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Neue Nationalzeitung · 1907-07-26 · Heft 33 (26.7.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 33 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 33 falls sein Einfluß am englischen Hofe sehr maßgebend. Für Zangwill hegt er eine freundschaftliche Zuneigung. Ich habe mir gestattet, an Prof. Vambery die Frage zu richten, wie sich die Pforte gegenwärtig zum Zionismus verhalte: Professor Vambery: „Seit dem Sultan Abdul Hamid gibt es überhaupt keine „Pforteu mehr. Der Sultan ist alles, er macht alles. Das Schreibzimmer des Sultans ist überladen mit Schriftstücken aus allen Ländern seines großen Reiches. Selbst kleinere Verwaltuni; sangelegenheiten harren bei ihm der Erledigung. Er ist eine kolossale Arbeitskraft, allein die Arbeit, die er zu bewältigen hat, ist zu umfangreich für einen Menschen. Der Sultan, dessen Persönlichkeit ich ja in meinem Buche „The story of my struggles"*) ausführlich gewürdigt habe, ist ein großer Judenfreund. Er ist es in seinem eigenen Interesse. Denn die Juden sind seine einzigen nichtmohammedanischen Untertanen, auf die er bestimmt rechnen kann. Allein die Juden sind trotzdem Schuld daran, daß sie der Sultan nicht als vollwertig ansieht. Sie sollten größere Anhänger des türkischen Staatsgedankens sein. Viele Jahrhunderte wohnen sie bereits in der Türkei und sie sprechen noch immer nicht türkisch, sondern die Sprache Torquemadas. Die einwandernden Juden weigern sich — die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen und bieten stets für den ausländischen Konsul einen willkommenen Anlaß, sich in die inneren Verhältnisse der Türkei einzumengen". „Wie steht es denn mit dem Verbot der Einwanderung?" „Die Einwanderung ist wohl de jure noch immer verboten, aber faktisch wird dieses Verbot sehr lax gehandhabt. Doch nicht im Interesse Palästinas. Die jüngste Einwanderung hat Elemente ins Land gebracht, die demselben ganlicht zum Vorteile gereichen. Es wäre sehr wünschenswert, ein Komitee zur Bewachung der Einwanderung einzusetzen." „Würde der Sultan eine Masseneinwanderung nach Palästina gerne sehen?" „Der Sultan weiß die Vorzüge einer jüdischen Masseneinwanderung und die damit verbundenen Vorteile für die volkswirtschaftliche Entwicklung der Türkei sehr zu schätzen. Er würde daher mit Freuden eine jüdische Einwanderung in Kleinasien und in Mesopotamien sehen. Dort überwiegt die armenische Bevölkerung, und die Juden könnten ein für die türkische Regierung sehr wertvolles Gegengewicht bilden. Hier befinden sich zahlreiche fruchtbare Domänen des Sultans, der selbst sehr gerne einen Teil den Juden einräumen würde. „Würden Herr Professor diese Ansiedlungsprojekte befürworten?" „Ich würde dieselben jedenfalls für sehr b edenklich halten. Mesopotamien ist zwar herrlich, es ist ungemein fruchtbar, und gibt im Jahre zwei Ernten. Allein hier wäre die Sicherheit der Kolonisten sehr gefährdet. Ich erlaubte mir selbst an den Großherrn die Frage zu richten, ob er die Kolonisten auch genügend gegen die benachbarten Beduinen und andere Nomadenstämme schützen könne? Leider erhielt ich darauf keine bejahende Antwort. Die gleichen Verhältnisse herrschen in Kleinasien. Hier befinden sich die verschiedensten aus Rußland hinausgeworfenen türkischen Elemente. Und die Nachbarschaft dieser noch wenig zivilisierten Volks- *) ..Die Geschichte meiner Kämpfe". schichten auf der einen, die der Armenier auf der anderen Seite, könnten die Sicherheit der jüdischen Elemente keineswegs garantieren." „Es wäre," betonte Professor Vambery mit Nachdruck, „ein Verbrechen, die armen, verfolgten Juden nach Mesopotamien oder Kleinasien zu führen." „Und warum wäre eine großangelegte Einwanderung und Kolonisation in Palästina dem Sultan nicht erwünscht?" „Der Sultan muß mit dem Einflüsse der anderen europäischen Mächte rechnen, welche dem Charter nicht günstig sind. Denn der Charter bedroht den Einfluß der europäischen Mächte im Orient und lähmt ihre Interessensphären. Haben Sie eine Ahnung, was für ein Intriguenspiel der Botschaften in Bewegung gesetzt wurde, als ich beim Sultan den Empfang für Dr. Herzl vorbereitete! . . .« „Können sich in absehbarer Zeit die Verhältnisse nicht ändern?" „Die Verhältnisse in der Türkei sind jetzt im allgemeinen nicht sehr erfreulich. Allein es ist begründete Aussicht vorhanden, daß sie sich bessern werden. Die jüngere Generation nimmt europäische Kultur an, somit muß auch die Administration sich bessern. Die asiatische Türkei wird mit der Zeit dank dem Einflüsse Deutschlands in Kleinasien die Bahn der europäischen Kultur betreten. Die asiatische Türkei wird sich regenerieren. Es ist nicht wahr, daß Europa der Türkei den Garaus machen will! Die Großmächte zittern selbst vor diesem Augenblick, da sie daran gehen müßten, eine Teilung der Türkei vorzunehmen." „Was halten Herr Professor von Konzessionen in Palästina?" „Konzessionen halte ich für möglich und auch für nützlich. Auf diesem Wege wären Ueberwachungkomitees, Fabriken, Schulen etc. zu erlangen. Es müßten sich aber um diese Konzessionen geeignete Personen bewerben: in erster Linie türkische Untertanen." „Es scheint Ihnen somit die praktischeArbeit in Palästina ersprießlich?" „Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Die Investierung von großen Kapitalien in Palästina könnte ich nicht empfehlen. Solange der Ankauf von Boden in Palästina nicht auffällt, werden ihn die Türken dulden. Später könnte aber alles annulliert werden» Wenn Sie neue Kolonien gründen, wer wird dieselben gegen die Beduinen schützen? Glauben Sie, daß die zionistische Bewegung den Beduinen, den Maroniten, Arabern fremdgeblieben ist? Man sagt, es sei für die Türkei eine Lockspeise, die Steuerzehnten von den Kolonisten einzuheimsen. Aber ich frage, wer wird die Kolonisten gegen Uebergriffe der Steuerbeamten schützen?" „ Was soll nun mit den jüdischen Massen geschehen» die alljährlich aus Rumänien und Rußland auswandern?" „Es ist zum Verzweifeln. Trotzdem könnte ich zu einer Massenauswanderung nach Palästina nicht raten, zumal sie nicht zugelassen wird. Da heißt es, vorläufig Geduld haben und günstige Momente abwarten. Ich selbst bin bereit, solange mein Einfluß beim Sultan maßgebend sein wird, gegebenenfalls für die zionistische Bewegung einzutreten. Und natürlich auch sonst für die territorialistische! . . . Proximus ardet Ucalegon!"*) L. *) Aus Virgil's Aeueis, II. Ges. Die deutsche Uebersetzung lautet: Ucalegon nächst ihm Brennet und weithin leuchten sigeische Sunde vom Feuer.

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