Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 31 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Neue ftatfonal-fceltiiiig« Mf. 31 Er (der Landmarsehall) halte es im Interesse der Judenschaft dieses Landes, welche einen so bedeutenden Teil der Bevölkerung bilde, für angezeigt und erachte den Moment für gekommen, einzugreifen, um, wenn möglich, die Schwierigkeiten zu ebnen, welche noch der seiner Ansicht nach so nützlichen Stiftung im Wege stehen. In Kenntnis der Intentionen Euer Hochgeboren, daß Hochdieselben der Tendenz einer Assi milier ung in nationaler Beziehung nicht nur kein Hindernis entgegen stellen wollen, sondern im Gegenteile die Absichten Euer Hochgeboren dahin zielen, diesen Prozeß zu fördern und zu beschleunigen, bestrebten sich die jüdischen Mitglieder der Enquete, alle in der Richtung aufgetauchten Befürchtungen zu widerlegen. Das Ergebnis dieser Bestrebungen und Ausführungen in der langwierigen Sitzung, war auch in der Tat ein überaus günstiges. Es wurde einstimmig die unserseits beantragte Resolution, die ich in Uebersetzung beischließe, angenommen, um solche der hohen Regierung im geeigneten Wege zur Kenntnis zubringen. gez. Klärmann m. p. Beschluß: In Erwägung, daß die ökonomische Lage der israelitischen Bevölkerung und ihr kultureller Zustand einer raschen und gründlichen Hilfe bedarf; in Erwägung, daß die Verbesserang dieser Zustände nicht nur mit Rücksicht auf diese Bevölkerung, aber auch aus nationalen Gründen überaus erwünscht ist; in Erwägung, daß die vom Herrn Baron Hirsch beabsichtigte Stiftung für Galizien dieselben Ziele anstrebt und die zur Realisierung derselben nötigen Fonds darbietet: wendet sich die Enquete an Seine Exzellenz den Grafen Landmarschall, mit der höflichen Bitte, er möge seinen Einfluß bei der Regierung verwenden, um die Beschleunigung der Aktivierung der Stiftung zu bewirken, mit Wahrung des nationalen Charakters ihrer Ziele und des Strebens ihrer Leitung." * * * Auf diesen Brief erteilte Baron Hirsch nachstehende Antwort: „Paris, 24. März 1890. Herrn Samuel Klärmann in Lemberg. Geehrter Herr! Ich gelangte in den Besitz Ihres geschätzten Schreibens vom 20. d. M. und danke Ihnen für dessen Mitteilungen, von denen ich mit Interesse Kenntnis nahm. Ich kann nicht verhehlen, daß die ganze Tendenz dieser Enquete, über welche Sie die Güte haben, mir zu berichten — und von der die Wiener Zeitungen in den letzten Tagen mehrfach Notiz nahmen — mir sehr mißfällt. Es kommen da die Wünsche der Orthodoxen im Lande zum Ausdruck, denen man ein nationales Mäntelchen umgehangen hat. Diese Wünsche entsprechen aberweder meinenPrinzipien nochmeinen Absichten. Die Angelegenheiten der Stiftung ruhen in Wien. Ich habe bei meiner letzten Anwesenheit daselbst, im November des vergangenen Jahres, sämtliche von der Regierung verlangten Abänderungen zu den Statuten angenommen und war berechtigt, die Genehmigung der Staatsverwaltung als erworben zu betrachten. Seitdem hat die letztere aber neue und eingreifende Modifikationen verlangt, denen ich nicht entsprechen kann. Das weiß die Regierung und sie weiß auch, daß ich angesichts dieser Sinnesänderung überhaupt nicht mehr zu verhandeln in der Lage bin. Dagegen habe ich die „Israelitische Allianz" in Wien mit dem provisorischen Mandate betraut^-, meine Absichten für/ Galizien im liberalen Sinne durctir zuführen, und zwar unter meiner eigenen Kontrolle,, oder unter jener eines von mir in Paris eingesetzten Komitees. Auf diese Weise gehen die Wohltaten meiner geplanten Stiftung wenigstens nicht verloren, beziehungsweise werden nicht verzögert. So stehen die Angelegenheiten. Eine Deputation würde an dem Gange desselben nichts ändern können. Ich werde eine solche nicht empfangen, umsoweniger als ich in der nächsten Zeit nicht in Paris sein werde. Die Persönlichkeiten, welche die Reise zu mir unternehmen wollen, werden daher gut tun, sich diese Mühe zu ersparen. Mit dem Ausdrucke vollkommener Hochachtung Ergebener M. Hirsch m. jp." So hat Baron Hirsch die polnisch-assimilatorischen Streber energisch von sich abgeschüttelt. Seitdem haben sie ihn auch nicht mehr belästigt. Die Jahresberichte der Baron und Baronin Hirsch'schen Stiftungen für Galizien und Bukowina. Die Stiftungen, die den Namen der Ehegatten Baron Hirsch tragen, haben sich in Galizien bereits eingelebt. Selbst die orthodoxe Bevölkerung hat sich mit ihnen befreundet; es wird anerkannt, daß sie für das arme jüdische Massenproletariat eine große Wohltat bedeuten. Es wird Volksschulunterricht erteilt und dadurch der Analphabetismus ausgemerzt; die armen Kinder bekommen Kost und Kleidung: die Mädchen, die in ihrer krassen Unbildung nicht einmal zu häuslichen Arbeiten fähig waren, lernen hier jene primitiven Verrichtungen, durch die ein Weib überhaupt erst zu einem nützlichen Mitglied ihrer eigenen Familie wird. Nur schade, daß die Mittel der Stiftungen beschränkt sind. Sie bestehen in fixen Summen und ihre Renten fließen nur in gleichem Maße. Die Gehälter der Lehrer nehmen alljährlich mit dem fortschreitenden Dienstalter derselben zu; für die Schulzwecke bleibt nur ein geringerer Betrag übrig. Das Kuratorium spart, indem es bestehende Schulen aufzulösen beginnt. Die Schule in Chrzanöw ist bereits aufgelöst. Die Wünsche zahlreicher Städte wegen Errichtung von Schulen bleiben unerfüllt. Ja, das Kuratorium kündigt sogar die A u flösung weiterer Schulen bereits an. Mit der Zeit kann es noch Lehrer ohne Schulen geben. . . . Warum wendet sich denn das Kuratorium nicht an den gaiizischen Landesausschuß wegen einer entsprechenden Subvention? Die Volksschulen entheben ja zum großen Teil den Landesausschuß der Verpflichtung, in vielen Gegenden Volksschulen zu erhalten. Es sitzen doch im Kuratorium f ü n f h o h e polnische Ministerialbeamte, die von der Regierung ernannt wurden. Haben diese Herren bloß die Aufgabe stumme Wächter des Polentums zu sein und Germanisationsbestrebungen in den Schulen entgegenzutreten? Ja, wenn sie keine Initiative haben, so ist dieselbe bei den anderen Kuratoren, den Strohmännern des Präsidenten, Ritter von Gut mann, wie Dr. Adolf Stein, Steinhübel, Donat Zifferer, Dr. Paul Hammerschlag u. a., die keine Ahnung von dem Leben und den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung in Galizien haben, gewiß nicht zu erwarten. Ueberhaupt ist dieses Kuratorium, das abgesehen von den Ernennungen durch die Regierung sich selbst durch Kooptation aus der Wiener haute finance und deren Intimen ergänzt, nur eine Dekoration.