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Neue Nationalzeitung · 1907-07-12 · Heft 31 (12.7.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 31 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »Neue National-Zeltung« Nr. 31 Sie haben als Wortführer, als Vertreter des Polenklubs gesprochen und ihren Stolz dreingesetzt, sich dessen Anerkennung zu verschaffen. Jüdische Fragen und jüdische Bedürfnisse haben für sie nicht existiert. Aber ihre Mandate haben sie von den Juden genommen, haben sie den Juden weggenommen. * Und nun kommt Herr Dr. Nathan Löwen stein, Abgeordneter von Drohobycz, und bemüht sich, uns seine Definition des „Hausjuden - zu geben. Er spricht nicht vom Moschko. Dieser Name klingt ihm doch verächtlich. Er, der Elegant mit den vornehmen Allüren, der den breiten Schichten des jüdischen Volkes immer auswich und unter Juden nur dort zu finden war. wo es galt, sich in d en Vordergrund zu stellen, wo man eine schöne Rede halten konnte, ohne „nach oben" anzustoßen, ohne sich zu exponieren oder seine Karriere zu gefährden — ein Moschko? Und er befreundet sich schon eher mit der Bezeichnung: „Hausjude". Es gibt wohl noch eine andere Bezeichnung für Moschko: Leibfaktor oder Makler. Aber auch diese verpönt Dr. Löwenstein. Der „Hausjude" ist ihm sympaüsch; er ist es und er will es gerne bleiben. Die Marke der Verächtlichkeit, das Stigma der Lächerlichkeit, die diesem Worte anhaften, lassen ihn kalt. Nicht die öffentliche Meinung prägt den Sinn der Worte; er legt sich ihn zureeht wie er ihm paßt. Es war wirklich ein ätymologisches Jongleur- Stückchen, das sich Dr. Löwenstein leistete, als er an die schwere Arbeit ging, den Karren des Polenklubs aus dem tiefen Kot zu schleppen. Er war für diese Arbeit gedungen. Die schwersten Gewaltakte waren in Drohobycz begangen, um ihm die Pforten des Polenklubs zu eröffnen. Und nun mußte er dafür den Preis zahlen. Er mußte, ohne zu stocken, die ärgsten Wahlmißbräuche beschönigen, er mußte, mit dem Eifer des Renegaten, seine eigenen Brüder beschimpfen: die Jüdischnationalen, die die Schlachta so sehr haßt und fürchtet, Dr. Löwenstein ist noch weiter gegangen. Er hat das Andenken seines eigenenVaters beschmutzt. Denn die ruthenenfreundliche Politik, die Dr. Löwenstein unter dem Jubel der Polenbank eine Politik des nationalen Hasses nannte, der Separatismus, „der die vorhandenen Gegensätze verbreitet und vertieft", haben den politischen Lebensinhalt des Predigers Dr. Löwenstein in Lemberg ausgemacht. Und dieser Prediger Dr. Löwenstein hat im Jahre 1873 gemeinsam mit Dr. Julius Kolischer, Dr. Josef Kohn u. a. dem Polenklub den Krieg erklärt und Hand in Hand mit den Ruthenen haben sie es bei den Parlamentswahlen versucht, die jüdische Bevölkerung aus den Klauen der Schlachta zu befreien. Dr. Löwenstein selbst ist in Przemysl als jüdisch-ruthenischer Kandidat unterlegen. Aber sein Programm, einer ehrlichen, jüdischen, selbständigen Politik hat Recht behalten. Durch zwei Dezenien schlummerte es auf dem Grunde der Volksseele, und als die nationalen Bestrebungen im Volke erwachten, da war es wieder jene Politik des alten Dr. Löwenstein, die dem jüdischen Volke gebot, sich mit allen Unterdrückten des Landes zu verbinden, mit den unterdrückten Völkern und unterdrückten Klassen, um das Joch einer volksausbeuterisehen Klasse abzuschütteln. Das jüdische Volk hat das Andenken Dr. Löwensteins in Ehren bewahrt. Es wird dieses Andenken gegen seinen Sohn auch zu schützen wissen. Der jüdische Prediger und das jüdische Volk gehören zu einander. Der Salon-Dandy, der dem jüdischen Volke stets fremd geblieben, der des Lebens Ernst in Separes und Chantants sucht, schätzt sich richtig ein, wenn er für sich den Titel „Hausjud" in Anspruch nimmt. Es ist das offene Bekenntnis einer schönen Seele. L. Die Parlamentsdebatte über die galizifdien IDahlmi^bräuche. Die Dringlichkeitsanträge der Mitglieder aller oppositionellen galizischen Parteien über die anläßlich der Wahlen in Galizien begangenen Schwindeleien haben das Parlament und die öffentliche Meinung durch 3 Tage im Atem gehalten. Sowohl die Ruthenen als auch die Sozialdemokraten und die Jüdischnationalen haben durch ihre Redner alle ungesetzlichen Machinationen vor dem Parlament aufgerollt, durch die der Polenklub, in dessen Dienst die Statthalterei und die Bezirkshauptmannschaften samt Polizei und Gendarmerie gestanden sind, in den Besitz ihrer Mandate gelangt sind. Ein üroßes Kontingent unter den Rednern stellten die jüdischen Abgeordneten. Sie waren auch die besten Redner. Es sprachen von den Sozialdemokraten Dr. Liebermann und Dr. Diamand; von den Jüdischnationalen Adolf S t a n d; überdies der „unabhängige Jude" Dr. Adolf Groß. Auch ein Hausjude sprach, und er legte das seltsame Bekenntnis ab, nunmehr diesen Titel als — Ehrentitel führen zu wollen. Es war dies der Schwiegersohn des Herrn Samuel von H o r ow'i t z, Dr. Nathan L ö w e n s t e i n. Er hat also auch die Ehre, einer Hausjuden-Familie anzugehören. Die Rede Adolf Stands war gut; sie war auch interessant. Aber es fehlte ihr die Wärme. Sie hat weder begeistert noch fortgerissen. Herr Stand spricht zu vornehm. Wenn er im Parlamente oratorische Erfolge erzielen, wenn er auch politisch was erreichen will, dan% muß er schärfere Akzente finden. Mögen die Herren Löwenstein, Kolischer und andere, wenn sie als Verteidiger des Polenklubs auftreten, mit schönen Phrasen und einstudierten Gesten glänzen, die Vertreter des jüdischen Volkes haben nichts zu verheimlichen, nichts zu vertuschen, nichts zu beschönigen; sie haben vielmehr die ganze wirtschaftliche Notlage, die politische Ausnahmsstellung des jüdischen Volkes in Oesterreich von der parlamentarischen Tribüne in die Welt hinauszuschr eien. * * Die Reden der einzelnen Abgeordneten sind aus der Tagespresse bekannt. Uns erübrigt blos, bei denselben das Indivuelle, das spezifisch Jüdische hier hervorzuheben und zwar bei denjenigen zwei Abgeordneten, die heute die heftigsten Gegensätze innerhalb der galizischen Jndenschaft repräsentieren: Stand und Löwen stein. Abgeordneter Stand schloß seine Rede mit den Worten: »Das wird aber nicht mehr weiter so gehen. Der Jude ist auferstanden und er verlangt nichts Ungesetzliches, er will nicht das Land revolutionieren. Er verlangt die Gleichberechtigung, er verlangt, als Mensch mit Menschenwürde behandelt zu werden, wie es die Verfassung, die vor vier Jahrzehnten gegeben wurde, ihm voll zuerkannt hat. (Beifall.) Und neben dem Adel und neben der Bureaukratie sind es die Hausjuden, die Propinatoren, die jüdischen Bürgermeister und die jüdischen Kultuspräsidenten, die die Todfeinde des jüdischen Volkes sind. (Beifall.) Diese gehen zusammen und unterstützen das alte System. Ein geistreicher Kaufmann, der in Amerika war, hat einmal gesagt: Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich behaupte von Galizien, daß es das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten ist (Lebhafte Zustimmung.) Und wenn wir euch mit einigen Worten sagen sollen, wozu wir hergekommen sind, so sage ich: Nicht um Unfrieden zu säen, nicht um das Land zu beleidigen und zu beschmutzen, sondern wir sind hergekommen, um Galizien in Europa zu verwandeln (Zustimmung) und eine moderne Wirtschaft dorthin zu bringen, um zu ermöglichen, daß das jüdische Volk mit dem polnischen und ruthenischen Volke zusammengehen kann und mit ihnen zusammen für die materielle und kulturelle Hebung des Landes arbeiten kann. Wir begehen in diesem Jahre eine große Feier: 40 Jähre sind es her, seitdem Oesterreich die Verfassung bekommen hat.

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