Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 30 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 »Neue Nattonal-Zeitung« Nr. 30 Baruch Leib und seine Tochter wurden in der Stadt allenthalben beneidet. * * * Der Hochzeitstag nahte heran. In der ganzen .Stadt herrschte ein Treiben und Getue, wie wenn alle Väter am heutigen Tage ihre Töchter unter die Haube brächten. Aus nah und fern strömten die Anhänger des Zadiks herbei, um die Freude dieses Familienfestes mitzugenießen. Das Haus Baruch Leibs erstrahlte heute in siebenfachem Glänze. In einem zum Tanzsaal umgewandelten Zimmer spielten die Musikanten, junge Mädchen tanzten, hüpften, drehten sich im Kreise, und die alten Mütter begleiteten Musik und Tanz mit taktmäßigem Springen und Händeklatschen. Nach altem Brauch tanzte die Braut zuerst mit den jungen Freundinnen, dann mit den älteren Frauen. Und wie schön war diese Braut! Eine strahlende himmlische Schönheit, an der man sich nicht sattsehen konnte .... Baruch Leibs Herz überströmte von Gefühlen der Freude und Glückseligkeit, als er den heiligen Bebbe mit seiner großen Anhängerschar die Schwelle seines Hauses betreten sah. Allein, mein Kind, es gibt einen „bösen Blick". Glaube daran, ich weiß es aus Erfahrung... Ja, der „böse Blick", der Blick des Mißgönners, des Neiders, bringt Gefahr ins Haus. Ein solcher böser Blick mußte damals im Hause Baruch Leibs das Unheil heraufbeschworen haben. Es war ein heißer Sommertag. Im Zimmer herrschte eine drückende Schwülle. Die jungen Mädchen kümmerten sich wenig darum; sie tanzten vergnügt um die Wette. Die älteren Frauen waren gerade damit beschäftigt, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um der Braut, bevor sie zur Chuppe geführt wird, nach altjüdischem Brauch das Kopfhaar zu schneiden. In einem unbewachten Augenblick verließ die Braut das Zimmer und suchte Kühlung im Freien." Die Großmutter holte tief Atem. Dann fuhr sie in feierlichem Tone fort. „Was ich dir jetzt erzähle, mein Kind, das habe ich aus dem heiligen Munde des Rebbe vernommen. Nichts in der großen weiten Welt blieb ihm, sein Andenken sei gesegnet, verborgen. Kein Mensch weiß es, auf welche Weise er von dem ganzen Hergang dieses sonderbaren Ereignisses Kunde erhielt. Und doch wußte er gleich einem Augenzeugen über alle Einzelheiten des Vorfalls genau Bericht zu erstatten. Also höre! Als unsere Braut kurze Zeit im Freien spazierte, hörte sie plötzlich einen wunderbaren Gesang. Die Stimme klang so weich und schmelzend, so melodisch und süß; sie drang ins tiefste Innere, ergoß sich wie erquickender Balsam in die Seele und entzündete Flammen im Herzen .. . Immer mächtiger erscholl der Gesang, immer klangvoller dehnte sich die Stimme ., . Von unter der kleinen Brücke tönte es hervor .. . Wie mit Zauberstricken zog es die Braut nach jener Stelle ... Sie zitterte am ganzen Leibe. Sie konnte der Macht des Gesanges nicht widerstehen. Sie folgte . . . immer dem Gesänge nach .. . immer nach ... „Rahel! Rahel!" rief es hinter ihr. Die Eltern riefen, die Tanten, die Freundinnen. Allein vergebens. Sie hörte' nicht ihren liebevollen Ruf und entfernte sich immer weiter. Und der Gesang hörte nicht auf . .. immer stärker wnrde die Stimme, immer klangreicher, und alles schien mitzusingen, der Himmel und die Sterne und die Bäume im gräflichen Garten und die duftenden Blumen und das Wasser, das unter der Brücke rauschte ... Sie fühlte, daß in ihrem Herzen ein Feuer aufloderte, daß in ihren Augen Flammen zuckten ... Ihre Sinne schwanden ... Gar mächtig war der Zauber des Gesanges... sie konnte der Macht des Gesanges nicht widerstehen . . . sie folgte immer weiter . .. immer weiter, bis sie an der Brücke angelangt war. „Rahel! Rahel!" schrieen verzweifelt die Eitern. „Rahel!" schrieen die Freundinnen. Aber Rahel hörte nur den einen lieblichen bezaubernden Gesang. An der Brücke tauchte vor ihren Blicken eine herrliche Mannesgestalt auf. Es war der Sänger. Rahei erbebte, denn wie aus dem Innern der Erde kam er hervor . . . Und schön war er, schlank wie ein Baum, sein Haupt umwallten blonde Locken, und aus seinem Gesichte blickte sie ein blaues Augenpaar voll Liebe und Zärtlichkeit an. Und gekleidet war er wie ein echter Schlachziz ... Bezaubernd wie sein Gesang war seine Erscheinung. Rahel ahnte nicht, daß sie es mit dem „Bösen" zu tun habe. Er winkte ihr, sie folgte .. . Plötzlich schwang er sich über das Geländer der Brücke und stürzte sich in die Fluten. Sein Haupt tauchte aus dem Wasser empor ... Er sang und winkte .. . Und die Macht der Hölle ist groß ... Sie verlor die Fassung und warf sich in die Fluten .... Einen Augenblick verstummte der Gesang; auch der Sänger verschwand .... Rahei kam wieder zur Besinnung. Sie gedachte der Eltern, der Verwandten, des Bräutigams, und wollte umkehren. Allein sie steckte tief im Wasser ... Sie rief um Hilfe, um Rettung. Da zeigte sich wieder die herrliche Gestalt und aufs neue erscholl der bezaubernde Gesang . . . Die Wasser rauschten . . . Die Wellen ergriffen Rahel und trugen sie weit, weit mit sich fort..." Die Großmutter hatte geendigt. Am Himmel flimmerten die Sterne. Die alte Eiche bewegte leise ihre blätterarmen Zweige. Und ich sann lange, lange nach .... eingesendet. Grosse jüdische Gesellschafftsreise nach Palästina, Syrien, Aegypten, Griechenland und Konstantinopel Im Herbste 1. J. veranstaltet das Reisebureau „Tabor" A. Grajevsky & Co., Jerusalem, eine große Gesellschaftsreise nach dein Orient mit streng ritueller Verpflegung. Die Reise nimmt ab Wien und Budapest am 15. Oktober ihren Anfang und dauert 28 Tage, von welchen 2 Tage in Konstantinopel, 1 Tag in Smyrna und Rhodos, 15 Tage in Syrien und Palästina, 2 Tage in Aegypten und 1 Tag in Piräus (Athen) zugebracht werden. 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