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Neue Nationalzeitung · 1907-07-19 · Heft 32 (19.7.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 32 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 32 ^eue National-Zeitung« Seite 11 lEUiLlgEON M. ISflJEL: Jüdische IDitze*). In einer vornehmen Gesellschaft lernen sich vier Herren kennen, die Gefallen aneinander finden, sich zu einer Flasche Wein zusammensetzen und dabei in lebhafte Unterhaltung geraten: ein Oberstaatsanwalt und Geheimer Justizrat, ein Hoftheaterintendant, ein Universitätsprofessor und ein Schriftsteller. Aus der einen Flasche Wein werden mehrere, das Gespräch wird immer anregender und gemütlicher und die Herren kommen nach und nach auf persönliche Dinge zu sprechen. Dabei stellt sich heraus, daß sämtliche vier Männer getaufte Juden sind. Dieser merkwürdige Umstand ist durchaus nicht danach angetan, die heitere Stimmung, in der sie sich nun einmal befinden, zu verringern oder gar zu verscheuchen. Im Gegenteil! Sie finden es sogar köstlich, daß ein ironischer Zufall sie inmitten einer christlichen Gesellschaft so schön und sicher zusammengeführt hat. Und weil das geschehen ist, wollen sie sich einmal erzählen, was sie veranlaßt hat, dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden. Der Oberstaatsanwalt und Geheime Justizrat beginnt: „Offen gestanden, ich habe mich aus Ehrgeiz taufen lassen. Ich wollte Karriere machen und das werden, was ich geworden bin, und noch viel mehr, und als Jude hatte ich keine Aussicht dazu ..." Der Universitätsprofessor nimmt das Wort: „Gott," sagt er, „wissen Sie, seitdem ich mich mit philosophischen Studien befasse, war mir alles, was Religion heißt, recht gleichgültig geworden. Ob ich nun als Jude oder als Christ durch die Welt ging, war im Grunde einerlei. Da mir aber das Judentum in gesellschaftlicher Beziehung unbequem wurde, legte ich es ab, wie man ein unmodernes Gewand ablegt..." Der Schriftsteller sagt: „Nun, mich hat die Liebe bekehrt. Die Eltern meiner Braut sträubten sich gegen den Gedanken, daß ihre Tochter einen Juden heiraten sollte, na, da habe ich ihnen den Gefallen getan ..." Der Hoftheaterintendant schweigt. „Na, und Sie, Herr Intendant?" fragen die drei anderen. „Ich?" gibt er mit großartiger Geste zur Antwort, „ich, meine Herren, habe mich aus Ueberzeugung taufen lassen ..." Da beginnen der Oberstaatsanwalt, der Universitätsprofessor und der Schriftsteller zu lachen und rufen gleichzeitig: „Das können Sie einem Goj erzählen!" * Vor einem Berliner Gerichtshof wird ein unbedeutender Straffall verhandelt. Unter den Zeugen befindet sich ein alter etwas einfältiger Mann, der aus Krotoschin in Posen stammt und von der jüdischen Gemeinde regelmäßige Unterstützungen dafür bezieht, daß er zu den wochentägigen kleinen Morgen- und Abend- *) Im Verlage von Gustav Rieckes Buchhandlung Nachf. in Berlin W 30 ist soeben „Das Buch der jüdischen Witze" von M. Nuel erschienen. Wir haben aus der reichen Sammlung, die alle Kreise des jüdischen Ghettos und seiner Sprößlinge, den Rabbi und Schadehen (Heiratsvermittler), den Schnorrer und Meschumed (Getauften), die Schlucker und Schelme mit viel Humor und Sarkasmus behandelt, einige Sachen herausgegriffen, die sehr amüsant sind. Anm. ü. Red. andachten in der Synagoge erscheint. Zur Abhaltung eines Gottesdienstes nach jüdischem Ritus ist nämlich eine aus 10 Männern bestehende Versammlung (Minjeh genannt) notwendig, und es hat sonst in Berlin seine Schwierigkeiten, an Werktagen diese 10 Leute zusammenzubringen. Die Vernehmung beginnt und der Vorsitzende des Gerichtes fragt den Zeugen: „Wie heißen Sie?" „Lauter!" antwortete der Mann. Der Vorsitzende ist der Meinung, daß der Zeuge taub sei, beugt sich über den Tisch und ruft mit erhöhter Stimme: „Wie heißen Sie?" Der Mann aus Krotoschin sieht den Präsidenten an und schreit ebenfalls: „Lauter, Herr Gerichtshof!" „Herr Referendar Rosenbaum," sagt der Vorsitzende ungeduldig, indem er sich an den Schriftführer der Verhandlung wendet, „bringen Sie doch aus dem Zeugen heraus, wie er heißt." Herr Rosenbaum verläßt seinen Platz, nähert sich dem Mann und brüllt ihm, aus seinen Händen ein Schallrohr bildend, ins Ohr: „Wie ist Ihr Name?*' Der Zeuge sieht auch den Referendar erstaunt an, schüttelt den Kopf und erwidert: „Nu, ich heiß' doch Lauter!" Der Vorsitzende lächelt, der Referendar Rosenbaum schmunzelt und die Parteien kichern. „Also, Sie heißen Lauter," nimmt der Vorsitzende das Wort. „Und wie ist Ihr Vorname, Lauter?" „Leiser," gibt Lauter zur Antwort. Jetzt schüttelt der Vorsitzende den Kopf und wendet sich wieder an den Referendar mit der Frage, was der Zeuge eigentlich meine, aber dieser kommt Herrn Rosenbaum zuvor und sagt etwas beleidigt: „Nu, Herr Gerichtshof, was soll ich meinen? Ich heiß' doch Leiser Lauter. Das ist mein Name." Damit ist die Sache zu allseitiger Heiterkeit im klaren und der Vorsitzende fährt fort: „Wie alt sind Sie, Leiser Lauter?" „Wie alt?" brummt er verdrießlich, „65... bis hundert Jahr!" Der Präsident faßt sich an den Kopf und will wieder die Geduld verlieren. „Gestatten Sie mir, die Frage zu stellen?" fragt der Referendar Rosenbaum den Präsidenten. Dieser nickt. „Also, Herr Lauter, sagen Sie mal... wie alt sind Sie ... bis hundert Jahr?" Der Alte lächelt befriedigt und antwortet: „Fünfundsechzig, Herr Rosenbaum, fünfondsechzig." „Also schön," meint der Vorsitzende, der wohl Lauters Auskunft, aber nicht die Frage seines Schriftführers verstanden hat, „und was ist Ihr Beruf? Was sind Sie, Leiser Lauter?" „Was ich bin? Minjeh-Mann bin ich." „Schon wieder so was!" murmelte der Vorsitzende. „Was ist das für ein Ding, ein Minjeh-Mann?" „Nu, was soll es schon sein?" entgegnet Lauter verdrossen. „Es ist das, wenn neun Männer beisammen sind, und ich komm' dazu, dann bin ich der zehnte ..." Der Vorsitzende zuckt die Achsel. „Ach was!" sagt er unwirsch, „wenn neun Männer beisammen sind, und ich käme dazu, wäre ich auch der zehnte. Dann wäre ich ja auch ein Minjeh-Mann?" Leiser Lauter drückt ein wenig die Augen zusammen, sieht den Sprecher ganz eigentümlich an und sagt dann schmunzelnd:

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