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Neue Nationalzeitung · 1907-07-19 · Heft 32 (19.7.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 32 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 3 Anstrengungen die Errichtung und den Ausbau jüdischer Kolonien festgestellt, ein Werk, dessen Kompliziertheit und Schwierigkeit die tätige Mitwirkung einer Gesellschaft wie die unsrige erfordert. Die Auswanderung der russischen und rumänischen Juden nach überseeischen Ländern und namentlich die landwirtschaftliche Kolonisation in diesen Ländern standen darum stets und stehen nach wie vor im Vordergrunde unserer Tätigkeit. Die Situation unserer Glaubensgenossen in den Ostländern hat sich leider nicht entfernt gebessert, seitdem Baron Hirsch den Plan gefaßt hat, ihnen zu helfen. Die Judenverfolgungen in Rumänien. Rumänien fährt fort, sie zu unterdrücken: es war erst vor kurzem der Schauplatz eines Bauernaufstandes, welcher sich gegen die Juden richtete, in heftige Angriffe gegen alle Besitzenden ausartete und mit neuen Gewaltmaßregeln gegen unsere Glaubensgenossen endete. Diejenigen, welche fliehen mußten, oder aus den Dörfern vertrieben wurden, wollen auswandern — die einzige Eettung, welche einer großen Zahl von ihnen bleibt. Die Ausnalimsgesetze in Rußland. In Rußland, wo der Eindruck der blutigen Ereignisse des Jahres 1906 sich nicht abgeschwächt hat, waren unsere Brüder noch in den ersten Monaten des vorigen Jahres Angriffen ausgesetzt. Keines der Ausnahmegesetze, die auf ihnen lasten, ist beseitigt; und obgleich im Jahre 1905 sämtlichen Russen Religionsfreiheit verheißen wurde, ist die Emanzipation der Juden nur eine Hoffnung inmitten der Aengste der Gegenwart. Bei dieser Sachlage hat das von dem Begründer unserer Gesellschaft vorgezeichnete Programm noch heute Geltung. Wir haben dasselbe innegehalten, sogar noch erweitert, indem wir eine Summe von Unternehmungen schufen, welche der ökonomischen und moralischen Wiederaufrichtung unserer Glaubensgenossen dienen sollen. Zudem haben an unserer Seite andere jüdische Institutionen, welche in verschiedenen Ländern auf anderen Wegen nach dem gleichen Ziele streben, noch ein sehr weites Gebiet der Betätigung. Die Judenfrage ist umfassend und kompliziert genug, um die Mitwirkung aller Gutwilligen zu rechtfertigen. Jeder findet sein Arbeitsfeld und kann sich nützlich erweisen, wenn er seine Aufgabe zu umgrenzen und so zu regeln weiß, daß er in die gemeinsame Aktion Methode bringt. Die russische Emigration. Infolge der Unruhen, welche in Rußland stattfanden, und des Elends, das sie im Gefolge hatten, war die russische Emigrations-Beweguüg i. J. 1906 ganz besonders stark. Die Vereinigten Staaten haben 186 089 Einwanderer aufgenommen. Zweifellos findet diese Zahl zum Teil ihre Erklärung in den traurigen russischen Geschehnissen; aber die Statistik zeigt, daß die Auswanderung nach diesem großen Lande während der letzten Jahre fortgesetzt gewachsen ist. Sie gibt allein für N e w - Y o r k folgende Ziffern: 38.565 i. J. 1901, 57.641 i. J. 1902, 63.560 i. J. 1903, 104.870 i. J. 1904, 88.533 i. J. L905, 156.940 i. J. 1906. Unsere Statistik für Kanada ist weniger genau, doch kann man die Zahl der Emigranten, die sich i. J. 1906 dort niederließen, auf 9000 schätzen. Endlich beginnt, dank unseren Kolonien, die argentinische Republik, wohin bisher nur wenige russische Auswanderer ihren Weg nahmen, eine große Zahl unserer Glaubensgenossen aufzunehmen: im letzten Jahre sind 13.500 dort gelandet. Die Zeit ist noch fern, wo es nötig sein wird, die Auswanderung ins Leben zu rufen und im Einzelnen zu organisieren; was sie kennzeichnet, ist ihr s p o n t a n e r Charakter. Es ist immer eine schwierige Sache, sich von seinem Geburtslande, das der Jude, trotz aller Leiden, die er dort duldet, liebt, loszureißen und eine Existenz zu suchen in einem Lande, dessen Sprache und Sitten er nicht kennt. Er entschließt sich schwer dazu, aber er reist aus eigener Entschließung; glücklicher, als diejenigen, die vor ihm gingen, weiß er, wohin er sich wendet, kennt er den Ort, wo er Aussicht hat, gut aufgenommen zu werden, Arbeit zu finden. Am häufigsten sind es Freunde und Verwandte, die ihn rufen Bedenkt man, daß seit Jahren Verfolgung und Jammer die osteuropäischen Juden in Massen nach dem Westen treiben, so kann man sich nicht wundern, daß jetzt die Wege vorgezeichnet sind, daß ein starker Strom flutet, daß die Bewegung fortdauert, ja sich von selbst vergrößert. Diese Bewegung ist zu gewaltig, zu umfangreich, als daß unsere Gesellschaft, daß irgend eine andere, sie mag über noch so großen Einfluß und noch so reiche Mittel verfügen, den Anspruch erheben könnte, sie in den Händen zu behalten, zu organisieren, zu leiten. Dies verkennen, heißt einen Mangel an Sinn für die Realität der Tatsachen offenbaren. Natürlich soll damit keineswegs gesagt werden, daß wir nicht einzugreifen haben. Zunächst ist die Anhäufung der jüdischen Bevölkerung in den großen Landiinghäfen, namentlich in New-York, nicht ohne Unzuträglichkeiten, abgesehen von der allzu großen Konkurrenz beim Suchen nach Arbeit; wir versuchen, die Auswanderer über die verschiedenen Gebiete der Vereinigten Staaten zu verteilen. Ein unter dem' Namen Removal Office in New-York eingesetztes Komitee, dem wir alle erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen, hat bereits seit mehreren Jahren diese Aufgabe unternommen und erfüllt sie mit Erfolg: i. J. 1901 hat es 1830, i. J. 1902 3208, i. J. 1903 5525, i. J. 1904 6023, i. J. 1905 6005 und i. J. 1906 6922 aus New-York nach den Städten im Innern geleitet. Die Abreise derer, denen wir helfen, bestimmt viele andere, ohne Unterstützung fortzugehen und sich über eine beträchtliche Zahl von Orten zu verbreiten, wo bisher keine Juden wohnten. Zur Durchführung dieser Verteilung ist es geboten, in Rußland selbst tätig zu sein, die Emigranten dazu zu bringen, daß sie sich unmittelbar in das Innere der Vereinigten Staaten wenden; es bedarf hierzu nicht mehr, als sie mit den neuen Gebieten bekannt zu machen. Für diese Aufgabe scheinen die Informationskomitees, deren Errichtung in allen wichtigen Zentren Rußlands wir neuerdings beschlossen haben, ausersehen. Die Pogroms in Kußland. Gewisse Umstände haben unsere lebhaftere Tätigkeit gefordert. Zum Beispiel die schrecklichen Pogrome des Jahres 1905. Die vor der Ausplünderung, vor Brand und Tod flüchtenden Juden häuften sich in den Grenzorten Deutschlands und Oesterreichs zusammen. Sie wollten die Heimat verlassen, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten, und ohne die Mittel zu besitzen, um sich irgendwohin zu weuden. Das waren keine Bettler, sondern Handwerker, die von ihrer Arbeit lebten, wohlhabende, ja sogar reiche, aber durch die Pogrome verarmte Kaufleute, die ihre Existenz überall wieder aufrichten können. Mit einem großartigen Wohltätigkeitseifer hatten die Juden Amerikas und Europas beträchtliche Summen zur Unterstützung dieser Unglücklichen gesammelt. Wir haben gewünscht, daß dieselben für diejenigen reserviert werden, die in Rußland bleiben oder dorthin zurückbefördert werden müssen. Die Aufgabe der Auswanderung haben wir mit anderen Wühlt ätigkeits-Institutionen übernommen und die Emigranten sind in die Länder befördert worden, welche sie erwählt hatten, um daselbst zu leben.

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