Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 32 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 »Nene National-Zeitung« Nr. 32 darauf, daß ein anderer eine strafbare Handlung begangen hat, straflos machen könne, ließ der Richter den angebotenen Beweis zu (!) und verhörte bei der nächsten Verhandlung zwei Angestellte des Herrn L als Zeugen. Diese bestätigten, daß F. A., als er beim Angeklagten beschäftigt war, zwar nicht den Ausdruck » Dr......r Jude« wohl aber »Saujude« oder »etwas ähnliches« gebraucht habe. Hierauf sprach der Richter Herrn L. mit der merkwürdigen Begründung frei, es sei wohl erwiesen, daß er sich der beleidigenden Ausdrücke bedient habe, doch sei die Beleidigung nur an einem öffentlichen Orte und nicht öffentlich (?) erfolgt. Außerdem habe dem Angeklagten die beleidigende Absicht gefehlt (!), weil der Zeuge F. A. früher ähnliche Ausdrücke gebraucht habe. Ueber Berufung der Klägerin hat die II. Instanz den Freispruch bestätigt. In den Gründen wird der Frage, ob die Beleidigung öffentlich geschehen sei, und ob der Angeklagte eine beleidigende Absicht gehabt habe, ausgewichen. Nach der Ansicht der II. Instanz mußte der Freispruch deshalb bestätig": werden, weil dem Gerichte die Aussage des Zeugen F. A. bei dem Umstände, daß der Angeklagte in seinem Geschäfte eine Israelitin beschäftigt und wohlverhalten ist, nicht genügt. Hochachtend St. B.« l0RReSPON[>SNZ£N ^* England. Die jüdische Kolonialbank vor Gericht. London, den 10. Juli. (Orig.-Korr.) Die für den 9. d. M. ausgeschriebene Verhandlung über die Statutenänderung der Jüdischen Kolonialbank ist auf den 23. d. M. verschoben worden. Inzwischen agitieren beide Teile sehr lebhaft, um sich bis dahin die Majorität der Sharesbesitzer zu sichern. Die Leiter der Kolonialbank erlassen nachstehenden Aufruf: »Es ist bestimmt worden, daß der Termin für die Prüfung des Gesuches betreffend die Abänderung der Statuten der Jüdischen Kolonialbank vor dem englischen Gerichte auf den 23. Juli 1907 verschoben wird. Die Landsmannschaften und Gesinnungsgenossen werden dringendst aufgefordert, überall schnellstens Unterschriften von Aktionären der Jüdischen Kolonialbank zugunsten der Abänderung der Statuten zu sammeln. Jede Liste muß den vollen Namen, den Wohnort der unterzeichneten Aktionäre, die Anzahl der Aktien, die jeder besitzt und die Zertifikatnummern enthalten, und jede Unterschrift muß mit dem Datum des Tages, an dem sie gegeben wird, versehen sein. Jede dieser Listen muß nachstehende gedruckte Ueberschrift, die in deutscher oder russischer Sprache oder im Jargon abgefaßt sein kann, tragen: An die Herren Lewis und Yglesias, Solicitors London. Wir die unterzeichneten Mitglieder des Jewish Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank), Limited, beauftragen Sie hierdurch, uns zwecks Unterstützung des Gesuches der besagten Gesellschaft um Einschränkung der Zwecke, enthalten im Memorandum der Gesellschaft, vor Gericht zu vertreten und alle zu diesem Zwecke notwendigen Schritte zu unternehmen.« Aber auch das Komitee der Protestler ruht nicht. Advokat Jasinowski in Warschau, Mitglied des Aktionskomitees, wendet sich an die Aktionäre mit folgendem Appel: »Wir machen die Aktionäre der Jüdischen Kolonialbank aufmerksam, daß der Prozeß auf den 23. d. M. vertagt wurde. Wer von euch gegen die Aenderung der Bankstatuten ist und bisher noch keinen Protest überreicht hat, wolle es jetzt tun und sich bis zum 18. d. M. melden.« Nordamerika. Ankunft der „Ito"-Einigranten. Gralveston, anfangs Juli. (Orig.-Korr.) Das Schiff „Kassel" ist mit der ersten Gruppe der unter Leitung der „Ito" befindlichen Auswanderer aus Bremen nunmehr eingelangt. Dieses Ereignis wurde von unserer Judengemeinde wie ein Festtag gefeiert. Es ist das erstemal, daß hier Juden in so großer Zahl landen; es ist aber auch der Beginn einer großen planmäßigen Einwanderung in diesem wichtigsten Hafen des Westens. Die Einwanderer wurden sofort von dem Beamten des ßemoval Office, Herrn Waldmann, in Empfang genommen und in die für sie bereitgehaltenen Quartiere geleitet; ohne Chicanen, Durchsuchungen, Quälereien, welchen die armen Emigranten bei EUis Island (New-York) ausgesetzt sind. Die Emigranten wurden auch von den städtischen Spitzen erwartet und vom Bürgermeister sehr warm begrüßt. In den nächsten Tagen werden die angekommenen 66 Männer je nach ihren Berufen auf verschiedene (18) Städte verteilt, wo sie bereits erwartet werden. GSMSiNü2=usö VGRe'kNSMftRiCBSW Zum Hilsner-Prozeß. Die »Oesterreichisch-lsraelitische Union« veröffentlicht nachstehenden Aufruf: »Am 1. April 1899 ist im Bfezinawalde bei Polna die Agnes Hruza aus Klein-Veznitz tot aufgefunden worden. Weiters Wurde am 27. Oktober 1898 die Marie Klima aus Ober-Veznitz im »Herrschaftlichen Walde« bei Polna als Leiche aufgefunden. In beiden Fällen wurde behördlicherseits ein Mord konstatiert. Wegen dieser beiden Morde wurde Leopold Hilsner aus Polna als Mitschuldiger vom Schwurgerichte schuldig erkannt. Er beteuert aber bisher unausgesetzt seine Unschuld. Die »Oesterreichisch-lsraelitische Union« sichert derjenigen einzelnen oder denjenigen mehreren Personen, welche "dem Gerichte oder der »Oesterreichisch-Israelitischen Union« oder dem Verteidiger Dr. Zdenko Auredniczek, Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, innerhalb zweier Jahre, d. i. bis 10. Juli 1909, solche Angaben machen oder Beweismittel beibringen, die zur Entdeckung der Täter oder zur Erweisung der Unschuld Leopold Hilsners und somit zur Wiederaufnahme des Strafprozesses führen, eine Prämie von 20.000 Kronen zu. Dieser Betrag erliegt zu obigem Zwecke bei dem k. k. Notar JUDr. Johann Janatka in Polna.« Druckfeliler-Berichtigung. Im Briefkasten der letzten Nummer soll es statt »Chanuka 1906«, richtiger, wie jeder aufmerksame Leser sofort bemerken mußte, heißen »Chanuka 1896.« Briefkasten der Redaktion. Reklamation. Sie werden es wohl begreiflich finden, daß wir Ihnen unser Blatt nicht mehr zuschicken. Die »Kollegialität« kann doch nicht so weit gehen, daß Sie uns allwöchentlich ganz ausplündern (4—5 Seiten), ohne auch nur ein einziges Mal die Quelle zu zitieren. Schließlich gelten ja journalistische Anstandsregeln auch für jüdische Blätter. — Leopoldstädter Wähler. Sie verlangen von uns zu viel, wenn Sie uns zumuten, daß wir dem demokratisch-freisinnig-sozialistisch-getauften Mischmasch, der sich jetzt als freiheitlich-sozialer Verein etabliert hat, unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Wir warten vorläufig, bis Herr Don Quixote-Neustadtl den grimmigen Kampf nach drei Fronten eröffnen wird. Das wird doch schrecklich sein. . . . Was glauten Sie? — An mehrere Einsender von Gedichten. Wir danken Ihnen bestens; leider eignen sich Ihre Verse nicht zur Veröffentlichung in unserem Blatte. Büchereinlauf. Lorenz Scherlag: Gedichte und Lieder. Berlin—Leipzig. Carl Wigand, 1907. Maria Siegmund: Judith Simon, Roman. Wien. Carl Konegen, 1907. Jakob Obermeyer: Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. Wien und Leipzig. Carl Fromme, 1907.