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Neue Nationalzeitung · 1907-07-05 · Heft 30 (5.7.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 30 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 30 itiie Wational-Zeitung« Seite 11 {SAMUEL MEISELS: Der Gesang des bösen Geistes. (Nach dem Hel)riiischen des M. M. Uaarueh.) Weit hinter der Stadt, auf einem kleinen einsamen Hügel, stand das Häuschen meiner Großmutter. Ein stilles Friedenshäuschen, in duftendem Grün gebettet, blickte es halb träumerisch, halb andächtig hinab auf die an beiden Seiten mit hohen und breitblätterigen Pappeln bepflanzte Landstraße. Vor dem Hause erhob sich eine durch der Jahre Last gebeugte Eiche, deren blätterarme Zweige schlaff herabhingen. Unter diesem alten Eichenbaum pflegte meine Großmutter oft an warmen Sommerabenden auszuruhen. Da konnte sie stundenlang dasitzen und sich stillvergnügt in die vergangenen schönen Zeiten hinüberträumen. Es war ein milder heiterer Sommerabend. Großmutter saß auf ihrem Lieblingsplätzchen. Durch die spärlichen, leise bewegten Blätter drangen weißliche Mondesstrahlen auf das liebliche alte Gesicht, das wie im Halbschlummer ins Unbestimmte starrte. Ich lag auf dem grünen Rasen ihr zu Füßen und schaute zu der blauen Himmelswölbung mit ihren unzähligen glitzernden Sternlein empor. Dieser Anblick wirkte mächtig auf meine kindliche Einbildungskraft, Traumbilder umschwebten mich und nahmen greifbare Gestalten an. Auch die ersten Fragen, die Vorboten des Zweifels, begannen sich in meinem Innern zu regen. Plötzlich wandte ich mich an meine Großmutter mit der Frage : „Großmütterchen, gibt's den heute auch jene „bösen Geister", die hinter Bäumen versteckt den schönen Bräuten auflauern und vor denen jede Braut sich an ihrem Hochzeitstage in acht nehmen muß?'' Die Großmutter blickte mich verwundert an, allein sie gab keine Antwort. „Sag mirs doch, Großmütterchen, ich möchte es gerne wissen." „Von wem hörtest du das?" fragte die Großmutter. „Im Cheder erzählten es die Jungen." „Du bist noch jung, mein Kind, sagte sie in gutmütigem Tone. Solche Sachen sind nicht für dich. Wer viel weiß, altert vor der Zeit." Ich ließ micli jedoch durch diesen Weisheitsspruch nicht einschüchtern, und mit der einem Kinde eigenen Zudringlichkeit forderte ich energisch eine Aufklärung über meine Frage. Sie sann einige Augenblicke nach. Ihre Stirne zog sich in Falten. Eine halbverschollene Jugenderinnerung schien in ihr wieder aufzuleben. „Nun denn," sagte sie mit sanfter ernster Stimme, „ich will dir die Geschichte von der schönen Tochter eines Schneiders erzählen." Ich rückte meiner Großmutter näher und lauschte gespannt. Sie begann: „Zur Zeit, als die Geschichte, von der ich dir erzählen will, sich ereignete, mochte ich ungefähr sechzehn Jahre gezählt haben. Eine große Spanne Zeit verstrich seit diesem sonderbaren Ereignis, und doch ist mir's, als sei es erst heute geschehen. In unserer Stadt wohnte damals der „Zadik" Rebbe Schmul, sein Andenken sei gesegnet; er war aus dem Dorfe Kursin, und deshalb nannte man ihn auch „Reb Schmul Kursiner". Ja, mein Kind, alles hängt vom Geschick ab. Auch Städte und Dörfer haben ihr Schicksal. Es gibt Städte, die fast ausschließlich von Juden bewohnt sind, und nicht einmal ein „kleiner Zadik" erblickt in ihnen das Licht der Welt. Dagegen wird in manchem Dorfer das kein Minjan Juden besitzt, ein großer Zadik geboren, der mit seinem göttlichen Licht die ganze Weit erleuchtet. .. Rebbe Schmul hatte viele Chassidim. Aus der ganzen Umgegend, auch aus fernen Städten strömten sie in Scharen herbei, um.seinen Segen zu empfangen, sein heiliges Wort zu vernehmen und seine Wunder zu sehen. An Fest- und Feiertagen wimmelte es in unserer Stadt von fremden Gästen. Da sah man keine kurzen Röcke und keine langen Beinkleider, dafür aber lange „Pejes" und noch längere Bärte. Und wie wurden die Festtage gefeiert f Mit Tanz und mit Gesang, mit Lust und mit Freude ... Es war eine glückliche schöne Zeit!" Die Großmutter hielt inne. Die Erinnerung an die schöne frohe Zeit ihrer Jugend löste bei ihr öfter eine von Freude und Trauer gemischte Stimmung aus. „Auch einen Schneider hatten wir damals in unserer Stadt, Baruch Leib hieß er. Du mußt nicht denken, daß er ein gewöhnlicher Schneider war wie alle die anderen ungeschlachten Schneider, die bloß Nadelstiche und abscheuliche Witze zu machen verstehen. Baruch Leib war ein Schneider von ganz besonderer Art, ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann und einer der eifrigsten Anhänger des Rebbe Schmul. Freilich schrie er nicht beim Beten gleich den anderen Chassidimr und doch war er ein echter Chassid und war beim Zadik gut angeschrieben. Ein Aussehen hatte er wie ein Rabbi. Am Schabbes hättest du ihn sehen sollen. Da hatte er einen Kaftan an von feinster Seide, einen breiten seidenen Gürtel, einen Obermantel aus glänzendem Atlas, dazu die schneeweißen Strümpfe und die gewichsten Sandalen, und auf dem Kopfe die vielschwänzige Zobelmütze — ich sage dir, das war eine Gestalt, eine Erscheinung! Er ging gewöhnlich ge-. messenen Schrittes, in Gedanken versunken, wobei er nach Art der Zadikim seinen langen grauen Bart unablässig glättete. Er war auch ein berühmter Schneider, selbst die Schlachzizen aus der Umgebung pflegten sich bei ihm ihre kostbaren Gewänder nähen lassen. Die Schlachzizen kamen öfter in sein Haus, unterhielten sich stundenlang mit ihm und sie sollen nicht einmal öffentlich geäußert haben, daß ihnen das Verweilen im. Hause Baruch Leibs großes Vergnügen bereite. Dieser Baruch Leib hatte eine Tochter, ein bildhübsches Mädchen, ein Edelfräulein, ein wahres Fürstenkind. Wer sie sah, stand wie geblendet von dieser holden Erscheinung. Selbst die Schlachzizen rühmten die Schönheit dieses jüdischen Kindes. Augen hatte sie so blau wie der Himmel, und ihr lockiges Haar glänzte wie Gold. Ihr ganzes Wesen war Schönheit und Anmut. Und ein großes Glück sollte ihr beschieden sein; sie sollte die Schwiegertochter des Zadiks Reb Schmul werden. Der Zadik selbst hatte es so bestimmt. Rebbe Schmul hatte einen Sohn, der von Natur ausmit keinen besonderen Reizen ausgestattet war. Eine kleine verwachsene Gestalt mit bleichem Antlitz und matten glanzlosen Augen. Aber was will das heißen?' Bedenke, der Sohn des Zadiks! Das ist keine Kleinigkeit. . . Der Zadik verschwägert sich mit Baruch Leiby dem Schneider. Mag sein Baruch Leib, aber immerhin ein Schneider! . . . Als Baruch Leib von diesem ihm bevorstehenden Glück aus dem heiligen Munde des Rebbe selbst erfahr, fiel er ihm um den Hals, küßte ihn und weinte Tränen der Freude. Bald darauf wurde die Verlobung gefeiert. Die angesehensten Bürger der Stadt nahmen an der Freudentafel teil.

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