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Neue Nationalzeitung · 1907-07-05 · Heft 30 (5.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 30 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue National-Zeitung« Nr. 30 „Zangwill würde die Rechte und Freiheiten des Volkes nie beeinträchtigen." Aber, wer hat denn je das Gegenteil behauptet? Gewiß wird er das nicht tun! Soll aber etwa dadurch der Beweis geliefert werden, daß wir keinen Kongreß nötig haben? Mit gleichem Rechte könnten dann z. B. die Deutschen sagen: „Unser Kaiser wird zweifelsohne die Rechte des Volkes respektieren: wozu brauchen wir einen Reichstag?" Muß man denn einen Reichstag, einen Kongreß als ein Mißtrauensvotum der Leitung gegenüber auflassen? Vielleicht hatte aber mein sehr geehrter Opponent etwas Anderes im Sinne, als er die oben angeführten Worte schrieb? Ich bin fast überzeugt, daß es dem so ist. Er wollte offenbar damit sagen: „Zangwill wird uns den KoDgreß nicht vorenthalten, sobald wir das rIto"-Land kriegen." 0, da bin ich ganz der gleichen Ansicht! Noch mehr: das ist eben „der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht", auf dem ich im Geheimen die Basis für meine Verständigung mit Herrn Veit konstruiert habe. Es ist nämlich im Leben gar nicht „so häßlich eingerichtet," wie manche überkluge Dichter uns weismachen. Bei einem bißchen guten Willens beiderseits kann man sich im Grunde genommen immer ganz a usgezeichnet verständigen. In der Tat, Herr Veit ist augenscheinlich nicht prinzipiell gegen einen Kongreß, er ist nur, soviel ich merke, gegen einen Kongreß „jetzt". Ich konstatiere nun, daß mich Herr Veit leider mißverstanden hat Was heißt Jetzt"? Bedeutet es etwa zehn Tage oder, drei Wochen oder einen Monat? Durchaus nicht. Wir wissen ja alle, daß ein Kongreß nicht von heute auf morgen einberufen werden kann. Auch mein geschätzter Gegner weiß es: nennt er doch den Kongreß einen „gewaltigen Kraftaufwand." Die Arbeiten für die russische Jlto"-Konferenz wurden zwei Monate vor dem festgesetzten Termin aufgenommen. Und doch: als die Konferenz verschoben werden mußte, entrang sich den Einberufern ein Seufzer der Erleichterung, da diese zwei Monate sich als eine allzu kurze Frist erwiesen hatten. Und das ist bloß eine Konferenz! Auch die Zionisten, die im Vergleich zu uns so trefflich organisiert sind, auch sie beschlossen einen Kongreß vor Monaten. Mit einem Worte: soll eine solche Veranstaltung ihren Zweck erfüllen, so muß sie von langer Hand vorbereitet werden. Andererseits wird man sich wohl erinnern, daß im August vorigen Jahres in London die Vermutung, fast Ueberzeugung ausgesprochen worden ist, die geographische Kommission werde imstande sein, ihre Arbeiten bis zum Frühling zu beendigen. Nun ist diese poetische, vielbesungene Jahreszeit vorbei, ohne die so sehnsüchtig erwartete Entscheidung gebracht zu haben. Das wäre übrigens an und für sich noch nicht so schlimm. Man hat ja durch die Emigrationsregulierung der gegenwärtigen Situation Rechnung getragen, es wurde vorsorglich ein Sicherheitsventil geschaffen, und das ist viel wert. Es ist aber klar, daß ein solches Aufschieben nicht zu oft wiederholt werden kann. Für so ein Vertrösten auf die Zukunft haben wir, Gott sei dank, eine andere ehrwürdige Organisation. Zangwill selbst äußerte sich neulich, er sei überzeugt, daß „die Entscheidung noch im Laufe dieses Jahres zu erwarten ist, wenn nicht Unerwartetes dazwischen kommt" — und es d a r f nichts dazwischen kommen! Kombinieren wir das mit dem, was ich oben über die Vorbereitungen zum Kongreß angeführt habe, so gelangen wir plötzlich zu einem sehr erfreulichen Resultate. Der Kongreß braucht mindestens eine halbjährige Vorbereitung; aber zu jener Zeit wird voraussichtlich auch schon etwas Definitives inbezug auf unser zukünftiges „Ito"-Land vorliegen. Das trifit sich folglich wunderbar zusammen! Denn, daß ein Kongreß am Platze ist, wird niemand in Abrede stellen. Alles was die Schweizer Territorialisten durch ihre Resolution erreichen wollten, ist nun eben, daß mau schon jetzt die entsprechenden Vorbereitungen für den Kongreß trifft, daß man nicht, wenn der entscheidende Augenblick da ist, erst anfängt, „sich in Verbindung zu setzen," wie der schöne terminus technicus lautet. Sonst könnte es eine fatale Geschichte abgeben: „Frisch, Gesellen, seid zur Hand,* ruft vergnügt unser Führer — und ... wo sind die Gesellen? . .. Ich resümiere: Wir müssen jetzt beginnen — und energisch beginnen — den Kongreß vorzubereiten. Das war auch der Sinn der Resolution, meiner Meinung nach. Und — nicht wahr? — „in diesem Sinne kann man's wagen," wie Freund Mephisto sagt. hord Samuel fTlontagu. Am 28. Juni, seinem Geburtstage, hat der englische König Eduard VII, einem alten Brauche zufolge, an seine Untertanen mannigfaltige Auszeichnungen, Würden und Orden verliehen. Die meistbegehrte Würde ist auch in England, wie überall, die eines Peers, eines Mitgliedes des Oberhauses, mit der die Ansprache „Lord" verbunden ist. Diesmal wurden vier Lords ernannt. Und darunter ein Jude, ein echter Jude. Kein Salongigerl, kein Snob, kein Kavalier, der Pferde laufen läßt und Raritäten für teures Geld zusammenkauft, kein Talmi- Engländer, der glücklich ist, wenn ihn die „Gesellschaft" in ihrer Mitte duldet, sondern ein jüdischer Self-made-man, ein konservativer Jude, dem die Schechitah-Frage und die Sabbatruhe Sorge machen, ein jüdischer Volksmann, der seine armen Volksgenossen nicht nur in Whitechapel, dem Zentrum des jüdischen Elends, sondern auch in den russischen Ghettos aufzusuchen pflegte. Welcher englische Jude kennt nicht den Namen Samuel Montagu? Als Sohn eines kleinen Uhrmachers aus Liverpool kam er nach London, um hier im Jahre 1853, kaum 21 Jahre alt, sein Bankgeschäft in der City zu eröffnen Das Bankhaus Samuel Montagu aud Co. wurde bald eines der ersten. Aber sein Chef vergaß seiner Brüder nicht. Die armen Juden von Whitechapel schätzten seinen frommen Sinn, seine Freigiebigkeit und seinen jüdischen Mannesstolz. Im Jahre 1885 wählten sie ihn ins Parlament und er behielt das Mandat durch 15 Jahre. Während dieser Zeit ist Montagu in den Adelstand und dann in den Baronetstand erhoben worden; er blieb trotzdem derselbe Volksmann. Er besuchte Rußland, Palästina und Westamerika, um die Lage der dortigen Juden zu studieren und ihnen nach Möglichkeit zu helfen. Die Palästina-Kolonisation hat in ihm seit Beginn einen warmen Freund gefunden und er

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