Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 32 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 32 Dies kann jedoch lediglich im Wege einer politischen Organisation der Jnden erreicht werden. Wenn die Juden in Vereinen oder Gruppen organisiert sein werden, welche dauernd funktionieren und deren Aufgabe der energische Schutz der Juden gegenüber der behördlichen Willkür wäre, wenn jeder Chikane eines Staats- oder Landesbeamten nicht ein schwaches Individuum, sondern eine starke Organisation entgegentreten würde, dann müßten alle Hindernisse und Schwierigkeiten, die seitens der Staatsbehörden einer ökonomischen Hebung der jüdischen Volksschichten entgegengestellt werden, aufhören, oder sich zumindest abschwächen. Die Bevölkerungsschichten, welche in Oesterreich und besonders in Galizien unter der Judenschaft eine ökonomische Hebung und wirtschaftliche Reformen erheischen, sind: der kleine Kaufmannstand, die Kleingewerbetreibenden und die Arbeiter. Die Notlage des Kleinhandels ist hauptsächlich auf den Mangel an Kredit zurückzuführen. Tausende Existenzen müssen zu Grunde gehen, weil ihnen oft einige Hundert, ja sogar 50 bis 100 K fehlen, um über die momentane Geschäftskrisis hinwegzukommen. Wegen Mangels an verfügbarem Kapital können die jüdischen Kleinhändler ihren Abnehmern wiederum einen längeren Kredit oder Ratenzahlungen nicht bewilligen. Aus Mangel an Kapital können sie keine Waren anschaffen, die gleichzeitig gut und billig wären; sie sind preisgegeben den Fabrikanten und Großhändlern, die ihnen zwar Waren auf Borg liefern, dabei aber ihnen schlechte Ware zu hohen Preisen aufdrängen, die in der kaufmännischen Welt unter der Spitzmarke „Galizische Ware" bekannt ist. Die gleichen Verhältnisse treffen wir bei den Kleingewerbetreibenden. Sie können wegen Mangels an Kapital keine Hand- oder Motormaschinen anschaffen. Sie können auch nicht auf Lager arbeiten, sie sind lediglich beschränkt auf die Bedienung von Privatkunden, deren Bedarf größtenteils in bloßen Reparaturen besteht. Die Schaffung eines billigen Kredits auf Grund der Kooperation der interessierten, kaufmännischen und industriellen Kreise und mittels Dotation, sei es aus staatlichen Mitteln (was im allgemeinen bezüglich der Industrie in der Thronrede versprochen wurde), sei es aus den Fonds Abgeordneter Dr. Heinrich Gabel. der bereits bestehenden jüdischen Finanzinstitute, ist daher eine ökonomische Notwendigkeit ersten Ranges, deren Verwirklichung* für das Sein oder Nichtsein der produzierenden jüdischen Bevölkerungsschichten von der größten Wichtigkeit ist. Die ökonomischen Verhältnisse der jüdischen Arbeiterklassen sind wieder anders geartet. Daß die Zahl des arbeitenden jüdischen Volkes eine sehr große ist, das beweisen die Ziffern in der Arbeit des Professors Dr. Bazek: „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Bevölkerung in Galizien" Lemberg 1905. Im Jahre 1900 finden wir jüdische Arbeiter: in der Landwirtschaft und Gärtnerei...... 32.695; im Warenhandel .... 24.695; beim Gast- und Wirtshausgeschäft ...... 11.566; bei der Schneiderbranche 10.684. Die anormale Lage der jüdischen Arbeiterklasse beweist am besten die Tatsache, daß 29 % Taglöhner in Galizien Juden sind. Es gibt in Galizien 2Q.901 jüdische Taglöhner: die größte Ziffer nach der Landwirtschaft. Sie ist auch gleichzeitig ein Beweis für die immer mehr fortschreitende Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung im Sinne einer Deklassierung zu unqualifizierten, von den Hand in den Mund lebenden Proletariern. Für diese Arbeiterklasse sind Arbeitsvermittlungsbureaus, die gleichzeitig die Mittel zur Uebersiedlung von einem Ort auf den anderen zur Verfügung stellen und Arbeit an verschiedenen Orten anweisen könnten, unbedingt nötig. Wichtiger als alles ist jedoch die Notwendigkeit einer fachmännischen Ausbildung der arbeitenden jüdischen Bevölkerung, und zwar sowohl für den Kaufmannals auch für den Gewerbestand. Der Mangel dieser Ausbildung und damit der Fähigkeit, im Konkurrenzkampfe auszuhalten, ist eine der Hauptquellen der ökonomischen Ohnmacht der jüdischen Bevölkerung. Die ökonomische Hebung der Juden ist zweifellos eine ungemein schwere Aufgabe. Allein es ist schon ein großer Fortschritt, wenn wenigstens die Notwendigkeit derselben und die Mittel hiezu erkannt werden. Denn sie wird auch eine Konzentrierung aller nationalen Kräfte, die diesem Zwecke dienen wollen, herbeiführen. 3eu)ish Colonization Association. (Generalversammlung.) Paris, den 9, Juli. . Am 7. Juli, 10 Uhr vormittags, hat die Jahresversammlung der „Ica" unter dem Vorsitze des greisen Präsidenten Narcisse L e ven stattgefunden. Der Präsident legte nach Genehmigung des Protokolls der vorjährigen Versammlung den Jahresbericht für das abgelaufene Jahr 1906 sowie den Finanzbericht vor und hielt nachstehende französische Ansprache: „Der Ihnen vorgelegte Jahresbericht gibt Ihnen ein möglichst getreues Bild von der Tätigkeit unserer Gesellschaft im abgelaufenen Jahre. Diese Tätigkeit nimmt, wie Sie erkennen, sehr verschieden geartete Formen an: landwirtschaftliche Kolonisation, Auswanderung, Schulen, Darlehenskassen etc. und vollzieht sich an zahlreichen Punkten des Erdkreises. Gerade um der Vielseitigkeit unserer Unternehmungen willen, die allesamt dem gleichen Zwecke dienen, scheint es mir nützlich* mit wenigen Worten die großen Linien unserer Aktion hervorzuheben und die Erfolge, die wir erzielt haben, Ihnen vor Augen zu führen. Wie sie wissen, hat Baron Hirsch unsere Gesellschaft gegründet, um den Israeliten, die in ihren Heimatländern Ausnahmegesetzen unterworfen sind und unter Verfolgungen leiden, zu Hilfe zu kommen. Die Erfahrung hatteihm gezeigt, daß die Auswanderung und die Ansiedelung in freien Ländern ein Mittel zur B-ettung dieser Unglücklichen ist. Er hat als Hauptziel unserer