Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 32 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Neue Natlonal-Zeltun?:« Nr. 32 welchem abwechselnd 8—10 Mädchen — für mehr war kein Raum vorhanden — zu tüchtigen weiblichen Dienstboten herangebildet wurden. Weiters wurden andere externe Mädchen zu tüchtigen Handwerkern in die Lehre gegeben, so wurden vier bei Schneidern, zwei bei Modistinnen untergebracht Ueberdies wurden fünf Mädchen mit Unterstützung der Anstalt in die Tarnower konzessionierte Handelsschule eingeschrieben, wo sie zu Buchhalterinnen und Korrespondentinnen herangebildet wurden. Die Absolventinnen dieses Kurses erhalten oft Stellen mit einem Anfangsgehalte von K 30—40 monatlich, der in kurzer Zeit auf K 60 steigt. Die Mädchenarbeitsschule in Stanislau war im abgelaufenen Jahre infolge einer in der Anstalt ausgebrochenen Typhusepidemie in ihrer Entwicklung gehemmt. Das Hauptgewicht des Unterrichtes wurde auch an dieser Schule auf Heranbildung tüc h tigenwei blichen Dienstpersonales gelegt. Die Mädchenarbeitsschule in Buczacz wurde im Schuljahre 1905/6 von 46 Schülerinnen besucht, darunter 30 Waisenmädchen, welche Stipendien aus den Mitteln der Stiftung bezogen. Die Mädchen wurden in verschiedenen weiblichen Handarbeiten unterrichtet, das Hauptgewicht wurde jedoch auf Nähen und Schnittzeichnen gelegt. Mit Ende des Schuljahres wurden 30 Mädchen freigesprochen, von denen sechs nach Amerika auswanderten, die anderen im Inlande teils in Privathäusern, teils bei Schneiderinnen Unterkunft fanden. Einige haben sich selbständige kleine Werkstätten eröffnet. Die Stiftung hat sich auch sonst im Interesse jüdischer Mädchen betätigt. Wie im Vorjahre hat das Kuratorium auch im abgelaufenen Schuljahre an mehr als 120 israelitische, insbesondere in Galizien und der Bukowina wohnhafte Mädchen, die zum Teile in Wien, zum Teile in ihrer Heimat verschiedene Lehranstalten besuchten und sich einem Berufe zuwandten, regelmäßige monatliche Stipendien gewährt, und teils Schulgeldbeiträge, teils das ganze Unterrichtshonorar bewilligt. Dem vom Leopoldstädter Frauen-Wohltätigkeitsvereine errichteten und erhaltenen Kaiserin Elisabeth- Lehrmädchenhort in Wien wurden für 25 in diesem Institute untergebrachte galizische Mädchen Stipendien von je K 20 monatlich gewährt und für den Bau eines eieenen Hauses, in weichem die Lehrmädchen auch nach Vollendung der Lehre als Arbeiterinnen gegen billiges Entgelt Unterkunft finden und den Gefahren der Großstadt entrückt sind, eine einmalige Subvention von K 1000 bewilligt. Das Kuratorium hat weiters 4 im israelitischen Waisenhause in Wien untergebrachten galizischen Mädchen Stipendien von zusammen K 1000, dem Waisenhause in Brody eine Subvention für 10 Mädchen von zusammen K 1200, 6 Schülerinnen der gewerblichen Fortbildungsschule für Mädchen in Storozynetz die Bezahlung des halben Schulgeldes per K 165, für 20 galizische Mädchen im Mädchenunterstützungsvereine in Wien, IL, Kaiser Josefsstraße, K 1000, und für 11 galizische Mädchen, die durch Krankheit oder große Erholungsbedürftigkeit an der Ausübung der Erwerbsbeschäftigung behindert waren, K 500 zu Händen des Vereines ^Frauenhort" und K 500 zu Händen des Vereines zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleidender bewilligt. Diese Stiftung verfügt über ein Vermögen von 4,695.100 Kronen; ihre Jahreseinnahmen betragen 188.615 Kronen. Der achte Zionistenkongrefj. (Interviews *). I. Chief-Rabbi Dr. ß-aster (England). Dr. G a s t e r ist soeben von einem längeren Aufenthalte in Palästina zurückgekehrt. Er hatte dort Gelegenheit, die Kolonien zu sehen, Menschen und Verhältnisse genau kennen zu lernen. Seine zionistische Gesinnung ist dort erstarkt und vertieft; er wünscht „praktische Arbeit". „Es ist wahr" — meint Dr. Gaster — „daß die Gelder der Kolonialbank für die Palästina-Arbeit nicht herangezogen werden sollten, weil sie einem anderen Zwecke zu dienen haben. Allein wo bleibt der Nationalfond? Der könnte doch zum Ankauf von Boden verwendet werden! Auf den Namen einzelner Personen sollte man nicht kaufen können? Wie helfen sich andere? " Was die Konstitutionen und den Charter betrifft, so sprach sich Dr. Gast er ablehnend aus. An kompetentesten Stellen in Konstantinopel habe er erfahren, daß es unpraktisch sei, dies jetzt anzustreben. „Mögen dies andere Nationen tun; wir wollen ihnen ihre Rechte abkaufen." Die Haltung der türkischen Regierung gegenüber der jüdischen Emigration und der zionistischen Tätigkeit sei wohlwollend; trotzdem müsse es die Hauptaufgabe des Zionismus sein, sich an einzelnen Punkten zu konzentrieren, statt über das ganze Land auszubreiten. „Ein großes Verdienst an der moralischen Hebung der jüdischen Bevölkerung" — führt Dr. Gast er weiter aus — „gebührt der „Anglo-Palestine Company". Sie hat b;ei den Juden das Selbstbewußtsein erweckt und ihre Selbstachtung gehoben. Der palästinensische Jude wurde ja stets als Bettler bezeichnet; er selbst klassifizierte sich nicht höher. Allein die jüdische Bank mit ihren zahlreichen Filialen haben den türkischen Behörden Respekt eingeflößt und so betrachten sich unsere Brüder selbst mit ganz anderen Augen. Und der moralische Einfluß ist ein wichtiger Machtfaktor in unserer Bewegung. Wir müssen dafür sorgen, daß der Kongreß sowohl auf uns, als auch auf die öffentliche Meinung einen Einfluß ausübe, daß er der Welt das Schauspiel zeige, wie wir trotz aller Verfolgungen unsere Ideale hochhalten. Beim letzten Kongreß wurde die öffentliche Meinung ignoriert und das war von üblen Folgen: das Ansehen des Kongresses ist gesunken, deswegen habe ich auf dem letzten Kongresse geschwiegen; ich habe die Degradierung des Kongresses stark empfunden. Dagegen muß nun angekämpft werden. Ich erwarte einen großen Erfolg von dem Zusammenschluß der englisch sprechenden Delegierten, die wahrscheinlich die Hälfte des Kongresses diesmal ausmachen werden". Als die wichtigsten Punkte der Gegenwartsarbeit in Palästina bezeichnete zum Schlüsse Dr. Gast er: 1. Die Konzentrierung aller zionistischen Kräfte; 2. die Einschränkung des Arbeitsgebietes auf das unmittelbar Erreichbare; 3. die Koalition mit anderen Organisationen, die ähnliche Ziele anstreben, wie „Alliance", „Ica", „Hilfsverein" u. s. w. Die Gründung einer Agrarbank mit den Mitteln der Kolonialbank — das Projekt russischer Zionisten — findet bei Dr. Gast er keine Sympathie. Es sei überhaupt noch fraglich, ob die Bankstatuten eine derartige Gründung gestatten. *) „Jewisli Expreß".