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Neue Nationalzeitung · 1907-07-05 · Heft 30 (5.7.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 30 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 30 »Neue National-Zeitung« Seite 9 G5MSiNb5=UNt> VGREkNSNÄlftRiCWW Wien. Der »Theologischer Verein der Hörer an der isr. theol. Lehranstalt in Wien« bittet, alle Zuschriften und Sendungen während der Sommermonate an den Ferialleiter Herrn Josef L ö \v y, I., Schönlaterngasse 6, zu richten. $U$ ftlLEN VElMEiLEN Dr. Emanuel Mendel, der berühmte Nervenarzt und Psychiater, Geheimer Medizinalrat und Professor an der Berliner Universität ist vor einigen Tagen, 68 Jahre alt, gestorben. Für das Spezialfach, das er seit nahezu einem halben Jahrhundert vertrat, bedeutet sein Hinscheiden einen schweren Verlust. Die Lehre von den Geisteskranken ist von ihm nach verschiedenen Richtungen hin gefördert und ausgebaut worden und einzelne seiner Schriften, so über die progressive Paralyse der Irren, über die Manie, über die gesetzliche Stellung der Geisteskranken, erfeuen sich einer geradezu klassischen Berühmtheit in der Fachliteratur. Das wichtige Gebiet der Nervenkrankheiten verdankt Mendel wertvolle Beiträge. Auch an jüdischen Angelegenheiten hat der Verstorbene sich lebhaft beteiligt; so gehörte er dem Ausschuß des »Zentralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens« und dem Zentralkomitee des »Hilfsvereins der Deutschen Juden« an. Moses Mirsky, der dreizehnjährige phänomenale Sänger aus Rußland, wurde überall, auch in Wien, bewundert und gefeiert. In Ungarn, im »liberalen« Ungarn läßt man ihn gar nicht auftreten. Der Stadthauptmann von Arad hat dieses Verbot damit begründet, daß Mirsky ein — Ausländer sei. Wie wäre es, wenn man in den anderen Staaten auch den Ungarn mit gleicher Münze heimzahlen würde. Und Ungarn exportiert ja en gros die — Zigeuner. 267 Taufen wurden im Jahre 1906 in Budapest beim Rabbinat angemeldet, 77 mehr als im Vorjahre. Groß ist wohl auch die Zahl der Getauften, die auf die Verabschiedung beim Rabbiner verzichteten. In -31 Fällen ist keine Beschnei dung vorgenommen worden, obwohl die Knaben in der Rabbinatsmatrikel eingetragen wurden. Da die jüdische Eintragung nicht mehr obligatorisch ist, dürfte auch noch eine große Anzahl von Fällen vorgekommen sein, von denen das Rabbinat keine Kenntnis hat. Ein Schekel von Simon Bar-Kochba befindet sich nach dem letzten Jahresberichte des British Museum in dessen wertvoller Münzensammlung. Die Vorderseite zeigt den Tempel von Jerusalem als eine Säulenhalle mit 4 Pfeilern; darüber ein Stern, das Symbol Bar-Kochbas. Auf der Reversseite befinden sich ein Ethrog und ein Lulaw. Dasselbe Museum besitzt eine sehr schöne Sammlung hebräischer Handschriften. Man findet dort 183 hebräische Titel; darunter 67 Handschriften. 3 hebräische Manuskripte kamen neu hinzu. Zu den als besonders wichtig bezeichneten Akquisitionen gehören folgende zwei Handschriften: 1. Sefer Hazikkuk, ein Index Expugatorius hebräischer Bücher, zusammengestellt von dem Zensor Domenico Irosolomitano im J. 1596, und später vermehrt. 17. Jahrh. 8°. — 2. Eine hebräische Uebersetzung des Koran aus dem Lateinischen oder Italienischen, gedruckt zu Venedig im J. 1547; 16. oder 17. Jahrh. 4°. - Die jüdische Einwanderung nach Amerika betrug im letzten Jahre 153.748 Personen, d. i. gegen das Vorjahr (129.910) eine Zunahme von 23.838. Im Verhältnis zur Gesamteinwanderung, welche sich in diesem Jahre auf 1,100.735 beziffert, gegen 1,026.499 im Vorjahre, ist die jüdische Einwanderung von 126 Proz.(1904/5) auf 1897 Proz. gestiegen. Unter den eingewanderten Rassen nehmen die Juden wie im Vorjahre den zweiten Platz ein. Nur die Süditaliener sind in größerer Zahl (240.528) eingewandert. Von den jüdischen Einwanderern kamen aus Rußland 125.234, Oesterreich-Ungarn 14.884, England 6113, Rumänien 3872, Deutschland 979, aus anderen Ländern 2666. Von den ankommenden Einwanderern mußten 9300 nach der Landung in Krankenhäusern verpflegt werden (0'84 Proz.), darunter 2495 Juden (1*62 Proz.). Die jüdische Einwanderung im Kalenderjahre 1906 war eine bedeutend größere als im Fiskaljahr 1905/6. Nach den Mitteilungen der United Hebrew Charities sind im Kalenderjahr 1906 über den Hafen New-York allein 156.964 Juden eingewandert. Da über den Hafen New-York vier Fünftel der gesamten Einwanderung geht, so dürfte sich die jüdische Einwanderung nach Amerika vom 1. Januar 1906 bis 31. Dezember 1906 auf 200.000 Personen belaufen. Preußische Kultur. Ein jüdischer Kaufmann aus Kaiisch war vor mehreren Jahren nach Breslau gekommen und hatte seinen Aufenthalt lange Zeit hier genommen und sich auch hier verheiratet, war aber im Jahre 1902 als »lästiger Ausländer« ausgewiesen worden. Da die Eltern seiner Frau aber in Breslau wohnten, war diese vor kurzem mit ihrem Söhnchen auf Besuch hierher gekommen und hatte sich eine Zeitlang bei ihren Eltern aufgehalten. Inzwischen war das Kind schwer erkrankt und schließlich auch gestorben. Als der Vater die Nachricht vom Tode des Knaben erhielt, kam er am 17. Mai hierher gefahren, um an der Beerdigung seines Kindes teilnehmen zu können. Die Gebräuche seiner Religion hatten ihn aber genötigt, seinen Aufenthalt etwas länger ausdehnen zu müssen, als es Unkundigen für nötig erscheint. Er wollte noch die Trauerwoche hier verbringen, um seine religiösen Pflichten (Schiwoh sitzen) zu erfüllen. Durch eine Denunziation hatte die Behörde von seiner Anwesenheit Kenntnis erlangt, er wurde in Haft genommen und unter Anklage gestellt. Am Montag, den 3. Juni, hatte er sich wegen Uebertretung des § 361 des Strafgesetzbuches (Nichtbeachtungeines Ausweisungsbefehls) vordem Schöffengericht zu verantworten, und er wurde, weil seine Verfehlung als milde angesehen werden konnte, zu fünf Tagen Haft verurteilt, die durch die erlittene achttägige Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurde. Und dafür 8 Tage Untersuchungshaft, während selbst die »Strafe« nur 5 Tage Haft festsetzte! Deutschland, Deutschland, über Alles! . . . Eine Klage gegen die Erben der Baronin Hirsch. Eine eigenartige Klage des Privatiers Grafen Pompeo C o r o n i n i gegen den Erben der Baronin Klara H i r s c'h - Gereuth, Herrn Raphael Bischoffsheim, lag dem Oberlandesgerichte in Wien vor. Der Kläger bezog von Baron Hirsch eine jährliche Rente von 4000 Kronen, die ihm auch nach dem Tode des Barons von der Baronin Hirsch gewährt wurde. Nun hatte die am 1. April 1899 verstorbene Baronin in einem zwei Monate nach ihrem Testamente errichteten Kodizile dem Grafen Coronini ein Legat von 100.000 Francs vermacht, das dieErben der Baronin auch ausbezahlten. Vor einigen Monaten begehrte Graf Coroninr beim Landesgerichte in einer Zivilklage die Feststellung, daß Herr Raphael Bischoffsheim als Erbe der Baronin Hirsch verpflichtet sei, ihm eine lebenslängliche jährliche Rente von 4000 Kronen zu entrichten, und ihm die seit dem Tode der Baronin fälligen Renten im Gesamtbetrage von 27.000 Kronen zu bezahlen. Der Geklagte wendete ein, daß der Kläger in einer von der Baronin angefertigten Liste von Personen, die eine jährliche Rente erhalten solle, nicht angeführt erscheine, daß er ja ohnehin von der Baronin in liberalster Weise mit einem Legat von 100.000 Francs bedacht worden sei, und daß die Rente von 4000 Kronen, die er vom Baron Hirsch und nach dessen Tode von der Baronin erhalten habe, nicht den Charakter einer Unterstützung getragen habe. Das Landesgericht wies die Klage des Grafen ab, von der Anschauung ausgehend, daß die Baronin Hirsch in der vom Kläger angeführten testamentarischen Bestimmung keine positive kategorische Verfügung getroffen, sondern, wie der Ausdruck „ich empfehle" besage, nur einen rechtsverbindlichen Wunsch geäußert habe. Das Oberlandesgericht hat dieses UrteH bestätigt. »Palästina in London« war der Titel der Ausstellung, welche jüngst in der Agricultural Hall durch den Bischof von London eröffnet wurde. Es handelt sich hierbei um eine realistische Darstellung Jerusalems und Palästinas zur Zeit Christi. Die Ausstellung zeigt nicht nur die denkwürdigsten Gebäude, den Tempel, den römischen Gerichtshof, den Hof und Palast von Pontius Pilatus und vieles andere, sondern auch Szenen aus dem Leben des Volks der damaligen Zeit. Der Realismus geht so weit, daß mit zwei aus Palästina eingeführten Ochsen ein primitiver Pflug, wie er damals im Gebrauch war, von einer Frau geführt wird. Die Ausstellung ist von dem Reverend Samuel Shore veranstaltet worden, der, selbst ein Jude, nunmehr der anglikanischen Kirche angehört und an der Spitze der »Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden« steht. Die Gleichberechtigung der Juden in Finnland. Der Bevollmächtigte des »Verbandes der jüdischen Gleichberechtigung«, Jakubson, ward neulich telegraphisch nach Helsingfors berufen, um an den Verhandlungen der finnländisehen Landtagsabgeordneten über die f innländische Judenfrage teilzunehmen. Jakubson hat nunmehr den Komiteepräsidenten des Verbandes, Zoll, benachrichtigt, daß die Gesetzesvorlage, welche den finnländischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt, dieser Tage dem Landtage zugehen wird. Die schwedische Partei und die Sozialdemokraten, welche über 104 Stimmen verfügen, werden für die volle Gleichberechtigung stimmen. Der Landtag hat 200 Mitglieder, so daß der Vorlage die Majorität gesichert ist.

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