Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 32 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Neue National-Zeitung« Nr. 32 Die Pogroms in Rumänien. In Rumänien sind wir seit einigen Monaten in gleicher Weise vorgegangen. Zahlreiche jüdische Familien, welche durch den Aufruhr oder durch administrative Anordnungen aus den Dörfern vertrieben wurden, mußten unterstützt werden. Das Hilfswerk für diejenigen, die die Heimat nicht verlassen wollten oder konnten, ist durch die Institutionen und Komitees Europas uud Amerikas vervollständigt worden. Wir übernehmen die Fürsorge für die Auswanderer. Die ganze Aktion vollzieht sich unter Leitung der „Allianz" zu Wien. Die Kolonien in Argentinien. Hingegen kann ich es mir nicht versagen, Ihre Aufmerksamkeit einige Augenblicke auf einen Punkt zu lenken, nämlich auf den unbestreitbaren Erfolg unseres landwirtschaftlichen Kolonisationswerkes, unseres ältesten Unternehmens, das sein Entstehen dem Begründer unserer Gesellschaft dankt: die Kolonisation in der Republik Argentinien. Sie wissen, wie groß die Schwierigkeiten des Anfangs gewesen sind; sie hingen zumeist mit dem verwickelten Werke selbst zusammen: von Grund auf, ohne sich auf die Erfahrung stützen zu können (denn nichts Aehnliches ist vorher versucht worden), mit landfremden Menschen, die weder die Sprache, noch die Sitten kannten (die Mehrzahl verstand auch nicht das Geringste von der Landwirtschaft), nicht nur Gruppen von jüdischen Ackerbaukolonien, sondern Organismen zu schaffen, die lebensfähig genug wären, um zu bestehen und sich zu entwickeln. Diese Schwierigkeiten steigerten sich infolge äußerer Umstände (die zuerst installierten Kolonisten ließen sehr zu wünschen) und infolge der anfangs aus Mangel an Erfahrung herrschenden Veraengung von reiner Wohltätigkeit und eigentlicher Kolonisation. Daß bei den Fehlversuchen und Mißgriffen am Beginn das Unternehmen sich mit einer gewissen Langsamkeit entwickelt hat, kann nicht überraschen; noch weniger, daß uns die Kritik nicht erspart geblieben ist. Wir trachten nicht danach, ein glanzvolles Werk zu schaffen, sondern ein solides, dessen Entwickelung keine künstliche, sondern das Ergebnis seiner eigenen Lebenskraft ist. Deshalb haben wir Erfolg gehabt. Die Kolonisten, welche mit dem Anbau von Getreide begonnen hatten, dem klimatische Zufälle, die Invasionen von Heuschrecken Schwierigkeiten bereiteten, haben es verstanden, allmählich zu der Bodenkultur weniger dem Zufall unterworfene Wirtschaftszweige hinzuzufügen: Vieh- und Geflügelzucht, Luzernen-Pflanzungen, Molkerei; außerdem haben sie auf Grund von Erfahrungen die Bebauung ihrer Felder verbessert. So ist heute ihre Situation festbegründet, ihr Leben gesichert. Bei allen Schwankungen und Zufälligkeiten des Ackerbaues ziehen sie aus ihrer Arbeit Einnahmen, die nicht nur für ihren Unterhalt ausreichen, sondern auch zur Rückzahlung ihrer Schulden an unsere Gesellschaft. Die Kolonie Mosesville bietet uns dafür in diesem Augenblick einen ergreifenden Beweis: die letzten beiden Jahre Avaren für den Getreidebau ungünstig, und die Nachrichten, die wir vor einigen Monaten, zur Zeit der Ernte erhalten haben, lauteten sehr beunruhigend. Indessen dank der Verschiedenartigkeit der Wirtschaftszweige hatten die Kolonisten nicht nur zu leben, sondern sie konnten uns auch eine Jahresrate von ungefähr 110.000 Francs zurückzahlen. Die ökonomische Lage ist natürlich in den Kolonien und innerhalb desselben Zentrums bei den einzelnen Kolonisten sehr verschieden. Einzelne von ihnen gedeihen sehr gut (mehrere Kolonisten in Mauricio haben in diesem Jahre ein jeder aus ihren Luzernenpflanzungen über 30.000 Francs vereinnahmt), andere sind weniger glücklich. Aber im allgemeinen herrscht heute Wohlstand in unseren Kolonien. Ihre Insassen leben gut und zahlen uns alljährlich sehr beträchtliche Summen zurück; i. J. 19U0 'leisteten sie 72.820. i. J. 1901 221.100, i. J. 1902 189.160, i. J. 1903 175.780, i. J. 1904 214.040, i. J. 1905 464.640, i. J. 1906 614.900 Francs. Ich lasse die verschiedenen Einnahmen aus Terrains, unbeweglichen Gütern etc. unerwähnt, die in dem gleichen Verhältnis alljährlich wachsen. Im laufenden Jahre werden voraussichtlich noch viel größere Rückzahlungen geleistet werden. Die Kolonisten schicken jährlich zur Unterstützung ihrer Angehörigen sehr namhafte Beträge nach Rußland (im Jahre 1906 waren es mehr als 163.000 Francs). Sie versorgen eine stetig wachsende Zahl von jüdischen Tagelöhnern mit Arbeit, wie dies das Tableau der Bevölkerung der Kolonien zeigt. Einzelne wrenden sehr bedeutende Summen auf, um die Bewirtschaftung ihrer Besitzung zu verbessern. Kurz, das Terrain, auf dem sie installiert sind und dessen Eigentümer sie sein werden, erhält zumal in einzelnen Gebieten einen sehr beträchtlichen Wert. Diesem materiellen Gedeihen entspricht die Entwicklung des sozialen Lebens; dasselbe ist geordnet genug, um sich in voller- Freiheit zu entwickeln; die Kolonien stehen auf so festem Grunde, daß sie sich selbst verwalten können. Sie sind von Leuten gleichen Ursprungs, gleicher Sprache und gleicher Bedürfnisse bevölkert, die alle erforderlichen Bedingungen erfüllen, um einander zu verstehen. Wir haben gleichgeartete Gruppierungen vorgenommen, was sicherlich unsere Aufgabe schwieriger gestaltete. Da das Leben der Kolonisten gesichert und bei allen Enttäuschungen, die ihnen die Bodenbearbeitung bereitet, die Furcht für ihren Lebensunterhalt geschwunden ist, können wir unserem Werke vertrauensvoll eine kräftige Ausdehnung geben. Alles begünstigt diese Entwicklung: in Argentinien können noch sehr umfangreiche Terrains envorben werden; wir haben tüchtige Arbeiter, die ins Land kamen, um als Ackerbauer ihr Brot zu verdienen, ihre Lehrzeit in unseren Kolonien durchgemacht haben und nach ein oder zwei Prüfungsjahren uns würdig erscheinen, als Kolonisten angesiedelt zu werden. Nachdem wir jetzt die RiGhtung und Methode, welche bei dem Ausbau unserer Kolonien zu befolgen ist, festgestellt haben, können wir zumindest sagen, daß wir über ihre Zukunft beruhigt sind. Die Kolonien in Palästina. In Palästina bessert sich die Situation der Kolonien, deren Begründer so viel getan hat, um sie lebensfähig zu machen, ebenfalls. Das Land ist gut, der Boden fruchtbar; die Kolonisten haben genug Boden und ausreichenden Viehstand erhalten, um ohne jegliche Unterstützung bestehen zu können. Wir haben die meisten unserer Beamten beseitigt; die Kolonien verwalten sich selbst, und die Kolonisten arbeiten fleißig. Nur das Verwaltungsregime des Landes, die Art der Steuererhebung halten den Fortschritt der Kolonisation auf. Wenn ich auf die Entwickelung unseres Agrikulturwerkes Gewicht lege, so geschieht dies nicht nur deshalb, weil es unser vornehmlichstes Tätigkeitsgebiet bildet, sondern auch darum, weil dadurch das weitverbreitete Vorurteil entkräftet wird, daß die Juden keine Eignung zum Ackerbau besitzen. In Wahrheit sind sie Ackerbauer gewesen und sind es geblieben, solange man sie nicht daran gehindert hat; das ist geschichtliche Tatsache, aber dennoch auch in den Kreisen der Gebildeten völlig unbekannt. Soziale Fürsorge in Rußland. Aber genügt es, den Bearbeitern des Bodens in Rußland zu helfen, wenn das Elend ein allgemeines ist und durch die Verfolgungen ohne Unterlaß sich ver-