Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 31 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 »Neue National-2eitung« Seite 3 ob sie von russischen S oldaten ausgeraubt, oder von einem Bezirkshauptmann zu horrenden Geldstrafen verurteilt werden. Der Minister des Innern, der den Statthalter und die Bezirkshauptleute so schamlos wirtschaften läßt, ist sich gewiß selbst gar nicht bewußt, was für eine Verantwortung er auf sich nimmt und wozu er die verzweifelten Juden treibt. * Die Immunität des Herrn Feuerstein. (Ein Kapitel der galizischeu Justiz.) Drohobycz, den 7. Juli. Kennen Sie Jankiel Feuerstein? Der Mann verdient es, der großen Oeffentlichkeit vorgestellt zu werden. Schmelke von Horowitz und Berl Stern, sind gegen ihn Stümper. Horowitz ist durchgefallen und Stern mußte eine Stichwahl über Moysa ergehenlassen; Feuerstein aber hat für seinen Schützling Dr. Löwenstein sofort bei der Hauptwahl das Mandat er—obert. Kein Mittel des Betrugs, des Schwindels und Korruption war diesem Kahal-Präsidenten unserer Stadt schlecht genug; das Organ der klerikalen B'raktion des Polenklubs „Glos Narodu" macht keinen Hehl daraus, daß nirgends so geschwindelt wurde, wie bei den Wahlen des Löwen stein und Kol i scher. Jankiel Feuerstein ist also nicht bloß Vizebürgermeister und Kahalpräsident; er ernennt auch den Abgeordneten seines Bezirkes. Und dadurch, daß er dem Polenklub einen Dr. Löwenstein zugebracht hat, einen vornehmen Redner "für "Schmutzige' Angelegenheiten, hat er sieh auch den Dank aller maßgebenden „Faktoren", ohne Unterschied der Konfession, gesichert. Dr. Löwenstein, Abgeordneter von Feuersteins Gnaden, genießt jetzt die Immunität, warum sollte sie nicht auch dem Feuerstein selbst, seinem Protektor, zuteil werden? Nachstehender Vorfall möge beweisen, daß es in Galizien nicht bloß eine Immunität der Abgeordneten, sondern auch eine der Wahlschwindler gibt. Herr Feuerstein hat im März d» J. den Redakteur des zionistischen Blattes „Wschod" beleidigt und wurde wegen Ehrenbeleidigung geklagt. Bis Juni — durch drei Monate — ist über die Klage nichts verfügt worden. Nach Ablauf dieser Zeit wurde eine Verhandlung noch immer nicht anberaumt. Es wurde lediglich der Kläger Dr. Reich in Lemberg einvernommen, ob er seine Klage aufrecht hält und ob er zur Hauptverhandlung vorgeladen zu werden wünscht. Trotzdem Dr. Reich beide Fragen bejaht hatte, hörte er wochenlange nichts. Die Klage wurde ad acta gelegt, weil der Kläger—Advokaturskonzipient in Lemberg — nicht aufzufinden war .... Der Kläger drängte und die Verhandlung wurde ausgeschrieben» Die Justiz siegt also doch, der Beleidigte erhält vom Gerichte seine Satisfaktion..... Nein, so war es nicht gemeint. Der Kläger wurde bloß am 29. Juni verständigt, daß die Verhandlung am 27. Juni stattfindet. Was am 27. geschehen ist, bleibt vorläufig unaufgeklärt. Sehr tief ist unsere Justiz gesunken; sie ist die Dirne des Jankiel Feuerstein. Baron IT1. Hirsch gegen die polnisch^ assimilatorische Propaganda. (Ein Briefwechsel.) Von historischer Bedeutung ist der Briefwechsel zwischen Baron Hirsch und dem Vizepräsidenten der Lemberger Kultusgemeinde, Herrn Samuel Klärmann im Jahre 1890. Zum besseren Verständnis dieses Briefwechsels sei kurz vorausgeschickt, daß der damalige Landmarschall Graf Johann Tarnowski über Veranlassung der jüdischen Notablen von Lemberg eine Enquete in Sachen der geplanten Baron Hirsch-Stiftung einberufen hat, und daß Herr Klärmann, von dem man, da er an der Spitze des Lemberger Wohltätigkeits-Bureaus des Baron Hirsch stand, voraussetzte, daß er dessen Berater und Vertrauensmann sei, beauftragt wurde, über die Enquete und ihre Resultate Herrn Baron v. Hirsch Bericht zu erstatten. Die Enquete hatte den Zweck, die zu begründende Baron Hirsch'sche Schulstiftung in das polnischassimilatorische Fahrwasser hineinzuzerren, d. h., die Millionen des Baron Hirsch für die polnisch-patriotische Propaganda der „Agudas Achim" in Anspruch zu nehmen. Baron Hirsch verstand mit seinem Scharfblick diese Machinationen und hat sie durchkreuzt. Er wies alle Versuche, assimilatorische Zwecke zu fördern, zurück. Herr Klärmann richtete damals im Interesse seiner Mandatare an Baron Hirsch nachstehendes Schreiben: „Lemberg, 20. März 1890. Euer Hochgeboren, hochgeehrter Herr Baron! Aus Berichten der Zeitungen werden Euer Hochgeboren entnehmen, daß Seine Exzellenz, Landmarschall Graf Tarnowski, eine Enquete in Angelegenheit der Juden einberufen hat. Ich halte es für meine Pflicht, über die Genesis und den Verlauf dieser Enquete Euer Hochgeboren einen authentischen Bericht zu erstatten; in der Ueberzeugung, daß bei dem warmen Gefühle und lebhaften Sympathie, welche Euer Hochgeboren für die armen Glaubensgenossen in unserem Kronlande an den Tag legen, Sie diesen meinen Bericht mit besonderem Interesse werden zur Kenntnis nehmen. Die Anregung zu einer Enquete in Angelegenheit der galizischen Judenschaft ist zwar von einem hierorts bestehenden Vereine, welcher die Assimilierung der Juden Galiziens in nationaler Richtung anstrebt, vor Monaten noch ausgegangen; allein gegenwärtig hat Seine Exzellenz der Landmarschall nach vertraulicher Verständigung mit dem Statthalter, aus eigener Initiativ« diese ins Werk gesetzt; in Rücksicht insbesondere auf die noch immer schwebenden Verhandlungen, anlangend die von Euer Hochgeboren geplante Stiftung. Es sind hierlands Befürchtungen zutage getreten, daß, weil der Sitz der obersten Leitung dieser Stiftung in Wien sein werde, eine den autonomen und nationalen Bestrebungen zuwiderlaufende Tendenz dieser Stiftung mit der Zeit sich herausbilden könnte. In der Absicht nun, einen Meinungsaustausch herbeizuführen und sich selbst ein klares Bild über die auseinandergehenden Anschauungen zu verschaffen, um nach der einen oder der anderen Richtung in dieser Frage Stellung zu nehmen, hat der Herr Landmarschall die Versammlung einberufen. Gleich bei Eröffnung der Sitzung hat Seine Exzellenz demnach dieses mit Nachdruck hervorgehoben, unter Hinweis auf den Umstand, daß er der Sache nunmehr näher zu treten für seine Pflicht halte, weil nach den ihm zugekommenen vertraulichen Mitteilungen, in der Angelegenheit der Stiftung Euer Hochgeboren eine nachteilige Wendung eingetreten, die ein gänzliches Scheitern der Verhandlung fürchten lasse.