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Neue Nationalzeitung · 1907-07-26 · Heft 33 (26.7.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 33 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 »Neue Natlonal-Zeltungr« Seite 3 ABGEORDNETER Dr. B. STRAUCHER: Der Appell des Ministerpräsidenten an den jüdischen Klub. Wir verdanken dem Herrn Obmann des jüdischen Klubs nachstehende Mitteilung: „Am letzten Montag, nach Bewilligung des Budget- Provisoriums durch das Parlament, ließ mich der Ministerpräsident Baron Beck zu sich bitten. Ich leistete dieser Einladung Folge. Der Ministerpräsident richtete an mich folgende Worte: „Ich möchte mit Ihrer Gruppe, wenn Sie auch numerisch nicht stark ist, in Beziehung treten. Ich möchte Ihre Intentionen kennen lernen, sowie über Ihr Verhalten zur Regierung orientiert sein." Diesem Wunsche entsprechend, habe ich dem Ministerpräsidenten erklärt, daß wir die Einhaltung der in seiner jüngsten Parlamentserklärung niedergelegten Grundsätze erwarten. Ich habe die Grundprinzipien des jüdischnationalen Programms auseinandergesetzt und betont, daß wir die strenge Beobachtung und Handhabung der Staatsgrundgesetze erwarten, daß wir insbesondere das bisherige System der Präterierungen endlich beseitigt haben möchten. Baron Beck: „Was fordern Sie also?" Wir fordern — erwiderte ich — die politische Gleichberechtigung als Staatsbürger und die nationale als Volk. AVir sind gute Oesterreicher und freiheitliche Demokraten. Baron Beck: „Sie werden die Ueberzeugung gewonnen haben, daß ich Ihnen gegenüber die vollste Gesetzlichkeit gewahrt habe und Sie können sicher sein, daß ich auch in Hinkunft genau nach meiner Erklärung handeln werde. Ich bitte, mit mir im Kontakt zu blei ben, ich werde auch gern mit denanderen Herren in Beziehung treten." Ich erwiderte, daß der jüdische Klub die einzige Repräsentation der jüdischen Bevölkerung ist. Wären nicht die Vergewaltigungen bei den Wahlen, dann wäre der Klub gewiß zahlreicher. Wir sind die einzigen Juden, die im Parlamente und überall mit offenem Visir auftreten und ihr Judentum nicht verstecken. Es liegt im Interesse der Regierung selbst, den jüdischen Staatsbürgern gerecht zu werden." M. PAPERIff: Die jüdischen Proletarier-Parteien in Rußland. Die Entstehung jüdischer proletarischer Parteien in Rußland kann als das geschichtliche Resultat des Vordringens des jüdischnationalen Gedankens unter der sozialistisch gesinnten Intelligenz und den jüdischen Arbeitermassen betrachtet werden. Diese Entwicklung ist erst in den letzten Dezennien vor sich gegangen. Noch in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts widmete sich die jüdische Intelligenz vornehmlich den Interessen des russischen Bauernstandes. Ihm war ihr ganzes Fühlen und Denken gewidmet. Ins Dorf gehen, den Bauer zu kultivieren, war ihre Hauptaufgabe. Die rohe Wirklichkeit riß sie aber bald aus ihren Träumereien. Im Jahre 1881 wurde den Juden der Aufenthalt in den Dörfern verboten, und die Kultivierungsmission mußte aufgegeben werden. Die jüdische Intelligenz ließ sich dadurch nicht einschüchtern und beteiligte sich desto eifriger an der revolutionären Bewegung, von deren Erfolg ihnen die vollständige Heilung der Judennot abhängig schien. Die fürchterlichen Judenexzesse vom Jahre 1881 brachten jedoch einen Teil der assimilatorischen Intelligenz zur Besinnung. Der nationale Gedanke begann unter ihnen festen Fuß zu fassen. In der Organisation der in den Neunziger] ahren ins Leben gerufenen sozialdemokratischen Bewegung kam er lange nicht zum Vorschein. Die jüdischen Sozialdemokraten und ihr proletarischer Anhang bildeten einen Bestandteil der allgemein russischen sozialdemokratischen Partei; in Russisch-Polen schlössen sie sich der polnischen Sozialdemokratie an. Sich assimilieren, national verschwinden, im befreiten russischen Volke aufgehen — das war und blieb ihre Devise. Aber schon ungefähr im Jahre 1887 bildet sich eine Gruppe jüdischer Intelligenter (der künftige „Bund"), um in den jüdischen Arbeitermassen zu wirken. Die Agitation wird allerdings in russischer Sprache geführt. Es mußte aber bald mit ihr aufgeräumt werden und der Jargon wurde in den Vordergrund gestellt. Die breiten jüdischen Arbeitermassen forderten den Jargon als die einzige ihnen zugängliche, als ihre Muttersprache. Auch sahen die Leiter der Partei bald ein, daß es der einzige Weg sei, auf dem sie sich den jüdischen Massen nähern und ihnen den Sozialismus einimpfen könnten. Der Jargon wurde also als eine technische Notwendigkeit betrachtet und angenommen. Die Tendenzen der Gruppe waren streng assimilatorisch. Sie betrachtete sich als einen Teil des russischen sozialdemokratischen Ganzen und legte ihre ganze Hoffnung auf dasselbe. Die nationale Passivität des russischen Judentums der betreffenden Epoche gab ihr die Möglichkeit, ungehindert in dieser Richtung zu handeln. Die jüdischen Massen schienen ihr, der Assimilation, sehr geneigt zu sein. Ihre Illusionen dauerten aber nicht lange. Die nationale Gleichgiltigkeit des russischen Judentums erwies sich bald als eine bloß äußere Erscheinung. Das nationale Gefühl keimt zu tief im jüdischen Volke, als daß es gänzlich getötet werden könnte. Der erste Zionistenkongreß diente als Beweis dafür. Wie eine Flamme brach das nationale Gefühl hervor und riß mit sich alle Schichten des Judentums mit. Auch die jüdischen Massen erblickten im Zionismus einen Ausweg aus der Judennot und richteten hoffnungsvoll ihre Augen auf denselben. Ganz anders aber wurde er in den sozialistischen Kreisen des Judentums aufgefaßt. Dort erblickte man im Zionismus eine drohende Gefahr für den sozialistischen Gedanken, da das Klassenbewußtsein durch das nationale Gefühl verdrängt werden könnte. Die Gefahr mußte beseitigt werden. Im Jahre 1897, also im ersten Kongreßjahre, organisierte sich „der allgemeine jüdische Arbeiterbund in Litthauen und Polen", kurz „Bund" genannt. Die nächsten Ziele dieser Organisation waren: das Streben zur Erreichung bürgerlicher Gleichberechtigung der Juden in Rußland und die Propagierung des Sozialismus in jüdischer Sprache. Also, wie wir sehen, entsteht der „Bund" aus rein technischen Ursachen; von irgend einem innern, nationalen Impuls war keine Rede. Erst im Jahre 1900, unter dem Einfluß des Zionismus, wurde auf einer Konferenz die nationale Frage schüchtern von einer Stimme erhoben-, sie wurde aber von der Majorität auf das Entschiedenste abgelehnt. Doch das Leben ist stärker als alle theoretischen Klügeleien. Der Zionismus bekämpfte erfolgreich den assimilatorischen Gedanken. Die zionistische Idee drang auch in die jüdischen Arbeitermassen. Es bildeten sich verschiedene sozialistisch-nationale Parteien. Die Gefahr stand vor der Tür! Man mußte sich beeilen, den jüdischen Arbeiter festzuhalten. Der Glaube, daß derselbe der Assimilation sehr geneigt sei, war gescheitert. Der „Bund" mußte nun eingestehen, daß der Nationalismus in ihm sehr stark ist, und er mußte demselben Rechnung tragen. Zwar trat der „Bund" an die nationale l^rage zuerst in

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