Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 32 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 32 Brief aus Rumänien. (Ton unserem Korrespondenten.) Bukarest, anfangs Juli. Wieder eine Hiobsbotschaft, deren Tragweite zurzeit nicht ermessen werden kann. Der Oberste Kassationshof in Bukarest hat vor wenigen Tagen eine Entscheidung gefällt, derzufolge sämtliche Judendes Landes jederzeit ohne Angabe irgend eines Grundes ausgewiesen werden dürfen. Im Urteile dieser höchsten Instanz heißt es wörtlich: „Auch solche Fremde (!) (id est Juden), die ihre Militärpflicht dem Lande gegenüber in Kriegs- und Friedenszeiten erfüllt haben." Welch himmelschreiendes Unrecht! Leute, die keiner anderen Macht der Welt Untertanen sind, sondern nur des Landes, das die Gräber ihrer Eltern birgt, und wo die Wiege ihrer Kindheit stand, die Blutsteuer und Heeresdienste leisten, werden von derjenigen Instanz, die in erster Reihe berufen erscheint, Recht und Gerechtigkeit zu sprechen, für vogelfrei erklärt, nur aus dem einzigen Grunde, weil sie Juden sind! — Eine solche Entscheidung des „Obersten Kassationshofes" drückt der ohnehin sprichwörtlich gewordenen „rumänischen Justiz" den. größten Schandfleck auf die Stirne. So eine Justizorgie, wie sie der rumänische Kassationshof aufgeführt hat, so ein antisemitisches Bachanal, das darauf abzielt, zahllose Menschenschicksale gewaltätig zu zertreten und zu vernichten, so eine brutale Rechtsvergewaltigung muß und wird alle Leidenschaften des Rechtssinnes und der Menschlichkeit zum Kampfe entflammen. Ueberau, wo feinfühlende Herzen schlagen, muß gegen diese brutale Vergewaltigung energisch protestiert werden, aber so laut, daß es auch diese perfiden Machthaber in Rumänien hören, die sich bekanntlich gegen die unangenehme Wahrheit ihre Ohren verstopfen. Die rumänische Regierung hat ihre Pflicht und Schuldigkeit als Hüterin der Rechtsordnung nicht getan, wenn sie bis heute einem solchen Kassationshof nicht seine Machtbefugnis entzogen hat, einem Kassationshofe, der selbst das Gesetz mit Füßen tritt. Die Signatarmächte könnten, wenn sie nur wollten, darin Ordnung schaffen, sie werden aber keinen Finger rühren, solange nicht das gewaltige Unrecht, das an den rumänischen Juden täglich verübt wird, in alle Welt hinausgeschrieen wird. Darum richte ich den Appell an die ganze gesittete Welt: Höret! Es gilt ein furchtbares Unrecht zu tilgen, das die rumänische Regierung in ihrer halbasiatischen Verkommenheit an den Söhnen ihres Landes begeht! _ W. Oer Pogrom-Prozess in Zyiomir. (Von unserem Berichterstatter.) Zytomir, den 10. Juli 1907. II. Die Zeugen-Einvernahme hat eklatant bewiesen, daß man es bei diesem Pogrom, wie fast bei allen, mit einem vorbedachten Massenmordattentat gegen die Juden zu tun hatte. Alle Verleumdungen, mit denen der Pogrom beschönigt wurde, sind aufgedeckt worden. Besonders das Gerücht, als ob die Juden das Porträt des Zaren durchschossen hätten, erwies sich als eine infame Lüge, die darauf berechnet war, die Schandtaten der mit den Huligans verbrüderten Soldateska in ein patriotisches Gewand zu hüllen. Speziell über diesen Fall spielte sich das Zeugenverhör folgendermaßen ab: Der Zeuge Zielony hatte vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt, daß er es selbst sah, wie die Juden auf das kaiserliche Porträt so lange geschossen haben, bis es ganz durchlöchert wurde. In der Hauptverhandlung wußte sich der Zeuge an alle Einzelheiten nicht mehr zu erinnern; er erklärte, die Schüsse wohl nicht selbst gesehen, aber doch davon gehört zu haben. ... Ein zweiter Zeuge, Kaminski, blieb bei der im Vorverfahren abgelegten Zeugenaussage. Er will selbst die Schußszene gesehen haben. Advokat Ratner: „Wie weit sind Sie von der Stelle gestanden, wo geschossen wurde?" Zeuge: „Sehr nahe; in einer Entfernung von höchstens 10 Schritten." Advokat Ratner: „Warum,haben Sie vor dem Untersuchungsrichter angegeben, in einer Entfernung von 50 Schritten gestanden zu haben?" Zeuge: „Ich habe etwas dem Untersuchungsrichter gesagt? Ich habe einen Untersuchungsrichter überhaupt nicht gesehen." Der Präsi dent sucht aus den Akten ein Protokoll hervor und sagt zum Zeugen: rDas ist ja ihre Unterschrift," Zeuge: „Ja". Er läßt den Kopf beschämt sinken. Advokat Ratner: „Haben Sie also vielleicht doch den Untersuchungsrichter gesehen? ..." Zeuge (schweigt). ... 355 Zeugen sind nunmehr einvernommen und im Großen und Ganzen ergibt sich das Resultat, daß die Juden und Christen friedlich nebeneinander lebten und nur agents provocateurs auf ein gegebenes von vornherein mit Polizei und Militär vereinbartes Zeichen die Metzeleien begannen. Das hat den ehrenwerten Staatsanwalt nicht gehindert, den „Selbstschutz" der Juden für das Blutvergießen verantwortlich zu machen. Er bekam eine scharfe Abfertigung von Ratner, welcher mit den Schlußworten der Gerichtshof apostrophierte: „Fällen Sie einen weisen Richterspruch und sprechen Sie das erlösende Wort, auf daß das Blut Blinows und anderer junger Helden seine Sühne finde." Das gestern gefällte Urteil sprach von den drei angeklagten Juden zwei schuldig; sie erhielten 6 und 8 Monate Festung. Die christlichen Angeklagten erhielten 6 bis 18 Monate Festung; 12 wurden freigesprochen. 2>ÄS PARLAMENT. Präsident Dr. Weiskirclmer als — „Jiideiifreiind". Die „Polnische Korrespondenz", ein privates Zeitungsunternehmen des Wiener Korrespondenten vom „Stowo Polskie", berichtet über eine Unterredung des Abgeordneten Dr. Gold mit dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses Dr. Weiskirclmer, worin letzterer seine besondere Judenfreundlichkeit, insbesondere jüdischen Armen gegenüber, herausstreicht. Der Sinn des Interviews ist eigentlich der, daß Dr. Gold, Mitglied des nunmehr mit den Antisemiten aufs engste verbündeten Polenklubs, statt sich vor Schande in die Erde zu versenken, daß er jetzt Liierter eines Bielohlawek, Schneider, Sturm und anderer Ritualmord-Verleumder geworden ist, der Welt beweisen möchte, die Antisemiten seien gar — Judenfreunde. Es ist ja nichts neues, daß die Antisemiten seit den letzten Reichsratswahlen, um regierungsfähig zu werden, plötzlich allergnädigst die Staatsgrundgesetze als giltig und die Juden als — Menschen anerkennen. Aber in der Praxis wird man ja sehen, wie es im Justizressort aussehen wird, wenn P a 11 a i Justizminister und im Unterrrichtsressort, wenn G e ß m a n n Unter-