Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 31 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 »Neue Natlonal-Zeltung« Seite 3 Ihr in Westösterreich habt die Verfassung gehabt; ihr habt die Früchte davon. Doch wir Kennen sie nur dem Namen nach und es wird Sache unseres Klubs, des jüdischen Klubs, sein, Hand in Hand mit der Demokratie und mit der ruthenischen Demokratie, Arm in Arm mit allem, was jung, modern, was lebensfähig und lebenskräftig in allen drei Völkern des Landes ist, gegen die Kliquen dieses Landes und für die Freiheit des so schönen, des so mit Naturschätzen gesegneten Landes zu kämpfen. Wir wünschen dem Lande die gute und schöne Zukunft, die es ehrlich verdient und wollen mit allen Kräften arbeiten, damit ihrGali2ien entgegengehe. Das ist im Interesse der polnischen, der ruthenischen und der jüdischen Nation. (Beifall und Händeklatschen.) Abg. Dr. Löwenstein widmete den größten Teil seiner Rede den Jüdisehnationalen. Während sich diese auf den Standpunkt gestellt hatten, die Hausjuden vorläufig zu ignorieren, ist Herr Dr. Löwenstein sofort zur Offensive übergegangen. Er hat die Jüdisclmationalen provoziert, verunglimpft und verleumdet in einer Rede voll Heuchelei und Selbstpersiflage, wie man sie im Parlament kaum jemals gehört hat. Wahrscheinlich wollte er sich noch rasch an den Jüdischnationalen für den Durchfall seines Schwiegervaters rächen. Er sagte: »Wenn Sie auf dem Standpunkte stehen, daß Sie nationale Juden sind, so kann ich nichts dagegen haben, wenn Sie sich als nationale Juden fühlen. Wenn Sie weiter verlangen, daß wir die jüdische Individualität, die jüdische •Eigenart schützen und ihr Gelegenheit geben, sich zu entfalten, kann kein vernünftiger und gerechter Mann etwas dagegen haben. Denn je mehr Individualität in der Menschheit ist, desto mehr Vorbedingungen für ihren geistigen Fortschritt. (Zustimmung.) Wenn man aber, meine Herren, den Grundsatz der separaten jüdischen Nationalität aufstellt, muß man auch die Konsequenzen ableiten. (Beifall.) Dann, sagen Sie, meine Herren, was Sie wollen, ehrlich und offen, wie es einer demokratischen Partei geziemt! Sagen Sie es, wie Sie es in Drohobycz, Stryj und überall gesagt haben, daß Sie eines haben wollen : Anerkennung und konsequente Durchführuug des Grundsatzes der jüdischen Nationalität als einer besonderen. Sagen Sie, daß-Sie den Jargon als Gerichtssprache einführen wollen, daß Sie separate Schulen haben wollen, sagen Sie, daß Sie einen Separatismus predigen, der die vorhandenen Gegensätze verbreitert, und vertieft und daß eine neue Kluft zwischen Bürgern und Bürgern geschaffen werden soll, entgegen dem modernen Geiste, entgegen unseren bürgerlichen Bestrebungen, entgegen unserem rühmlichen Anteil an der westlichen Kultur im letzten Jahrhundert. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. — Abgeordneter Dr. Gabel : Die hebräische Kultur ist noch älter!) Das erzählen Sie nicht mir! Ich kann von hebräischer Kultur sprechen, weil ich auf sie zurückblicke und aus ihr hervorgegangen bin. (Abgeordneter Dr. Gold: Was versteht ein ruthenischer Abgeordneter von jüdischer Kultur! — Lebhafte Zwischenrufe.) Verehrtester Herr Kollege Dr. Gabel, Sie vielleicht und Ihr zweiter hier anwesender Herr Kollege wollen sich auf die Vertreter der jüdischen Bevölkerung herausspielen? (Abgeordneter Dr. Gabel: Ja!) Sind Sie es? Keine Spur! (Abgeordneter Dr. Gabel: Ich habe alle jüdischen Stimmen gehabt!) Wenn jemand zufälligerweise beim Proportionalsystem 2000 Stimmen bekommt und in die engere Wahl mit dem Kandidaten der Minorität kommt, für den eigentlich gesetzmäßig das Mandat gedacht war, und wenn in der Erregung der Wahlagitation die großen nationalen Massen der Majorität, die dem Kandidaten der Minorität gegenüberstehen, aus Feindschaft gegen diesen jenem ihre Stimmen geben, dann ist er nicht der Vertreter der j üdi sehe n B evö Ikerung, sondern der Vertreter des nationalen Hasses. (Beifall und Hädeklatschen). Und Sie werden uns, meine Herren, vielleicht wieder sagen: Hausjuden! (Zwischenrufe seitens des Abgeordneten Dr. Gabel.) Nun, Herr Dr. G abel, wenn »Hausjude« zu bedeuten hat, daß man abhängig ist von dem Willen eines anderen, daß man ihm Untertan ist und ihm gehorchen muß, dann können Sie Lakaiendienste leisten, nicht ich und nicht wir. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. — Zwischenrufe.) Wenn aber, meine Herren, »Hausjude« heißt. . . (Zwischenrufe seitens der Abgeordneten Dr. Kolischer und Dr. Straucher.— Unterbrechungen. Lärm.) Wenn aber, meine Herren, ... ich bitte um Ruhe, . . . lebhafte Zwischenrufe und Lärm.) Präsident (das Glockenzeichen gebend): Ich bitte um Ruhe! Abgeordneter Dr. Löwen stein (fortfahrend):..... »Hausjude« heißen soll ein Jude, welcher sein Haus liebt, welcher an seinem Heim hängt, dem die Scholle teuer ist, in der der Staub seiner Ahnen ruht, dann wollen wir mit Stolz den Namen eines »Hausjuden« tragen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.« Diese Anzapfungen Löwensteins, die nur vollständig Uneingeweihte blenden konnten, blieben nicht unbeantwortet. In schlagfertiger Weise wies Herr Stand deren innere Hohlheit und Charlatanerie nach. Schade, daß er nicht auch dem Hause ein moralisches Bild des Mannes entwarf, der durch Wahlschwindeleien ins Parlament gelangt, sich anschickt, eine politische Führerrolle zu spielen. Die wichtigste Enunziation in der Rede Stands war: »Die Juden haben eine nationale Eigenart, haben eine glänzende hebräische und Jargonliteratur, haben Dichter, wie Morris Rosenfeld und Schalom Asch, Dichter, welche in der Weltliteratur einen hervorragenden Platz einnehmen. (Zwischenrufe.) Sie haben eine glänzende Literatur. Wir sind aber nicht nur Juden, wir sind auch Demokraten und ich kann die Juden des Polenklubs nicht Demokraten nennen. (Zwischenrufe.) Wir sind Demokraten und können als Demokraten nicht den neuen Block zulassen, der da gegründet wurde. Der Block ist ja ein Beweis von der großen Demokratie jener Herren, wie vieles andere. Wir standen ja auch im Kampfe für das allgemeine Wahlrecht, wir werden zusammen mit den demokratischen Elementen beider Völker, der Polen und Ruthenen, für alles Große und Hohe und Kulturelle zusammengehen. Und wenn uns Herr Dr. Löwen stein sagt, wir und Kultur schließen uns aus, so leugnen wir das. Die besten, die bedeutendsten Juden der Gegenwart, der große Jude, der in Wien lebte, Dr. Theodor H e r z 1, dann Max N o r d a u, Israel Z a n g w i 11 und viele große Künstler und Denker stehen mit uns und arbeiten für die Renaissance des jüdischen Volkes.« (Beifall.) * Den letzten Satz hat die „Neue Freie Presse" verschwiegen. Was würden denn ihre Leser dazu sagen, wenn sie erfahren, daß ihr bester Mitarbeiter, Dr. Nordau, ein Zionist, somit ein „Kulturfeind", ein „Klerikaler" ist? Und gar die Herren Professoren der Prager deutschen Universität! . . . $ Um den Eifer zu erklären, mit dem Dr. Löwenstein den Polenklub und die schneeweiße Keinheit der Wahlen verteidigte, muß auf die Vorgeschichte dieser Kede zurückgegangen werden. Dr. Löwenstein war nämlich sehr verschnupft, weil er vom Klub nicht in die parlamentarische Kommission gewählt wurde. Zudem empfand er die schmähliche Rolle, die er und seine drei Glaubensgenossen in einem Klub spielen, der einen Weiskirchner zum Präsidenten wählt und mit den Antisemiten ein Bündnis schließt. Der Unzufriedenheit darüber hat auch sein Organ „Jednosc* in sehr drastischer Form Ausdruck gegeben. Darin erschien folgender Appell: „Es ist wahr, die Wahl Weiskirchners ist zweifellos die Folge eines Kompromisses, oder richtiger das Resultat des politischen Schachers, durch welchen bei der Verifikation der Reichsratswahl einige sehr fragliche Mandate gesichert werden sollen. Von diesem Gesichtspunkte aus wird jedenfalls der Polenklub durch dieses Kompromiß gewinnen. Er wird 2 bis 3 Mandate retten." Wie man sieht, hat sich plötzlich das Kahalblatt zu Selbständigkeitsalluren aufgerafft. Die Antwort blieb aber von polnischer Seite nicht aus. Das Organ der Zentrum-Fraktion des Polenklubs, „Glos Narodu" in Krakau, antwortete mit einer eiskalten Douche, die gleich die ganze Herrlichkeit des Herrn Löwenstein zn bedrohen schien: „Diese Ausführungen tragen alle Merkmale eines arroganten Ueberfalles und verwerflicher Heuchelei an sich. Vergessen denn die Herren, — ruft „Glos Narodu" aus — daß gerade die Mandate des Löwen stein und des Kolischer am meisten bedroht sind. Beide sind nur mit einer sehr geringen Majorität gewählt worden