Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 30 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 ^Neue Nat!onal-Ze!tiingr< Nr. 30 standnis arbeitet. Der Redner beleuchtet dann seine Stellung zu den Poale-Zionisten und bedauert es, daß mau hiebt rechtzeitig durch Propaganda für die genossenschaftlich - sozialistischen Grundsätze im Sinne Fr. Oppenheim ers, bessere Beziehungen zwischen Bürgerlichen und Proletariern angebahnt hat. Wie die Verhältnisse aber jetzt liegen, wäre es ein Fehler, die Autonomie der Poale-Zionisten beschränken zu wollen Und aueb nur den Versuch zu machen, die Poale-Zionisten in die bürgerlich-zionistischen Organisationen einzuzwängen. Nicht nur eine moderne neue Organisation, sondern auch ein moderner Geist sei dringend notwendig. Von den folgenden Rednern wurde fast einstimmig die Wiederherstellung des eliminierten § 2 in das Organisationsstatut gefordert. Der Inhalt dieses Paragraphen ist in der Einteilung bereits angegeben. Hierüber entstand eine sehr langwierige Debatte, in der Dr. Emil Margulies als Generalredner gegen die Wiederherstellung des § 2, Ingenieur Fried für die Einfügung desselben in den Organisationsentwurf eintraten: derselbe wurde auch mit Majorität angenommen. Hierauf wurde das neue Landeskomitee gewählt. Hiemit war der erste Beratungstag zu Ende. Am zweiten Tage würde die Erledigung der Tagesordnung fortgesetzt. Ueber Vorschlag aus dem Plenum Wurde die Debatte „Stellungnahme zum Kongreß", „Palästinaarbeit" und „Nationalfbnd" zusammen abgewickelt. Es gelangt zur Annahme nachstehender Antrag: »Der Parteitag spricht dem Initiator und Leiter der Palästinaarbeit (Prof. War bürg) sein volles, unerschütterliches Vertrauen aus und ist überzeugt, daß die von ihm inangurierten Aktionen stets vom Geiste des politischen Zionismus erfüllt und geleitet sein werden.« Hiemit war die Tagesordnung des Parteitages erschöpft. Der Vorsitzende Dr. Salz dankte den anwesenden Delegierten für die geleistete Arbeit und erklärte den V. Parteitag für geschlossen. Dr. K. Hofratstaufen.*) Gestatten Sie einem Manne, der durch seine Stellung und seine Beziehungen viel zu beobachten in der Lage war, zu dem hochinteressanten Kapitel „Wie wird ein Jude Hofrat?" noch einiges beizutragen. Mir sind nebst Camillo Kuranda auch noch andere jüdische Ministerialräte bekannt, so z. B. Hofrat Ritter von Weil (im Ministerium des Aeußern), der Großvater des jetzigen getauften Hofrates gleichen Namens in demselben 'Ministerium, ferner der vor wenigen Jahren verstorbene Hofrat Ritter von Grüne bäum im Eisenbahn-Ministerium, schließlich der Triangulierungs-Direktor Hofrat Abraham Broch, endlich der Dichter Ludwig v. Döczi, der als H o f r a t noch Jude war. Es gibt aber auch einen jüdischen Sektionschef oder es gab wenigstens einen jüdischen Sektionschef, denn inzwischen ließ er sich taufen: Dr. Paul Schulz, Sektionschef des Obersten Rechnungshofes. Sie können aus dem Datum seiner Ernennung (April 1905) und dem Datum seiner im Austrittsbuch der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde enthaltenen Taufe (August 1905) ersehen, daß er sich erst nach seiner Ernennung zum Sektionschet taufen ließ. Warum? Weil er sonst nicht Geheimer Rat wird. Wenn ein verhungernderjüdischerRechtspraktikant, um Auskultant zu werden und seine Familie zu ernähren, sich taufen läßt, so kann man es zwar nicht billigen, aber verstehen. Was soll man aber dazu sagen, wenn ein Jude, dem das Glück zuteil wird, mit 45 Jahren Sektionschef (Feldmarschall - Leutnantsrang) zü werden, den Leopoldsorden zu erhalten, sich dann wegen eines nichtssagenden Titels taufen läßt? Wie soll man das nennen? . . . Ueberhaupt soll man mit der Anerkennung des beibehaltenen Judentums recht vorsichtig sein. Es ge-, schiebt gewöhnlich nur so lange* als es nicht direkt hinderlich ist: siehe Professor Dr. Tezner, der auch wirklich zum Hofrat ernannt wurde. Einer der originellsten — um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen — Taufjuden war wohl der Sektionschef und Geheimrat Dr. Sieg hart, jetzt die rechte Hand des frommkatholischen Ministerpräsidenten. Er ließ sich als Sektionsrat taufen und hat nach der Taufe gegen eine Kultussteuererhöhung remonstriert. Sieghart, ehemals Singer, ist ein Rabbinerssohn aus Schlesien; er wäre nicht der erste Rabbinerssohn, der sich taufen ließ oder seine Kinder dem Christentum zuführte. Letzteres hat ja bekanntlich auch Prof. Dr. Georg J e 11 i n e k in Heidelberg getan. ... X. X. *) Von hervorragender Seite. Anm. d. ReJ. DAS PARLAMENT. Der jüdische Klub und Prof. Starzynski. Wir haben in der vorigen Nummer berichtet,1 daß die Wahl des Schützlings des Rabbi von Beiz auch seitens des jüdischen Klubs bekämpft wurde. Der Parlamentsberichterstatter des „S1 o w o P o 1 s k i e" beeilte sich jedoch, seinem Blatte telegraphisch zu berichten, daß der jüdische Klub f Li r Starzynski gestimmt hat. Auf diese Nachricht könnte man das bekannte Bismarck-Wort anwenden: „Gelogen wie telegraphiert." Der jüdische Klub hat lediglich für den Abgeordneten Pernerstorfer gestimmt. Er war, eventuell bereit für einen Polen zu stimmen, keineswegs aber für einen Abgeordneten, der seine Wahl lediglich Schwindeleien und Gewaltakten zu verdanken hat Wie sich Professor Starzynski entschuldigt! Die Entrüstung, mit der die galizische Opposition, ohne Unterschied der Parteirichtung, die Wahl Star zynskis zum Vizepräsidenten aufgenommeu hat, veranlaßte diesen Herrn, gegenüber dem Redakteur einer polnischen Zeitungskorrespondenz eine de- und wehmütige Erklärung abzugeben. Er weinte Krokodilstränen darüber, daß ihn die Ruthenen verfolgen, wiewohl er ihnen nichts Böses getan habe. Sein Mandat sei doch kein rutheniscb.es, und er selbst hege gegen die Rutlienen gar keine Feindseligkeit. Daß aber, der Herr Professor sein Mandat den Juden gestohlen hat, scheint ihm nicht verwerflich. Den Juden gegenüber hält er sich zu keiner Aufklärung für verpflichtet. Jüdische Wähler darf man beschwindeln und vergewaltigen. Das ist keine Tarnopoler Moral mehr; das ist die Moral von — Beiz. Bas Bündnis des Polcnklubs mit den Christlichsozialen. Es wird also immer offenbarer, daß die Unterstützung der Christlichsozialen bei der Wahl des Präsidenten von den Polen als Preis dafür geleistet wurde, daß die Mandate des Polenklubs verifiziert werden. Die Wahl Weiskirchners zum Präsidenten war eigentlich erst eine Abschlagszahlung, die weiteren Dienste werden noch folgen. Abgeordneter Herold, der Führer der Jungczeclien, sagte einmal, daß sich der Polenklub selbst mit dem Teufel verbinde, wenn für ihn ein Profit.