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Neue Nationalzeitung · 1907-07-12 · Heft 31 (12.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 31 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 »Neue National-Zeitung« Nr. 31 und auch nur dadurch, daß mehrere hundert Stimmen ihrer Gegner für nichtig erklärt worden sind. Also die Bestätigung dieser Mandate hängt ausschließlich von den Antisemiten ab — und wenn Löwenstein und Kolischer im Parlamente bleiben, so werden sie dies einzig und allein der Gnade Luegers und Weiskirchners zu verdanken haben. Wenn somit die „ Jednosc" schreibt: „Dem Polenklub handelte es sich lediglich um die Sicherung der bedrohten Mandate und um nichts anderes" — so tritt sie in erster Linie gegen ihre eigenen Protektoren auf, die ohne die Hilfe der Antisemiten ihre Mandate verlieren müssen." Diese Antwort hat dem Herrn Dr. Löwenstein den Ernst der Situation klar gemacht. Er verließ seinen Schmollwinkel und trat für den Polenklub in die Bresche. Er hat wirklich sein Bestes geleistet. Er hat im Interesse des Polenklubs nicht nur die Wahlen verteidigt, sondern auch sein eigenes Nest beschmutzt. * Es ist selbstverständlich, daß Dr. Low enstein bei den Mitgliedern des Polenklubs, von denen die meisten kaum den Mund öffnen können, rasenden Beifall gefunden hat. Das Krakauer Tagblatt „Czas" tut sich aber dabei auch auf etwas anderes viel zagute. Sein Parlamentsberichterstatter weiß zu erzählen, daß auch der Abgeordnete Kuranda die Kede Löwensteins wiederholt mit Beifall belohnte, ja, daß er sogar nach Beendigung der Rede, sich dem Dr. Löwenstein vorstellte und ihn beglückwünschte. Wir wissen nicht, ob wir dem Hofrat Kuranda diese Geschmackslosigkeit zumuten können. Er wäre ja sonst selbst auch reif für — den Polenklub. * Der slavisch-antisemitische Block hat in öffentlicher Verhandlung die Dringlichkeit abgelehnt. Nun beginnt im Legitimationsausschusse der Handel wegen der Referate über die angefochtenen Wahlen. Derselbe Block wacht darüber, daß die Referate in „verläßliche" Hände geraten. Bis diese Referenten dem Hause ihre Berichte vorlegen, wird über alles Gras wachsen. Inzwischen wird es im Parlamente ruhig werden. Andere Fragen werden die Gemüter beherrschen. Und die Schlachzizen werden aber zu Hause an den widerspenstigen Wählern ihr Mütchen kühlen. Verwaltung und Justiz, Bezirkshauptleute und Richter, harren ihrer Befehle. Wehe den Besiegten! * Die Radie der IDahlhyänen. Dembica, Anfangs Juli. Die Reichsratswahlen sind schon vorüber, nachdem sie unseren städtischen Wahlbezirk, der 40% jüdische Wähler zählt, mit dem klerikalen Bauernfuhrer Pater Pastor beglückt haben. Nun beginnt die Rache des Bezirkshauptmannes, der zwar nominell k. k. Staatsbeamter, aber in Wirklichkeit, wie seine meisten galizischen Kollegen, ein zu allen Pflichtwidrigkeiten und Gesetzesverletzungen taugliches Werkzeug der galizischen Schlachta ist. Es haben viele jüdische Wähler das Verbrechen begangen, nicht für ihren Feind, den Pater Pastor, sondern für den polnischen Demokraten, Gerichtssekretär D i h m, zu stimmen. Das muß nun den Leuten gründlich vergolten werden. Bei den nächsten Wahlen sollen sie sich dann unterstehen, einen nichtoffiziellen Kandidaten zu wählen. Die Maßregeln, welche nunmehr der k. k. Bezirkshauptmann als Chef der Wahlhyänen gegen die jüdischen Wähler ergriffen hat, sind die üblichen. Die armen Leute werden unter den nichtigsten Vorwänden mit den schwersten Geldstrafen belegt, so daß ihre Existenz dadurch zu Grunde gerichtet wird. Gewöhnlich handelt es sich da um Uebertretungen der Gewerbe-, Sanitäts-, Bau-, Polizeivorschriften oder dergleichen. Die Zustände sind natürlich ganz dieselben, wie sie während der früheren Parlamentssession gewesen sind. Die Häuser waren immer baufällig, die Läden waren Sonntags offen u. s. w. Aber erst während der Parlamentswahlen bemerkte man dies, und zwar gewöhnlich nur bei.den Gegnern des Schlachzizenkandidaten. Hat aber beispielsweise ein Polizist oder Gendarm im Eifer seiner Arbeit auch einen Anhänger des offiziellen Kandidaten, angezeigt, dann wird das Versehen auf der Bezirkshauptmannschaft wieder gut gemacht. Nun gehen wir zu den einzelnen Personen über, welche von unserer zuständigen Bezirkshauptmannschaft in Ropczyce wie von einer ägyptischen Plage überfallen worden sind: Jakob Taub, Seilermeister, wurde zu einer Geldstrafe von 200 K verurteilt, weil er angeblich seinem Sohne, der bei ihm gearbeitet haben soll, einen Lehrbrief nicht ausfolgen wollte. Ueberdies erhielt er eine Strafe von 80 K, weil er am Sonntag das Geschäft offen hatte. Fischl Geminder erhielt eine Strafe von 230 K. 200 K deshalb, weil er im Lokal der Pessel Wanderer in deren Vertretung einem Gast Tee servierte; 30 K, weil die Firmatafel der Frau Wanderer (!) schmutzig sei. Pessel Wanderer erhielt aus denselben Gründen eine Strafe von 200 K, und zwar 150 K wegen des Tees und 50 K wegen der Firmatafel. Saul Strauß hat wegen Verletzung der Sonntagsruhe 120 K zu zahlen, wiewohl seine Geschäftsniederlage geschlossen war und dieselbe erst vom Gendarmen geöffnet wurde. Samuel Schreier hat aus demselben Grunde 80 K< Geldstrafe zu •zahl€n;"ebenso~Feigre5 Pfeffer 60 K und Mordechai Eill 40 K. Moses Pinkas und Berl Frühmann haben je 30 K zu zahlen, weil ihr Geschäft nicht gut genug(!) geschlossen war. Leiser Padawer hat 40 K zu zahlen, weil er keine Firmatafel angeschafft hat. Leiser Tiefenbrunn wurde zu 10 K verurteilt, weil der Rollbalken seines Geschäftes nicht vollständig geschlossen war. Derselbe wurde nämlich von einem Kind zum Spaß um einige Zentimeter in die Höhe geschoben. Zu bemerken ist, daß die angeführten Leute arme Krämer sind, die in ihren Geschäften auch wohnen. Diese bilden zum Teile einen Greislerladen, während der durch Holzbretter abgegrenzte Teil der ganzen Familie als Schlafstätte dient. Aber selbst wenn diese Leute, die ja ihre Geschäfte nicht ganz absperren können, weil sie ja darin auch wohnen und nebst den Glasscheiben des Türladens kein anderes Fenster, somit auch kein Licht haben, das Gesetz über die Sonntagsruhe verletzt hätten, woher sollen sie Beträge wie 100 K und mehr hernehmen, um die Geldstrafen zu bezahlen? Zudem hat der saubere Bezirkshauptmann die Beschuldigten zur Bezirkshauptmannschaft nach Ropczyce, die einige Meilen von hier entfernt ist, vorgeladen und ihnen daher auch einen Schaden durch Zeitverlust und Reiseauslagen zugefügt. Es ist dies derselbe Bezirkshauptmann, der schon während der Parlaments wählen dadurch berüchtigt wurde, daß er den Wählern der Landgemeinden Stimmzettel, die bereits auf den. Namen des Pater Szczeklik ausgefüllt waren, zustellen ließ. Eine große Volksversammlung in Lemberg hat sich damals mit diesen Stimmzetteln beschäftigt, aber in den Augen eines Potocki kann dies dem Bezirkshauptmann nicht schaden. Unter den Armen herrscht eine wahre Panik, Die Leute meinen, es sei ja doch schließlich gleichgiltig,

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