausschließlich auf dem Klassenstandpunkt, von dem sie auch ihren Territoriali^mus ableiten. Wir würden vergeblich in ihrem Programm irgend welche ideale Momente auf national-kulturellem oder historischem Gebiete suchen. Die „S. S." streben nach einem Territorium nur aus dem Grunde, weil sie zur Ueberzeugung gelangt sind, daß sich die jüdischen Arbeitermassen im Golus nicht normal proletarisieren können, und zwar, weil sie an der Entwicklung des Kapitalismus keinen Anteil nehmen können. Die einheimische christliche Arbeiterklasse schloß sich früher der Großindustrie an; der Weg zu derselben wurde aus antisemitischen Gründen dem jüdischen Arbeiter abgesperrt. Da die jüdischen Massen in den industriell entwickelten Ländern keine Verwendung ihrer Arbeitskraft finden, müssen sie emigrieren. Aber eine planlose, unzweckmäßige Emigration, wie sie bis vorherrschte, kann nicht als Lösung der Judenfrage angesehen werden. Der Ausweg ist: Konzentrierung der Emigration auf einem autonomen Territorium, das als Basis für die normale Proletarisierung der jüdischen Arbeitermassen dienen würde. Zur Realisierung des Territorialismus trugen die „S. S." sehr wenig bei, da sie von sozialdemokratischen Prinzipien ausgehend, mit den bürgerlichen Parteien nicht Hand in Hand gehen wollten und deshalb überließen sie es ihnen, für die Schaffung eines Territoriums zu sorgen. Erst in der letzten Zeit faßten sie den Beschluß, sich der „Ito" anzuschließen. Bei den „S. S." müssen wir dieselbe Erscheinung wie bei dem „Bund", konstatieren, und zwar die Abschwächung der theoretischen Dogmen und das Erstarken des nationalen Gedankens. Die Wirklichkeit besitzt eine magische Kraft; sie dringt durch die dicksten Mauern theoretischer Klügeleien. Im Programm der „S. S." selbst finden wir gar keine Andeutung der nationalen Momente bei der Lösung der Judenfrage. Die Forderungen, die sie als revolutionäre Partei stellen, unterscheiden sich durch nichts von den Forderungen nicht judischer Parteien. Der jüdische Standpunkt kommt aber ein Jahr später auf ihrer ersten Konferenz zum Durchbruche. Port heißt es: „Wir fordern