Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 32 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE MaONAL-ZEiOJNG £RP0LICISCRS WOCRSNSCBRIFC RKRfiusGSBSR: Drs.R.LäNDAu:: IX. JAHRGANG. WIEN, 19. JULI 1907. No. 32. Beiehsratsabgeordueter Dr. II. GABEL: Sozialpolitische Ziele Einige Wochen sind seit der Eröffnung des Parlamentes verstrichen. Aeußerlich sind lediglich verschiedene Formalitäten, wie die Konstituierung der verschiedenen Gruppen und Klubs sowie die Debatte über die Wahlmißbräuche bei den Reichsratswahlen in Galizien zu verzeichnen gewesen. In Wirklichkeit aber wurde ernst gearbeitet. Alle Parteien haben über ihr Programm und ihre Taktik eingehende Erörterungen gepflogen. In allen Winkeln des neuen Hauses machte sich ein neuer Geist bemerkbar, der hoffentlich für die Dauer dieses Parlament beherrschen wird. Und wenn auch die Annäherung der Fraktionen unter dem Schlagwort der nationalen Einigung erfolgt ist, so wird doch der Kernpunkt der künftigen parlamentarischen Tätigkeit nicht auf nationalem, sondern auf ökonomischem Gebiete liegen. Es wird jede Partei, nachdem sie ihren nationalen Charakter proklamiert haben wird, unbedingt auch dazu schreiten, die realen Bedürfnisse ihrer Wähler und die Mittel zu deren Verwirklichung festzustellen. Es muß darin jedenfalls der Ausdruck der Gesundung des Parlamentarismus gesehen werden. Denn er entspricht der wirklichen Gesinnung der österreichischen Völker, die mit aller Macht in den Kampf um ihre ökonomische Entwicklung eingetreten sind. Das jüdische Volk, welches als eine nationale Individualität in die Reihe der österreichischen Völker getreten ist, hat auch auf diesem Gebiete ihre Reife gezeigt. Zweifellos hat das jüdische Volk noch alles zu erobern, was den anderen österreichischen Völkern zuteil geworden ist: die gesetzliche Anerkennung der jüdischen Nationalität und die Beseitigung alier jener der hebräischen Schriftsprache auferlegten Einschränkungen, welche dieselbe ärger als die asiatischen und afrikanischen Sprachen behandeln. Allein neben diesen nationalen Postulaten muß auch das Programm der ökonomischen Hebung der jüdischen Volksmassen seine Verwirklichung finden. Es des jüdischen Oolkes. muß leider beklagt werden, daß bisher noch kein wirtschaftliches Programm der jüdischen Bevöikerung präzisiert worden ist, daß die jüdische Intelligenz, wiewohl sie das Elend der jüdischen Massen täglich vor Augen hat, der Quelle desselben nicht nachgeforscht und an seine Beseitigung noch gar nicht gedacht hat. Es müssen daher die jüdischen Abgeordneten, die an der Schwelle realer Arbeit stehen, erst ökonomische Theorien schaffen, und das Arbeitsgebiet nach allen Richtungen abstecken. Noch mehr muß beklagt werden, daß die jüdischen Massen, welche doch selbst am meisten leiden, sich ihrer Lage gar nicht einmal bewußt sind, daß sie unbewußt leiden und eine Abhilfe von auswärts erwarten, wiewohl doch jede auswärtige Hilfe solange zwecklos bleiben muß, als nicht in der Mitte der jüdischen Gesellschaft selbst eine Initiative opferwilliger und beherzter Männer Platz greift. Diese allgemeine Apathie, dieser Mangel an Initiative innerhalb der jüdischen Gesellschaft ist zweifellos das größte Hindernis in der ökonomischen Entwicklung der Juden, sie bilden eine Kluft, die die jüdische Bevölkerung in ihrer ökonomischen Entwicklung aufhält. Die Gründe dieser Stagnation jedes Unternehmungs-. geistes innerhalb der Judenschaft liegen jedoch hauptsächlich in äußeren Faktoren. Die österreichischen und speziell die galizischen Juden zeigen doch viel Energie und Unternehmungsgeist auf allen Gebieten! Allein sofern es sich um jüdische Angelegenheiten handelt, stehen ihnen die Chikanen der Landes- und Staatsbehörden entgegen, die jeden Versuch von jüdischer Seite als ein Attentat auf ihren eigenen Besitzstand ansehen und daher zerstören. Jede ökonomische Initiative der Juden, jeder neue Erwerbszweig, den die Juden ergreifen wollen, begegnen einer böswilligen Zurückweisung seitens aller Behörden. Es kann daher in Oesterreich und speziell in Galizien von einer ökonomischen Hebung der Juden solange keine Rede sein, als nicht der Willkür und der Einseitigkeit der galizischen Behörden ein Ende bereitet wird.