Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 33 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NQUC MiONftL-ZEiDJNG •»»..^-^--ÄS ^itim IX. JAHRGANG. JÜDlSCfiPOUCISCRg WOCRENSCRRIFC üfS.R.LNNÖiSU!'. WIEN, 26. JULI 1907. No. 33. Hofrat Professor H. VAMBERY: Der Sultan und der Zionismus. (Ein Interview.) In einer Sommerfrische bei Wien verbringt jetzt Professor Vambery seine Ferien. Schon längst sehnte ich 'mich danach, ihn kennen zu lernen. Wußte ich doch, daß er der Lehrer des jetzigen Sultans und ein Vertrauensmann des englischen Königs, daß er einer der besten Freunde der zionistischen Bewegung und ihr wärmster Förderer beim Sultan ist. Ihm hatte es Doktor Herzl zu verdanken, daß ihn der Sultan empfangen hat, und wenn heute die zionistische Bewegung etwas in Konstantinopel erreichen will, so kann es nur mit Unterstützung Professor Vamberys geschehen . . . Denn er hat die Türkei geradezu für Europa entdeckt. Durch fünfzig Jahre hat er in der europäischen Publizistik ihre Interessen selbstlos vertreten. Er ist nicht bloß einer der größten Orientalisten, deren es ja viele gibt, sondern auch ein sehr genauer Orientkenner, wie deren nur wenige vorhanden sind. Aus den kleinsten- und armseligsten Verhältnissen hat sich dieser ungarische Hausiererssohn lediglich durch seine eigene geistige Kraft zu einer Stellung emporgerungen, die ihm nicht nur wissenschaftlichen Ruhm und politischen Einfluß, sondern auch große materielle Erfolge verschafft hat. In einer Zeit, wo sich selbst hervorragende Geister wegen eines kleinen Amtes taufen lassen, ist Vambery Jude gebliehen. Nicht nur Jude dem Namen nach, gleichgiltig, passiv, bloß auf eigenen Vorteil bedacht, sondern ein begeisterter, warmer Anhänger seines Volkes, dessen Leiden er mitfühlt und von dessen Schicksalsschlägen er selbst bewegt wird: ein nationaler Jude. Dieses Bekenntnis legte Professor Vambery mir gegenüber gleich zu Beginn unserer mehrstündigen Unterredung ab, die mir unvergeßlich bleiben wird. Dieser kleine sechsundsiebzigjährige Mann ist kein trockener Gelehrter. Um seinen lebhaften Geist, um sein sprudelndes Temperament würde ihn manch Junger beneiden. Seine Sprache ist nicht gelehrt, aber auch nicht banal. Er spricht ein schönes, fließendes Deutscn, weiß interessante Reminiszenzen aus seinem ereignisreichen Leben, aus seinen merkwürdigen Erlebnissen einzuflechten. Und wie freut er sich, wenn er zur Charakteristik einer Persönlichkeit ein — hebräisches Wort heranziehen kann! So ist es begreiflich, daß Professor Vambery freimütig seine Entrüstung über die Schwächlinge zum Ausdrucke bringt, die sich ihres Judentums schämen, und die auch ihm einen Vorwurf daraus machen wollen, daß er, anstatt sein Judentum zu verheimlichen, dasselbe kundgibt . . . Ein Mann, wie Professor Vambery ist über das Urteil derartiger Leute erhaben. Er ist eben mit dem Dutzendmaß dieser akademischen und politischen Streber nicht zu messen. Welch mächtige Entrüstung ergreift ihn, wenn er von den Schandtaten spricht, die an den Juden Rußlands und Rumäniens begangen werden! Eine seltene Persönlichkeit in unserem Zeitalter, wo persönliche Erfolge auf geistigem oder finanziellem Gebiete das jüdische Empfinden im Individuum erdrücken. Und so mußte dieser ungarische Patriot, dieser gute Mensch, der alle nationalen und religiösen Schranken niederreißen möchte, in sich selbst doch den nationalen Juden entdecken. Im Laufe unserer Unterredung hatte ich Gelegenheit zu bemerken, wie Prof. Vambery über alle Phasen der zionistischen Bewegung und den gegenwärtigen Stand derselben genau informiert ist. Er kennt N o r d a u, der ihn seinen Meister nennt. Mit W o 1 fsohn steht er in Korrespondenz, und er findet auch Zeit, neben den Tageszeitungen und wissenschaftlichen Blättern jüdische Wochenschriften zu lesen. Auch die territorialistische Bewegung ist seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. In der Ug a nd a f r a g e war jeden-