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Neue Nationalzeitung · 1907-07-12 · Heft 31 (12.7.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 31 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 31 »Nene National-2eitung« Seite 7 Aus den Stiftungen ist allmählich eine bureaukratische Maschine geworden. Das Werkel geht schon von selbst; man läßt es laufen, und vergißt, daß es auch ablaufen könnte. ,; Aus dem soeben erschienenen Jahresberichte der Baron Hirsch'schen Stiftung für das Schuljahr 1905/6 ist zu ßntnehmen, daß die Stiftung 48 Volksschulen unterhalten hat, an denen 7675 Schüler von 196 Lehrpersonen unterrichtet wurden. Neben den obligaten Volksschulgegenständen hatten die Lehrer in schulfreier Zeit dem Unterrichte in Handfertigkeit (Slöjd), sowie der Pflege der Jugendspiele, dem Turnunterrichte und der Veranstaltung von Ausflügen ihre vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Am Turnunterrichte nahmen 4858 Knaben, an den Jagendspielen 4636, bei Veranstaltung von Ausflügen 3300 Knaben teil. Mit dem Oeffentlichkeitsrechte ausgestattet, waren die Schulen in Bohorodczany, Bojan, Boryslaw, Bursztyn, Chrzanöw, Dabrowa, Delatyn, Gliniany, Gologöry, Gwofcdziec, Jezierna, Kolomea, Mielec, Monasterzyska, Obertyn, r Ottynia, Rawa ruska, Rozwadöw, Sadagöra, Sassöw, Äniatyn, Sototwina, Stanislau, Tarnöw, Tysmienica, Zablotöw, Zabno, Zboröw, Zloczöw; 22 Schulen sind höheren und 26 niederen Typus. 33 Schulgebäude sind Eigentum der Stiftung, an 15 Orten wurden Schulräume gemietet. Das Vermögen dieser Stiftung beträgt 18,491.000 K, hievon die Jahreseinnahmen 544.143 K. Dieselben dienen hauptsächlich den Volksschulen, welche im Berichts- Schuljahre 454.828 K kosteten. Neben den Auslagen für Volksschulen wurden für Unterstützung der Kinder durch Verteilung von 31.275 neuen Büchern, 62.927 Heften, 18.461 sonstigen Schulrequisiten K 915&52 verausgabt. Aus den Mitteln der Jubiläumsstiftung gelangten an die unsere Schulen besuchenden Kinder 131.184 Mittagmahle, 2063 Lodenröcke und Hosen, 3642 reparierte Mäntel, 1263 neue und 3759 vorgeschuhte, zusammen 5022 Paar Stiefel, 2511 Sommeranzüge und 4740 Hemden mit einem Kostenaufwande von K 71.714.89 zur Verteilung. An Subventionen wurde, wie im Vorjahre, für die Schulen in Brody und Zabiocie der Gesamtbetrag von K 10.850.— bewilligt. Die Stiftung hat auch 17 Abendkurse abgehalten, welche von 769 Schülern besucht und von 48 Lehrern geleitet wurden. Die Kosten dieses Unterrichtes betrugen K 3251. In diesen Abendkursen wurden einerseits Analphabeten, die das schulpflichtige Alter weit überschritten hatten, in den Volksschulgegenständen unterwiesen, andererseits wurden Knaben, die vor Erreichung des vollständigen Lehrzieles die Schule verlassen hatten und bei Handwerkern oder Geschäftsleuten untergebracht waren, weiter unterrichtet. Auch Knaben und Männer, die die Kenntnis der Volksschulgegenstände hatten, wurden speziell in Gegenständen unterrichtet, die ihnen bei Ausübung ihres Berufes besonders von Wert waren, wie zum Beispiel Schlosser, Drechsler, Tischler im Zeichnen, Kommis im Rechnen u. s. w. Was das Handwerk betrifft, so werden von der Stiftung keine eigenen Handwerkerschulen erhalten. Es werden lediglich absolvierte Volkschüler zu Meistern in die Lehre gegeben. Im Laufe des Jahres wurden auf Kosten der Stiftung 32 Lehrlinge freigesprochen, 75 neu aufgenommen, so daß nach Berücksichtigung sonstiger Abgänge am Ende des Schuljahres 1905/1906 im Status der Stiftung 267 Lehrlinge verzeichnet waren. (Schluß folgt.) Der Pogrom-Prozess in Zytomir. (Von unserem Berichterstatter.) Zytomir, den 7. Juli 1907. I. Die grauenhaften Szenen, die sich anläßlich des Pogroms in Zytomir abgespielt haben, werden gewiß noch in aller Erinnerung sein. Nach mehr als zwei Jahren findet endlich auf Grund der Anklage der Staatsanwaltschaft gegen die unmenschlichen Veranstalter des Massenmordes die Gerichtsverhandlung statt. Am 3. d. M. hat der Prozeß begonnen und dürfte zwei Wochen dauern. Auf der Anklagebank sitzen 42 Personen, unter ihnen 3 Juden. Wir sehen da Personen verschiedenen Alters und verschiedener Berufe, Jünglinge und Greise, Zivilisten und Soldaten. Selbst das weibliche Geschlecht ist hier vertreten durch eine Bandenführerin. Die Verteidigung sämtlicher 39 christlichen Angeklagten haben 5 Advokaten übernommen, außerdem wird hier der bekannte Petersburger Advokat Bulazel täglich erwartet. Die Verteidigung der 3 jüdischen Angeklagten liegt in den bewährten Händen des berühmten Petersburger Advokaten Dr. Berns tarnm. Dr. Eatner stellt im Adhäsionsverfahren im Namen seiner 50 Klienten den Antrag auf Schadenersatz in der Höhe von 48*000 Rubel. Nicht weniger als 517 Zeugen sind vorgeladen, mehr als 400 von ihnen sind nach Amerika ausgewandert und daher nicht erschienen. Ein Kronzeuge, der gewesene Polizeimeister Janowitzki ist vor kurzem gestorben, und der Pristaw Kiriakow, der gleichfalls eine große Rolle in diesem Prozesse gespielt hätte, ist ermordet worden. Das Publikum, welches sich in großen Massen vor dem Gerichtsgebäude ansammelt, findet keinen Einlaß in den Verhau dlungssaal, nur die Korrespondenten einiger in- und ausländischer Blätter erhalten Eintrittskarten und können der Verhandlung beiwohnen. Um 4 Uhr nachmittags eröffnete der Präsident die Verhandlung. Er läßt die Sache durch den Schriftführer aufrufen, worauf dann die Verlesung der Anklageschrift folgt, die über 3 Stunden in Anspruch nimmt. Die Anklage gibt folgende Darstellung des Falles: Sonntag, den 24. April 1905, fanden am „PodoT1, dem jüdischen Viertel in Zytomir, wüste Exzesse gegen die Juden statt. Betrunkene Houligans durchzogen lärmend und johlend die ausschließlich von Juden bewohnten Straßen, demolierten sämtliche jüdischen Häuser und schleppten alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich fort. Das Militär, das in den Straßen patrouillierte, sah diesem wüsten Treiben ruhig zu, ohne einzuschreiten; ja, noch mehr, jüdische Männer und beherzte Jünglinge, welche sich bewaffnet hatten und den Kampf mit den betrunkenen Banden der „Schwarzen Hundert" aufnehmen wollten, wurden mit Brachialgewalt seitens des Militärs daran gehindert. Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß man am Abend des 24. April viele jüdische Tote und zahlloseVerwundetezu beklagen hatte. Am darauffolgenden Tage breitete sich dieses Pogromgespenst über die ganze Stadt aus, ganze Gruppen des fjchtscheuesten Gesindels wurden mobilisiert und überall, wo Juden wohnen, hinkommandiert. Diese richteten ein entsetzliches Blutbad an und stellten ihre „Tätigkeit" nicht eher ein, bis sie nicht alle jüdischen Wohnungen in Trümmer und Asche legten. Diesen Tatbestand muß also die Anklage selbst zugeben. Hierauf beginnt das Zeugenverhör. Als erster Zeuge erscheint ein Offizier namens M a t r e n, welcher ein grauenhaftes Bild der Massakres entwirft. Auch während der Einvernahme der übrigen Zeugen geht eine große Bewegung durch den Saal, und diese erreicht ihren Höhe-

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